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Mercedes F-Cell World Drive Tag 61

Elektronische Geheimwaffe im Gepäck

Mercedes F-Cell World Drive, B-Klasse, Brennstoffzelle, 61. Tag, Moskau - Tver Foto: Markus Stier 31 Bilder

Nach einem Ruhetag in Moskau macht sich der Mercedes F-Cell World Drive am 61. Tag weiter auf den Weg nach Nordwesten. Gegen die wegelagernde Polizei haben wir dieses Mal eine Geheimwaffe dabei.

21.05.2011 Markus Stier

Moskaus Arbeiterklasse erhebt sich. Eine Viertelstunde lang hat sich nichts gerührt, aber dann steht das Volk auf. Einer lässt die ist Fanfare des Zorns ertönen, und es dauert keine Minute, da stimmt das gesamte Volk mit ein. Sie haben bereits den Kreml umzingelt.

Lenin darf nicht unter die Erde

Trotz dieses sehr sozialistischen Vorkommnisses würde sich Lenin im Grabe herumdrehen, wenn er denn könnte. Seit 87 Jahren liegt der Vater der Revolution in seinem Mausoleum am Fuß der Kreml-Mauer. Seine Familie würde ihn gern begraben lassen, der Staat stellt ihn lieber aus. Das Tauziehen dauert schon 20 Jahre. Lenin empfängt heute keinen Besuch. Die Feierlichkeiten mit der Parade zum Sieg über Nazi-Deutschland am 9. Mai haben ihn wohl etwas überanstrengt. Er muss nun ein paar Wochen in Kur. Angeblich kümmert sich jeden zweiten Tag eine Mannschaft von Einbalsamierern um den Erhalt des Leichnams.

Zurück zum Schauplatz des anderen Geschehens: Das wütende Hupkonzert der Moskauer ist nichts, was die an Mauern und Parks stehenden Wachmannschaften in kleinste Erregung versetzen könnte, denn die Einkesselung des Regierungsbezirks ist ein tägliches Schauspiel, das allerdings heute auf die Spitze getrieben wird. Ein Polizist hat die Kreuzung vor der Haupteinfahrt abgeriegelt. Anscheinend kommt jemand Wichtiges. Alle anderen aber möchten lieber weg, und das können sie nicht. Der eine Schutzmann blockiert sowohl den zweispurigen Verkehr von der Moskwa-Brücke, als auch die beidseitig, dreispurig angerollten Massen an der Uferstraße.

Reiche leisten sich ein praktisches Blaulicht

Die Wut richtet sich nicht nur gegen das ständige Warten auf eine einzige dunkle Limousine, es geht in der ehemaligen Klassengesellschaft vor allem um die neue Zwei-Klassengesellschaft. Wer es sich leisten kann und wichtig genug ist, kann sich eine Lizenz für ein Blaulicht erkaufen. Und so düsen die Reichen und Mächtigen in ihren Audis, Mercedes und Range Rovern mit Tempo 80 an den Staus vorbei, während das hart arbeitende Volk steht.

Kein Wunder, dass im russischen Straßenbau nichts vorangeht. Seit drei Jahrzehnten diskutiert Russland über ein dringend nötiges Autobahnnetz. Nicht einmal die Achse in die frühere Hauptstadt Sankt Petersburg hat eine durchgehende Schnellstraße. Aber dieses Thema würde eine Unmenge Geld kosten, vor allem in Moskau, wo Grund und Boden enorm teuer sind.

Moskau riecht nach Geld

Die Kommunisten rissen einst Moskaus bedeutendste Kirche ab, um dem Volk ein Schwimmbad zu bauen, doch die Kapitalisten sind keinen Deut besser. In den letzten Jahren fielen reihenweise Altstadtgebäude den Immobilienhaien zum Opfer, die darauf Apartmenthäuser und Hotels errichteten. Egal ob die Läden des gigantischen Kaufhauses Gum am Roten Platz, die Schuhe der Damen oder die geparkten Autos auf den Straßen, Moskau riecht nach Geld. Mit seinen laut Forbes-Liste 79 Milliardären hat Moskau New York längst hinter sich gelassen.

Per Kristian mag skandinavische Vorfahren haben, ist aber waschechter Amerikaner und sitzt mit zwei Kollegen auf der Dachterrasse des Ritz-Carlton-Hotels. Die Abendsonne scheint gelb auf den Kreml gegenüber, die Drinks leuchten davor in Orange. Man trinkt „Red Square“, dessen Hauptingredienz selbstverständlich Wodka ist. 40 Mann hat Per Kristian in seiner Mannschaft, die sich auf Unternehmensberatung spezialisiert hat. "Du hast mit Autos zu tun? Dann ist das hier der richtige Ort", sagt er bestimmt.

Aber wir wollen nicht nur übers Geld reden. Den Kreml kannten wir früher nur aus Filmen, wenn die bösen Kommunisten wieder Mal einen Atomschlag gegen die Queen oder den Präsidenten der USA im Schilde führten und James Bond oder Arnold Schwarzenegger die Lage unter Kontrolle bringen mussten. Selbstverständlich lag immer Schnee auf den Mauern und der Himmel hing bedrohlich düster über den goldenen Zwiebeltürmen der Privatkirche des Zaren.

