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Mercedes F-Cell World Drive Tag 64

Der Atem der Geschichte

05/11 Mercedes F-Cell World Drive, B-Klasse, Brennstoffzelle, 64. Tag, St. Petersburg-Helsinki Foto: Markus Stier 24 Bilder

Am 64. Tag überquert der Mercedes F-Cell World Drive die Grenze von Russland nach Finnland. Streng genommen tut er das gleich zwei Mal, denn vor 70 Jahren tobte hier ein erbitterter Krieg um 100 Kilometer Boden.

24.05.2011 Markus Stier

Sie stehen da in Reih und Glied wie Soldaten. Findlinge, so groß wie Spülmaschinen ragen zu 50 Stück oder mehr aus dem Boden. Auf den ersten Blick wirkt das Ensemble im Kiefernwald wir eine Kultstätte aus der Steinzeit. Dass diese von Menschenhand gemachte Steinformation jünger ist, zeigt nur das orthodoxe Holzkreuz am Straßenrand. Die steinernen Wächter sind tatsächlich so etwas wie ein Friedhof, auch wenn unter ihnen niemand begraben liegt.
 
Die Finnen waren es gewohnt, dass jemand Fremdes über sie herrscht. Seit dem Mittelalter erklärte sich das mächtige, benachbarte Schweden zur Schutzmacht des Landes jenseits des bottnischen Meerbusens. Im frühen 18. Jahrhundert dann waren es die russischen Zaren, die über ihre westlichen Nachbarn herrschten. Dann kamen die Schweden zurück, dann abermals die Russen. Erst als das alte Zarenreich nach der Oktoberevolution 1917 zerfiel, erklärte das kleine Finnland seine Unabhängigkeit.

Rote Armee überschreitet die Grenze

Der sowjetische Staatsgründer Lenin hatte kein Problem mit der Abspaltung der scheinbar unbedeutenden Moränenlandschaft voller Wald und Seen, sein Nachfolger Stalin schon. Von Furcht vor Hitler und den Deutschen und von Machthunger getrieben, forderte er von den Finnen ein kleines Gebiet namens West-Karelien, dass fast von St. Petersburg (dem damaligen Leningrad) bis kurz vor Helsinki reicht.
 
Karelien oder Karjala, wie die Finnen sagen, ist eines der abgelegensten Gebiete Europas. Gigantische Wälder, durchzogen von Seen und Sümpfen erstrecken sich Hunderte von Kilometern entlang der über 1.000 Kilometer langen Grenze zwischen Russland und Finnland. Während das riesige und dünn besiedelte Westkarelien traditionell zu Russland zählt, war der westliche Teil finnisch, bis die rote Armee am Morgen des 30. November 1939 ohne Kriegserklärung die Grenze überschritt.

Mannerheim-Linie als Schutz vor den Russen

Schon lange bevor wir die Grenze erreichen, sieht die Landschaft nicht mehr russisch aus. Statt flachen Ebenen mit Sandboden und Birkenwäldern, klammern sich Kiefern und Fichten, Flechten und Moose auf felsigen Boden aus Granit, Schiefer und Gneis. Im Wald liegen unendliche Mengen von riesigen Felsbrocken. Es sieht aus wie in Finnland, und die schon erwähnte Steinformation beweist, dass dies einst Finnland war.
 
Die Reihen der Findlinge gehörten zur Mannerheim-Linie, ein dreireihiges Bollwerk, dass Carl Gustav Emil Mannerheim, der oberkommandierende General der finnischen Streitkräfte, in weiser Voraussicht vor dem aggressiven Nachbarn schon in den zwanziger Jahren auf der Landenge zwischen Ostsee und Lagoda-See bauen ließ. Schützengräben und Bunker durchziehen das Land von Wasser zu Wasser.

