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Mercedes F-Cell World Drive Tag 62

Der Fluch der Titanic

Mercedes F-Cell World Drive, B-Klasse, Brennstoffzelle, 62. Tag, Tver - Welikij Nowgorod Foto: Markus Stier 20 Bilder

Der 62. Tag des F-Cell World Drive hätte ein gemütlicher Ausflug im russischen Frühling sein können, bis ein fürchterliches Geräusch von unten die Mannschaft von Wagen Eins aufschreckt.

22.05.2011 Markus Stier

Schon der Morgen hätte eine Warnung sein müssen. Die gestern bei einer Straßenhändlerin erstandene Soße im Einmachglas hat über Nacht den Deckel abgesprengt und versucht zu entkommen. Tatjana, eine unserer Dolmetscherinnen hatte noch ganz enthusiastisch gesagt: "Das ist die beste Soße, die es gibt – meine Lieblingssorte." Jurij sagte: "Das ist eine scharfe Soße, die man zu allem Möglichen isst."

Nun, das Zeug ist offenbar so scharf wie eine Handgranate, die dir jeden Moment um die Ohren fliegen kann. Wenigstens hält sich die Sauerei in Grenzen. Das Kunstledersofa im Hotelzimmer ist abwaschbar.

Motivjagd, ESP-Zwang und sumpfige Wege

Aber weit schlimmer als sinnlos verprasste 100 Rubel ist dieses Geräusch kurz vor dem Ziel. Eine halb verfallene Holzhütte, in der ein Räucherofen munter in den Himmel über der Wolchow qualmt, hat es dem Kollegen Fotograf angetan. Es führt nur ein übler Feldweg ans Ufer des Flusses. Rechts und links ist das Gelände so unwegsam oder sumpfig, dass an Wenden nicht zu denken ist. Also retour im Rückwärtsgang.

Es wäre alles kein Problem, ohne diese Stelle mit den tiefen schlammigen Spuren. Man muss sich wie beim Hinweg ein bisschen links versetzt halten, um durchzukommen. Einer der Nachteile an unserer B-Klasse ist nämlich, dass es keine ESP-Abschaltung gibt. Beginnen die Vorderräder haltlos zu wühlen, riegelt die Elektronik ihnen die Leistung ab, und schon steckst du fest. So gilt es also, kritische Passage mit Obacht und dennoch mit Schwung zu nehmen.

Doch gut versteckt wie ein Eisberg im Nebel lauern links im Gras ein paar Ziegel, die jemand hinterlassen hat, um ein übles Loch aufzufüllen. So ein Auto ist ein fantastischer Resonanzkörper, und so haben wir auf dieser langen Reise des öfteren furchterregende Geräusche vom Unterboden vernommen, wenn wieder einmal ein Stein dagegenschlug, oder eine fiese Kante daran entlang schabte.

F-Cell B-Klasse aufgeschlitzt

Doch dieses hier ist anders. Lauter, länger, schlimmer. Es hilft nichts, wir müssen doch anhalten. Beim Blick aus der Tür wird das Problem sichtbar. Also vorsichtig wieder ein Stückchen vorwärts. Abermals ertönt ein Lärm, als würde ein Riese einen Betonmischlaster in den Händen zerknüllen, als würde unsere B-Klasse gerade wie eine Sardinenbüchse aufgeschlitzt.

Irgendwie gelingt es, das Auto zu befreien und die Straße zu erreichen. Das Hotel und der zweite Tankstopp sind nur zwei Kilometer entfernt. Das Auto fährt problemlos und auch der unten liegende Brennstoffzellen-Stack vermeldet kein Unwohlsein. Aber man kennt das ja: Auch auf der Titanic haben sie gesagt: Der Pott kann nie absaufen. Im Ziel legt sich Konvoichef Jürgen Banken unters Auto: "Da leuchtet mir glatt ein Gänseblümchen entgegen", sagt er verwundert und zerrt ein Grasbüschel hervor. Die Kunststoffverkleidung des Unterbodens ist gerissen. Sofort kommt ein Techniker mit dem Diagnosekabel. Die Datenauslese meldet keinen Fehler. "Das ist schon mal ein gutes Zeichen", sagt der Brennstoffzellen-Doktor.

