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Mercedes F-Cell World Drive Tag 47

Die Ruhe vor dem Sturm

05/11 F-Cell World Drive, Mercedes 47.Etappe, Wuwei-Jiayuguan Foto: Daimler 30 Bilder

Der 47. Tag führt den F-Cell World Drive nach Jiayuguan, ans Westende des alten chinesischen Reiches. Die Neuankömmlinge werden wie Außerirdische behandelt, der aufziehende Sandsturm dagegen ist ein alter Bekannter.

03.05.2011 Markus Stier

Es herrschen Aufregung und Vorfreude. Nicht alle Mitreisenden waren schon in Peking dabei, als der F-Cell-Tross auf die chinesische Mauer stieß. Heute führt die Route nach Westen von Wuwei nach Jiayuguan gleich mehrmals am berühmtesten aller chinesischen Bauwerke entlang.

Auf Mauersuche

Um ja nichts zu verpassen, verlassen wir schon 30 Kilometer, bevor unser elektronisches Roadbook Tripy das Bollwerk ankündigt die Autobahn, denn Abfahrten sind auf den westchinesischen Mautstraßen dünn gesät, und wir wollen nichts verpassen. Die Karte verspricht eine Parallelstraße, die uns direkt zum Ziel bringt, die Realität verspricht ein einspuriges Asphaltband zwischen Autobahn und Tankstelle und eine gut ausgebaute Asphaltstraße nach Süden. Wir müssen aber Kurs West-Nordwest halten.

Nach wenigen Kilometern gabelt sich die Straße, der rechte Abzweig führt in unsere Richtung, ist aber eher schmal geraten und sieht wenig befahren aus. Wohl kaum eine wichtige Landstraße, wie die Karte verspricht. Unser einheimischer Begleiter Fong Lei fragt ein paar Motorradfahrer, doch die haben selbst keine Ahnung. Nach weiteren zehn Minuten biegt die Route scharf nach Südosten ab, das ist ganz sicher falsch.
 
Die Stimmung ist etwas angespannt. Der Zeitplan gerät ins Wanken und ein zu langer Abstecher würde auch den Wasserstoff knapp werden lassen. Schweren Herzens wird umgedreht. Dann rauschen wir eben nur auf der Autobahn an der Mauer vorbei. 30 Kilometer später großes Gelächter. Am Wegesrand stehen verwitterte Fundamente, die erst beim zweiten Hinschauen als ehemalige Mauer erkennbar sind. Wir haben schon Sandburgen gesehen, die nach der Flut in besserem Zustand waren.
 
Wenig später führt die Autobahn mitten durch das Bollwerk hindurch. Hinter einem bröckelnden Wachturm bietet ein Parkplatz Gelegenheit, doch noch zum Fototermin anzuhalten. Wir sind wenig beeindruckt, aber am Ende der Etappe in Jiayuguan erwartet uns ja noch ein vollständig restauriertes Stück Mauer.

Disneyland statt chinesischer Mauer

Jiayuguan ist berühmt für den legendären Jiayuguan-Pass. Als Kenner des Chinesischen würden wir dieses Wort selbstredend nie in den Mund nehmen, denn "guan" bedeutet ohnehin schon Pass und ist damit tautologisch. Die alte Seidenstraße führte durch diese engste Stelle des Hexi-Korridors, einer schmalen Hochebene zwischen zwei mächtigen Gebirgszügen.

Der so gerühmte restaurierte Teil der Mauer an ihrem Westende ist eine Enttäuschung und zieht sich grellbeige durch die Landschaft. Alles hier ist nahezu neu gebaut. Mit ihren Ticketschaltern und Andenkenläden wirkt die Szenerie ein bisschen wie Disneyland, nur dass statt Mickey Mouse und Goofy eine pinkfarbene Plastik-Kamelherde im Bild steht. Die eigentliche Attraktion der Kleinstadt mit 300.000 Einwohnern ist die Festung, die zwischen zwei Hügeln auf 1.600 Metern Höhe liegt.

Wie gewöhnlich waren es die Herrscher der Ming-Dynastie, die im späten Mittelalter das Fort erheblich ausbauen ließen. Man täte den Ming-Kaisern Unrecht, wenn man sie wegen ihrer regen Bautätigkeit als Geldprasser beschimpfen würde. So sagt die Legende, dass der verantwortliche Offizier den Baumeister der Festung misstrauisch befragte, ob denn die angegebene Anzahl Ziegel auch korrekt sei. Der Architekt fühlte sich in seiner Ehre gekränkt, holte demonstrativ noch einen Ziegelstein und legte ihn zu den anderen. Als die Festung fertig war, blieb exakt dieser Stein übrig, der noch heute auf einer der Mauern liegt.

Hinter der Mauer lauern die Barbaren, davor die Aliens

Abgesehen von den Festungsbaumeistern war den Machthabenden die Gegend nicht geheuer. Hier war das absolute Westende des Reiches, dahinter lungerten nur noch die Barbaren aus der Mongolei, die gern mal auf einen Überfall vorbeischauten. Umherziehende Horden und die Karawanenstraße sorgen heute noch für einen bunten Mulitkulti-Mix aus zehn ethnischen Gruppen, darunter Tibeter und sogar Koreaner.

Nur Europäer kommen so weit entfernt von den Metropolen kaum vorbei. Beim Festungsbesuch an einem der raren Ruhetage herrscht unter den Einheimischen aufgeregtes Kichern. Der Versuch, deren Erinnerungsfoto nicht durch stumpfsinniges Durchsbildlatschen zu vereiteln wird gleich mit dem ausdrücklichen Wunsch beantwortet, man möge doch bitte unbedingt mit aufs Bild. Erklärt sich der fremdartige Gast bereit, springen sofort die Damen nach vorn, um sich neben dem Riesen mit der Riesennase ablichten zu lassen. Es wäre zu klären, wer von beiden Seiten am Ende mehr zu erzählen hat.

