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Mercedes F-Cell World Drive Tag 50

Lippen in Flammen

05/11 Mercedes F-Cell World Drive, B-Klasse, Brennstoffzelle, 50. Tag Foto: Markus Stier 20 Bilder

Der 50. Tag des F-Cell-World Drive bietet wenig landschaftliche Höhepunkte und keine großen Abenteuer, außer vielleicht dem Essen im Straßenrestaurant.

06.05.2011 Markus Stier

Der versierte Küchenchef empfiehlt: Heute keinen Fisch. Es ist schon wieder Mittagsrast. Mit 213 Kilometern war die Morgenetappe eher kurz, aber der Weg zum Wasser ist weit. Es gibt keine Großstadt der Welt, die es so schwer hat an frischen Fisch zu kommen wie Ürümqi in Xinyiang. Der kürzeste Weg zum Meer wäre Luftlinie der nach Dhakla in Bangladesh, aber über den Himalaja gibt es keine Straße. So müsste Meeresgetier aller Art aus Tianjin bei Peking kommen, was mindestens dreieinhalbtausend Kilometer ausmacht.

Milliarden Chinesen - wo denn?

Ein paar Kilometer jenseits von Ürümqi oder Urumtschi, wie wir in Deutschland sagen, ist die Hauptstadt des autonomomen Gebietes von Xinyiang, durch das wir schon seit drei Tagen reisen, noch eineinhalb werden folgen. In unseren Breiten wird viel gesprochen über die unglaubliche Bevölkerungszahl von 1,3 Milliarden Chinesen. Das Reich der Mitte stellen wir uns wie ein endloses Gewimmel von Menschen vor, doch das betrifft nur den dicht besiedelten Osten des Landes. Das größte Teilgebiet Xinjiang hat gerade mal 22 Millionen Einwohner, also fast vier mal weniger als die Bundesrepublik. Der spärlichen Bevölkerung stehen allerdings 1,66 Millionen Quadratkilometer zur Verfügung. Wem solche Zahlen zu abstrakt sind, der schneide einfach mal spaßeshalber Deutschland aus dem Atlas aus und lege es auf Xinjiang. Es wird viereinhalb mal hineinpassen.

Schmalfuß in der Lunchbox

Womit wir wieder beim Fisch wären. Am Morgen in Turpan fiel der Strom im kompletten Stadtteil aus. Wer nicht früh beim Frühstück war, bekam nicht mal einen heißen Tee. Mittags essen wir in China regelmäßig aus weißen Pappkartons. Was haben wir in den vergangenen zwei Wochen gelästert, dass jedes Mal ein kaltes Hühnerbein in der Lunchbox lag, prompt hat man es uns heute gestrichen. Das Einzige, was sich darin heute findet sind zwei knochentrockene Brottaschen mit einem Salatblatt, einer Scheibe Wurst und ein paar Zwiebelringen. Dazu gibt es ein Plastiktütchen mit einem halben Dutzend Kirschtomaten und einer Baby-Schlangengurke. "Ah, du isst dein vegetarisches Hühnerbein", lästert Tankchef Thomas Werner.
 
Die Rettung kommt mit Ya Ling. Die kleine Übersetzerin aus Peking ist unser Sonnenschein und hat telepatisch die Not erkannt: "Willst du Nudeln?" Aber klar. Die Lunchboxen haben wir ja eigentlich deshalb bekommen, damit niemand an der Straße sein Essen organisieren muss. Wer weiß, was es da gibt, und vor allem: Wer weiß, ob man das verträgt. So haben wir auch erstmals seit Tourbeginn ein offizielles Medical Car mit prunkvollem Esculab-Stab auf den Flanken im Beritt. Zugegeben, es waren auch schon in Australien Ärzte an Bord, aber eher wegen der giftigen Schlangen und Spinnen oder Schlägereien mit betrunkenen Truckfahrern. Der Doc sitzt schon am Tisch des Straßenrestaurants, das bei sengender Höhensonne immerhin einen angenehmen Schatten wirft. Brennen wird es gleich noch genug.

Lippen in Flammen

Es wird viel erzählt und geschrieben über das in unseren Augen entsetzliche Essensgebaren der Chinesen. Da wird geschmatzt und geschlürft, ja sogar gespuckt und gerotzt - auf den Boden neben dem Tisch selbstredend. Wir haben in den vergangenen 14 Tagen niemanden gesehen, der sich so aufgeführt hätte, bis - nun ja, es lässt sich nicht anders sagen - bis heute der Typ am Nebentisch aufspringt und sich die Seele aus dem Leib kotzt.
 
Der Doc bleibt völlig entspannt, empfiehlt die scharfen Nüsse aus der Plastiktüte und lobt das chinesische Allerlei auf seinem Teller, das aus gebratenem Hackfleisch, Zwiebeln, roten Paprika und grünen Pfefferschoten in herzhafter Soße besteht. Das ganze kippt man sich über die kurz darauf gelieferten langen Nudeln. Die Essensreste am Boden nebenan sind schnell aufgewischt, man geht pietätvoll über das Missgeschick des Lastwagenfahrers hinweg, bis auf unseren Fotografen-Chauffeur Alex, der nach dem Gewürge hinter sich drei Mal laut ein neues Mantra vor sich hinbetet: "Das habe ich jetzt nicht gehört".
 