Wagen Nummer Eins schwebt nicht in Lebensgefahr

So werden wir also als nicht ernsthaft verletzt entlassen. Tiefes Durchatmen. 62 Tage lang nicht einen Kratzer ins Auto gefahren. Na gut, untenrum hat es hier und da schon mal gerumpelt, aber da sieht ja keiner was. "Es war meine Schuld", sagt Fotograf Walter zur Entlastung, aber das gilt nicht. Verantwortlich ist der Kapitän am Ruder. Da gibt es keine Ausreden. Immerhin ist aber klar, Auto Nummer Eins kann die Reise ohne Probleme fortsetzen.

Die führte heute über rund 360 Kilometer von Tver nach Welikij Nowgorod. Es gab – abgesehen von unserer Querfeldein-Eskapade – immerhin eine durchgängige Asphaltstraße und nur einen einzigen Stau. Nur zwei Radarfallen lauerten sichtbar auf der Mittelleitplanke, die Polizei hat uns heute nicht behelligt. Vielleicht spüren die Beamten die starke Anwesenheit der Macht. Zusätzlich zur Ausbildung zum Yedi-Ritter sollte uns der einlaminierte Zettel helfen, falls die Ordnungsmacht wieder mal im Weg steht. Seit Moskau führen wir eine offizielle Akkreditierung des russischen Außenministeriums an Bord, ein Passierschein wie damals der Kurier des Zaren. Sollte uns irgendjemand quer kommen, zücken wir künftig die Lizenz zum Passieren und Fotografieren.

Russische Extremisten kreuzen unseren Weg

Doch niemand hindert uns am Ablichten des Düsenjets, der neben der Landstraße auf einer Säule himmelwärts strebt. In den letzten Tagen säumten immer wieder Panzer den Weg, Symbole des Sieges und Mahnmale an die Schrecken des Krieges gegen Deutschland. Gestern, an einem T37-Panzer standen drei junge Männer vor uns, von denen einer beim Abmarsch drohend knurrte: "Stalin ist zurück." Kollege Jurij meint, es wären einheimische Extremisten gewesen. Er machte ein sorgenvolles Gesicht und plädierte für zügige Weiterfahrt.

Gerade in Welikij Nowgorod hat der Krieg schwer gewütet. Der Großteil der historischen Altstadt fiel deutschen Bombern zum Opfer. Was für ein Verbrechen. Man muss nämlich wissen, dass die Stadt eine der ältesten Russlands ist. Gegründet wurde das Land nicht etwa von den Slawen, sondern von schwedischen Wikingern. Wenn die Waräger mit ihren Schiffen die Flüsse hinaufkamen schrieen die Posten am Ufer: „Rus“, was Ruderer bedeutet.

Untersuchung der B-Klasse auf dem OP-Tisch

Die skandinavischen Invasoren verlegten sich später auf den weniger stressigen Handel und gründeten auf der alten Handelsstraße zwischen Ostsee und Schwarzem Meer den Ort, der später Welikij Nowgorod, die "neue, große Stadt" heißen sollte. Statt Drachenbooten liegen heute am Ufer neben dem noch erhaltenen Kreml nur zwei kleine Ausflugsdampfer und die getürkte Variante eines alten Segelkriegsschiffes, das in Wahrheit ein modernes Restaurant ist.

Nach dem kleinen Ausflug in die Stadt legen wir an der Wasserstofftankstelle an, und anschließend kommt das Auto ins Trockendock, um den unteren Teil des Rumpfes in Augenschein zu nehmen. Jemand hat im Ort eine Hebebühne aufgetrieben.

Lange bleibt die Service-Mannschaft weg, das ist normalerweise kein gutes Zeichen. Erst beim Abendessen kommt Entwarnung. "Es ist nichts", sagt Mercedes-Technikerin Marie. Die Risse im Unterboden sind mit Gewebeband abgeklebt. Welche Lehre ziehen wir aus dem letztlich glimpflich ausgegangenen Vorfall? Auf so einer Weltreise sollte man vielleicht das Titanic-T-Shirt lieber zu Hause im Schrank lassen.

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