Central Park in New York ist nur Vorgärtchen

Doch heute strahlt die Sonne. Es wird Sommer in Moskau. Im Alexanderpark blühen die Tulpen in sechs Farben. Überhaupt ist Moskau eine der grünsten Metropolen der Welt. 27 Quadratmeter Parkfläche hat jeder Moskowiter im Schnitt zur Verfügung, die Pariser müssen mit sechs auskommen, die Londoner mit 7,5. Gegen die gesamten Grünflächen von Moskau wirkt der Central Park in Manhattan wie ein Vorgärtchen. Der New Yorker hat auch nur 8,6 Quadratmeter zum Joggen und Gassi gehen.

Erst nach einer knappen Dreiviertelstunde rollen die ersten Autos vor dem alten Zarenpalast an. Es gab bereits zwei weitere Hupkonzerte. Der einzige Verkehr, der problemlos fließt, sind die Ausflugsdampfer auf dem Fluss daneben. Man regt sich wieder ab. Es wird schließlich morgen wieder so sein. Auch das ist typisch Moskau: Aufwallender Zorn und stoischer Gleichmut liegen dicht beieinander.

Im moskauer Stau hilft nur Meditation

Einige der Insassen des Kleinbusses auf dem Weg nach Lianozovo im Norden erwägen einen Übertritt zum Buddhismus und wünschen sich einen Schnellkurs in Meditation. Die ersten paar Kilometer schien alles gut zu laufen, doch ausgerechnet außerhalb des Stadtzentrums ging plötzlich nichts mehr.

Jurij müsste jetzt was tun. Schließlich hat er Raketentechnik studiert. Aber leben konnte er davon nicht. Seit fünf Jahren ist der 34-Jährige Autojournalist. Davon kann man leben in Moskau, wo allein 2,6 Millionen Autos zugelassen sind.

Es dauert geschlagene zwei Stunden, bis unser Grüppchen von der Kreml-Besichtigung endlich den See von Lianozovo erreicht hat, wo unsere drei B-Klassen stationiert sind. Immerhin haben wir heute nur rund 200 Kilometer vor uns, es ist die kürzeste Etappe der bisherigen Reise. Es kommt nur niemandem so vor, wenn er schon vorher eine gefühlte Ewigkeit im Bus gehockt hat. Unsere Route führt glücklicherweise weiter aus der Stadt heraus, aber staufrei geht es dennoch nicht weiter. "Es ist Freitag, da fährt jeder raus zu seiner Datscha", sagt Jurij.

Geheimwaffe gegen Radarfallen im Einsatz

Für einen ehemaligen Moskauer Kartmeister lässt er es auch auf den freien Strecken sehr verhalten angehen. Die Strecke nach Tver kennt er auswendig, schließlich führt ihn sein Weg jede Woche hier hinaus, denn 60 Kilometer nordwestlich von Moskau liegt hier Russlands einzige Autoteststrecke.

Der Weg dahin ist gespickt mit Radarfallen und Polizeikontrollen, aber Jurij hat ein Gegenmittel. Seit einer Stunde piepst ein Radarwarner immer wieder aufgeregt vor sich hin. Die sind in Russland legal und ein wirksames Gegenmittel gegen die Staatsgewalt. "Es ist ein Spiel", sagt Jurij. Die Polizei versteckt die Ortseingangsschilder, so gut sie kann, hinter nicht geschnittenen Büschen und kassiert die ab, die das Spiel nicht begreifen.

Spielregeln der russischen Polizei

Auf der einen Seite können die Russen ihre teilweise korrupte Staatsgewalt nicht ausstehen, auf der anderen Seite drückt die meist beide Augen zu, wenn der Delinquent lediglich 20 bis 30 km/h zu schnell war. "Dafür lieben wir die Polizei" sagt Jurij. Bei 40 km/h über dem Limit können schon mal 500 Rubel fällig sein, umgerechnet rund zwölf Euro. "Fährst du aber 43, kostet es schon 1500 Rubel", sagt Jurij und warnt zudem vor dem Überfahren durchgezogener Linien. Die Russen müssen beim Missachten von Überholverboten sofort für ein halbes Jahr den Führerschein abgeben.

Also fahren wir ganz brav dahin. Schließlich haben wir heute nicht mehr viel vor. Rund um Moskau gibt es den berühmten goldenen Gürtel, eine Kette von 20 Städten, in denen es vor historischen Baudenkmälern nur so wimmelt. Aber unser Etappenziel Tver gehört laut unserer Scouts nicht dazu. Alles, was es am Stadtrand zu sehen gibt ist ein Stau von zehn Kilometern Länge. Polizei oder Linien hin oder her. Wir sind alle so entnervt, dass wir dem erstbesten Russen auf den geschotterten Standstreifen folgen und mal wieder über Buckel und Löcher unserem Ziel entgegenstreben.

Bei Ankunft um halb Acht am Abend wird Bilanz gezogen. Unser elektronisches Roadbook Tripy warnte vor drei Radarfallen, von denen nicht eine einzige funktionstüchtig war, Jurijs Radarwarner schlug dagegen sieben Mal an. Wir gingen kein einziges Mal in die Falle.

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