Man kann über die äußerlich leicht abgeschmackte Lokalität sagen, was man will: Es schmeckt wunderbar. Der Dalai Lama sagt: "Schmerz ist eine Frage des Bewusstseins", also gilt es, die in Flammen stehenden Lippen zu ignorieren, bis sie annähernd taub sind. Es ist aber eben nicht nur scharf, sondern sehr gut abgeschmeckt, der Teller wird komplett leer gegessen und mit einem eisgekühlten Wasser begossen. Erwähnte ich schon, dass in dieser Raststättenklitsche die Nudeln permanent frisch selbst gemacht werden?
 
Wir Deutschen stehen in den Statistiken über Ausgaben für Nahrung in Europa weit unten, wir brauchen also nicht die Nase über fremde Küchen rümpfen. Für die Chinesen ist Essen eines der wichtigsten Dinge überhaupt. Am wichtigen Frühlingsfest, das praktisch eine Woche dauert, gibt es eigentlich nur drei Gesprächsthemen: Was essen wir heute, was essen wir morgen und was übermorgen?

Land der dutzend Küchen

China hat nicht eine Küche, sondern gleich ein Dutzend. Wir waren in einem Sichuan-Restaurant und haben Fleisch aus einem siedenden Topf mit scharfen Soßen gegessen. Ebenso berühmt ist die kantonesische Küche, die weniger scharf, dafür eher süßsauer ist. Wir hatten köstlich paniertes Schwein in süßsauerer Soße, und wir hatten das chinesische Gericht überhaupt: Peking-Ente. Die in einem aufwändigen Verfahren und angeblich sogar speziell für dieses Ende gezüchteten Tiere, werden in Scheibchen mit einer karamellfarbenen, knusprigen Kruste gereicht. Die Fleischschnitze werden mit Zwiebelsticks und Gurke in einen dünnen Teigfladen gelegt und mit einer Art Hoisin-Soße beträufelt, eingewickelt und dann gegessen. Wir hatten eine köstliche Pekingente in Datong, was aber natürlich nicht gilt.
 
Der Chinese neigt zum Kulinarfundamentalismus, was bedeutet, dass ein Gericht, dass nach einer Stadt benannt ist, unmöglich in einer anderen Stadt vernünftig zubereitet werden kann. "Das war nicht die wahre Peking-Ente", urteilt unser Begleiter Fong Lei. Es half aber auch nichts, als wir ihm ganz stolz in Peking verkündeten, eine wahre Peking-Ente verzehrt zu haben. "Das war nicht im richtigen Restaurant", behauptet er knochenhart.
 
Apropos Knochen: Gewöhnungsbedürftig ist, dass viele Fleischgerichte in China einfach kleingehackt werden, Knochen und Knorpel finden sich am Fleisch selbst in Eintöpfen wieder. Messer und Gabeln gibt es nur in Ausnahmefällen. Während sich der Europäer fragt, mit welcher jahrelang geübten Stocktechnik der Chinese mit Stäbchen das Fleisch vom Knochen löst, hat der längst den Brocken in den Fingern und lutscht genüsslich am Lammwirbelende.

Maultaschen und Wanderkloster

Garantiert knochenfrei sind xioolong boo, gedämpfte Teigtaschen mit Hackfleischbällchen, die in Shanghai mit einer dunklen Essigsoße verzehrt werden. Die gibt es alle Nase lang und halten die Urschwaben im Tross bei Laune, sind sie doch praktisch nichts anderes als die asiatische Variante der Maultasche.
 
Einen Doktor dabei zu haben, ist eine Sache, aber es kann nicht schaden, für eine geordnete Verdauung um höheren Beistand zu bitten. Wir laufen am Nachmittag ein buddhistisches Kloster an, dass Fotograf Walter an der Autobahn ausgespäht hat. Es liegt am hintersten Ende einer Industriebrache. Am Horizont erhebt sich ein mächtiges Kraftwerk. Die Religion wird, anders als in vielen anderen kommunistischen Staaten in China geduldet, aber sie darf dem Fortschritt nicht im Weg stehen. Das Kloster stand vorher ganz woanders, aber dort musste es weichen. So wird es also gerade hier wieder aufgebaut.
 
Und so türmt sich allerorten Bauschutt, es riecht nach frischer Farbe und Lösungsmitteln. Ein Dutzend Arbeiter pinseln die Säulen rot und sprühen die Bodhisattvas weiß. Ya Ling entdeckt eine große Statue der populärsten Bodhisattvas auf der Rückseite. "Wenn du ein Problem hast, betest du zu Guan Shi Yin Pu Sa. Sie hilft dir mit ihrem magischen Wasser."
 
Freundliche Hilfe leistet auch Shi Li Quing. Sie ist Novizin im Kloster, sehr freundlich und schüchtern, aber nach mehrmaliger Ermutigung setzt sie sich in unsere B-Klasse. Anstatt das Auto zu bestaunen, schließt sich augenblicklich die Augen und faltet die Hände. Sie betet für eine gesunde und sichere Weiterfahrt. Auch wir wollen helfen und spenden aus der Reisekasse für den Wiederaufbau des Klosters. Li Quing besteht darauf, dass wir unsere Namen hinterlassen, man könne uns vielleicht an irgendeiner Stelle als Stifter verewigen. Apropos Ewigkeit: Die Lunchbox mit einem völlig vertrockneten Fladenbrot habe ich völlig vergessen. Ich muss morgen unbedingt erst mal den Kofferraum aufräumen.

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