Seit wir vor einer Woche Peking verlassen haben, begegnen uns die Menschen nahezu überall mit Neugier und entwaffnender Offenheit. Viele Chinesen winken beim Überholen aus den Autofenstern. Wird ein Kameraobjektiv auf sie gerichtet, winken sie freudig und staunend. In Jiayuguan sind Außerirdische gelandet. Die Aliens sind offensichtlich nicht feindlich gesinnt, also begegnet man ihnen ebenfalls freundlich.

Schmerzhafte Operndarbietung

Und so bietet eines der kleinen Mädchen sofort ihren Stuhl an, obwohl der Fremde sie beim gebannten Zuschauen stört. An einem Mauerabschnitt wird eine chinesische Oper aufgeführt. Das Orchester hat gerade eine Mannschaftsstärke von einem halben Dutzend, es ist auch nur ein Dreipersonenstück.

Es geht scheinbar darum, dass die schon etwas in die Jahre gekommene Hauptdarstellerin dem nichtchinesischen Ohr mit wimmerndem Sopran nach dem Trommelfell trachtet, in Wahrheit trachtet sie der Nebenbuhlerin nach dem Leben, weil der ebenfalls nicht mehr ganz frische Gatte die neue Zweitfrau offenbar bevorzugt. Die ist auch nicht mehr taufrisch, bleibt aber am Leben, denn den vergifteten Cocktail leert versehentlich der Gatte. Prompt wird die Unschuldige der beiden Witwen wegen Mordes verhaftet, aber am Ende - so versichert man uns - geht alles gut aus. Wir haben doch lieber vorzeitig das Weite gesucht, die schrillen Klänge aus den Lautsprechern sind für das nicht geschulte Gehör nach kurzer Zeit schmerzhaft. Wir erinnern und an den Film Mars Attacks, wo den bösen Außerirdischen am Ende mit jammernder Countrymusik die Köpfe zum Platzen gebracht werden.

Aliens, die mit Fingern essen

Bei uns hängt eher der Magen durch, und so machen wie uns auf den Weg in die Stadtmitte. Am Pausentag gibt es ausnahmsweise mal keinen Pappkarton mit Sandwiches und kalten Hühnerbeinen, wir haben für ein gepflegtes Mal und erleben prompt ein Musterbeispiel an chinesischer Gastfreundschaft gegenüber fremden Zivilisationen.

Der Besitzer kommt aufgeregt geeilt und lässt über seinen gebrochen Englisch sprechenden Sohn mitteilen, dass wir die ersten Fremdländer seien, die je einen Fuß in sein Lokal gesetzt hätten. Er bittet zum gemeinsamen Foto. Sofort parken wir unser kleines, grünes Raumschiff vor der knallroten Hausfassade und treten zum Gruppenbild an. Völlig aus dem Häuschen sind Vater und Sohn, als sie in unserer Landefähre auch noch Platz nehmen dürfen.

Während Übersetzerin Ya Ling sich eben noch quälte, welche lokalen Kostbarkeiten sie sich und uns zumuten könne, wird ihr sobald jede Verantwortung genommen, denn der Maitre entreißt ihr die Karte und kündigt die größten Köstlichkeiten des Hauses an. Es gibt einen exzellenten grünen Bohnensalat mit etwas Chili, auch die Gurken sind mit Chili gelungen angemacht, Dazu wird ein ebenfalls leckerer Auberginensalat gereicht und etwas, dass aussieht wie kalte Tagliatelle - aber mit der Konsistenz von Qualle. Ya Ling weiß den chinesischen Namen der gewöhnungsbedürftigen Vorspeise,  findet aber keine Übersetzung und wir keinen Gefallen.

Schließlich folgen die Hauptgänge mit kross gebratenem Lamm und einem Lammeintopf mit Zwiebeln, Knoblauch und Tomaten. Dass an jedem Stück Fleisch noch ein Stück Knochen hängt, ist für Europäer etwas ungewohnt, vor allem wenn sie versuchen, das Fleisch mit Stäbchen zu lösen. Aber auch der Chinese kocht nur mit Wasser: "Nehmt einfach wie ich die Finger", sagt Ya Ling.

Die unglaublich schüchterne Kellnerin spricht nur zwei Worte Englisch. "You`re welcome", spricht sie nach jeder Danksagung mit glühenden Wangen. Schon will sie mit neuen Kulinarien aufwarten, aber wir ziehen die Notbremse. Allenfalls noch ein paar Löffel von dem Süppchen, das in China immer zum Schluss der Mahlzeit gereicht wird, dann ist es genug.

Das Anfordern der Rechnung ignoriert der Besitzer komplett. Er schüttelt herzlich alle fremden Hände und bittet, wir mögen doch bald wiederkommen. Dass zum Abschied auch den Kellnerinnen die Hand geschüttelt wird, ist denselbigen peinlich, weil völlig unüblich, wird aber als Marotte der extraterrestrischen Kultur akzeptiert.

Wir müssen nun sehen, dass wir schnell ins Hotel kommen. Der Himmel hat sich dunkelgelb verfärbt. Wie wallender Schwefel rollt ein Sandsturm auf die Stadt zu. Zehn Minuten später heult der Wind ums Haus, nach zwei Stunden liegt trotz geschlossener Fenster eine feine Sandschicht auf jeder ebenen Fläche des Zimmers. Kaum hat sich die Sandwolke nach dem Sturm in der Wüste Gobi vor drei Tagen halbwegs gelegt, wird wohl auch auf der Weiterreise ein sandiger Nebel klaren Sonnenschein und blauen Himmel verhindern.

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