2.000 russische Panzer gegen 30 finnische

So wie die Deutschen einen polnischen Angriff inszenierten, um den Beginn des Zweiten Weltkrieges zu rechtfertigen, machten es die Russen im Dorf Mainila. Mit knapp 500.000 Soldaten und über 2.000 Panzern überfielen sie auf breiter Front das kleine Finnland, das zu diesem Zeitpunkt 30 Panzer besaß, 100 Panzerabwehrkanonen und 100 Flugzeuge. Die Überlegenheit der Angreifer an Truppen lag bei drei zu eins, die an Artillerie bei fünf zu eins und die an Panzern bei 80 zu eins.

Aber die Finnen hatten über 100 Betonbunker auf der kürzesten Strecke zu ihrer Hauptstadt platziert. Es gab nur wenige schmale Schotterstraßen durch die Wälder, die mit Fahrzeugen querfeldein nicht zu bezwingen sind. Die Verteidiger riegelten die Straßen ab. In weißen Tarnanzügen fuhren sie auf Skiern durch den Wald und warfen die materialmäßig drastisch überlegene rote Armee immer wieder zurück. Stalin tobte, warf seinem Generalstab vor: „Was sollen denn die Leute denken?“ und tauschte mehrfach den Oberkommandierenden aus. Gerade die anfänglichen Misserfolge der roten Armee in Karelien führten dazu, dass das deutsche Oberkommando die russische Kampfkraft beim späteren Überfall auf die Sowjetunion drastisch unterschätzte.

70.000 Finnen starben im Winterkrieg

Erst als die russischen Streitkäfte sich nach Neujahr 1940 neu organisierten und mit noch größerer Macht zuschlugen, konnte sie im Februar die Mannerheimlinie durchbrechen. Finnland musste um Frieden bitten. Stalin annektierte Westkarelien, aber der Preis war so hoch, dass er von dem Plan ganz Finnland einzukassieren, Abstand nahm.

Im berühmten Winterkrieg ließen 70.000 Finnen ihr Leben, aber sie retteten die Unabhängigkeit des Landes und der Krieg schweißte die einst im Bürgerkrieg zerstrittenen politischen Lager erstmals zu einer Nation zusammen.

Große Verluste auch auf russischer Seite

Die weiße Flagge mit dem blauen Kreuz weht heute über 100 Kilometer weiter westlich als in den späten Dreißigern, und irgendwie haben die Finnen das Gefühl, sie müssten nach wie vor ein Bollwerk gegen die Russen errichten. Jedenfalls ist der Grenzübertritt auf der östlichen Seite in einer guten Dreiviertelstunde erledigt, bei den Finnen dauert der Papierkram mindestens doppelt so lang.
 
Russland gewann am Ende etwas Raum, um Leningrad zu schützen, ansonsten war der Preis hoch. Je nachdem, welche Historiker zählen, werden die Verluste auf zwischen 130.000 und 270.000 Soldaten geschätzt. Unter den Überlebenden grassierte der makabere Scherz, dass das eroberte Land gerade gereicht hätte, um die eigenen Toten darauf zu begraben.

Kalter Atem der Geschichte

Das alles ist lange her, aber dennoch liegt der düstere Schatten der Vergangenheit immer noch auf den dichten Wäldern. Passend dazu hat sich der Himmel verdunkelt, als ein Stoßtrupp unserer Karawane zu einem Bunkermuseum abbiegt, wo sich stählerne Iglus, Betonwehranlagen mit Schießscharten, Erdhöhlen und Laufgänge aus den alten Zeiten besichtigen lassen. Kurze Zeit später fällt schwerer Regen
 
Eigentlich wollten wir das schöne Dorf Porvoo an der Bundesstraße sieben, die hier Mannerheim-Straße heißt, mit seinen engen Gassen und bunten Holzhäusern besuchen, aber das Wetter lässt uns weitereilen. Erst als schon der Hafen in der Stadtmitte Helsinkis in Sicht kommt, reißt der Himmel auf. Es dauert noch eine Stunde, dann sind die Wolken weg, und es ist wie in der Woche zuvor wieder warm und schön. Es war wohl nur der kalte Atem der Geschichte, der in Karelien ein dunkles Wolkenband durch unsere Reise schob.

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