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Mercedes F-Cell World Drive Tag 65

Wasserstoff auf dem Wasser

05/11 Mercedes F-Cell, Mercedes B-Klasse World Drive, 65.Tag 33 Bilder

Kaum ist der F-Cell World Drive in Finnland eingetroffen, macht er sich schon wieder auf den Weg. Am 65. Tag bricht die Kolonne auf nach Schweden. Es ist eine Premiere: Erstmals gehen die Wasserstoffautos aufs Wasser.

27.05.2011 Markus Stier

Tankchef Thomas Werner ist nicht nur ein sprudelnder Quell des Frohsinns, sondern auch ein Ozean der Weisheit. Besser als jeder andere es könnte, fasst er zusammen: "Der Finne ist nicht wie wir." Schon die mittelalterlichen Epen Skandinaviens warnten vor dem Volk jenseits des Bottnischen Meerbusens. Während wir die Nordmänner als groß und blond im Kopf gespeichert haben, galten die Finnen als klein, dunkelhäutig und gefährlich.
 
Finnland ist so groß wie Deutschland, hat aber nur fünfeinhalb Millionen Einwohner. Die Hauptstadt Helsinki beherbergt allein ein Zehntel davon, ist damit nicht größer als Stuttgart und so klein, "dass wir zum Feierabend nicht mal einen richtigen Stau produzieren können", wie der vor einigen Tagen mit uns reisende Kollege Pekka betonte. Hat eine finnische Stadt mehr als 50.000 Einwohner, gilt sie schon als Metropole.
 

Alkohol und Einsamkeit trifft Schock-Rock

Klar dass so viel Einsamkeit verschroben macht. Finnland hat eine der höchsten Selbstmordraten der Welt und auch eine der höchsten Herzinfarktquoten. Die Abgelegenheit, die lange Dunkelheit im Winter und der Einfluss des östlichen Nachbarn mit der schweren russischen Seele machen sich bemerkbar.
 
Wie die Russen frönen viele Finnen exzessivem Alkoholgenuss am Wochenende. Die jungen Damen trifft man an Freitagabenden auf den Straßen mit der "finnischen Handtasche", einem Sixpack Karjala oder Lapin Kulta, während die Herrenhandtasche mindestens acht, wenn nicht sogar zehn Halbliterdosen Bier umfasst.
 
Finnland hat mit Sicherheit auch einen der höchsten Pro-Kopf-Verbräuche an Kajalstiften. Die äußerst lebhafte Gothic-Szene trifft sich mit schwarzgerandeten Augen vorzugsweise in öffentlichen Parks. Heavy-Metal-Musik steht hoch im Kurs. Nach langen Arbeitstagen entspannt der Finne gern zu den Klängen von Rammstein, bevor im Verlauf des späteren Abends "Teräsbetoni" (Stahlbeton) aufgelegt wird. Als Finnland vor einigen Jahren zum Eurovision Song Contest antraten, schickten sie die Schockrocker-Band Lordi – und gewannen.

Skurrile Cowboys und fliegende Handys

Aber die Finnen sind auch ein Volk mit enormer Kreativität. Ihre Schwermetall-Leidenschaft leben sie zuweilen weltweit erfolgreich mit Chellos statt E-Gittaren aus. Außerhalb von Buenos Aires gibt es keine größere Tango-Metropole auf der Welt als Helsinki, wo zu leicht geänderter Instrumentierung zuweilen Tausende im Sommer ihre Partnerin mit regloser Mimik und dramatischer Geste durch die Parks schieben. Und dann wären da noch die Leningrad Cowboys, die beweisen, dass sich der fliegende Wechsel von Polka zu Hardrock in weniger als einem Takt schaffen lässt.
 
Die Cowboys sind auch ein schönes Beispiel für den enormen trockenen Humor der Söhne Suomis. Wer je einen ihrer Filme, ihre spitzen Schuhe und steilen Frisuren gesehen hat, weiß, wovon die Rede ist. Es ist kein Zufall, dass Sportarten wie Ehefrauen-Tragen und Schlammfußball in Finnland erfunden wurden. Mit Stolz richtet man Weltmeisterschaften im Luftgitarre-Spielen und im Handy-Weitwurf aus.
 
Bevor sie von Microsoft geschluckt wurde, mauserte sich einst die ehemalige Gummistiefelfabrik Nokia zum Giganten der Mobiltelefontechnik. Übrigens: Keine Nation hat eine so hohe Anzahl Mobiltelefone pro Kopf wie die Finnen. Die Finnen wohnen im Wald, aber sie sind eben keine Hinterwäldler. Das finnische Schulsystem gilt als vorbildhaft. Bei der alljährlichen Pisastudie lässt uns das Minivolk im äußersten Norden regelmäßig alt aussehen. Weil die finnische Sprache mit nichts vergleichbar ist, was unser Ohr je vernommen hat, sprechen die meisten gut Englisch und viele verstehen zumindest Deutsch.

Sisu beflügelt Finnen

Die alten Schriften warnen, dass die Finnen wie die norwegischen Trolle über finstere, magische Kräfte verfügen. "Sisu", heißt die geheimnisvolle Kraft, die die Finnen trotz ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit immer wieder triumphieren lässt. Nicht umsonst kommt jeder zweite Rallye-Weltmeister der Geschichte aus Finnland. Obwohl sie nicht eine Rennstrecke haben, die nach unseren Maßstäben diesen Namen verdient, gewannen Finnen vier Formel-1-Titel.  Zuletzt schwoll der Nation die Brust, weil sie zum zweiten Mal in der Geschichte die Eishockey-WM gewann und im Finale den nicht unbedingt beliebten Nachbarn Schweden nicht nur besiegte, sondern vernichtend schlug. Selbstverständlich war das Team anschließend so betrunken, dass der Assistenztrainer bei der live übertragenen Ankunft auf dem Flughafen Helsinki am nächsten Morgen hackedicht die Gangway hinunterstürzte.
 
Den zwischen Turku und Tampere sorglosen Umgang mit hartem Alkohol bekamen schon die Russen im Winterkrieg zu spüren. Der russische Außenminister Wjatscheslaw Molotow war ein so harter Hund, dass Lenin ihm den Spitznamen "Eisenarsch" verpasste. 1939 ließ Besagter Streubomben auf West-Karelien prasseln und behauptete dreist, es handle sich um den Abwurf von Grundnahrungsmitteln wie Brot. Zum gespendeten russischen Gericht habe man nun das passende Getränk entwickelt, verkündeten die Finnen, steckten brennende Lunten in Schnapsflaschen und bewarfen in Ermangelung von Abwehrgeschützen die russischen Panzer damit. Die Kreation nannten sie Molotow-Cocktail.
 
Was auch immer die zwei Bananen auf dem achten Deck der "Silja-Serenade" für Cocktails hatten, sie sind voll eingeschlagen. Kichernd stolpern die zwei jungen Finninnen durchs achte Deck auf dem Weg zur Kabine der Freunde, wo bereits ein Leder-Polizist und eine Stewardess in Latex mit Nachschub warten. Die berauschte Kostümparty ist auf dem Weg nach Schweden, so wie wir.

Wasserstoff geht aufs Wasser

Drei Mal war unsere Kolonne im Laufe dieser Weltreise geflogen, nun gehen die Wasserstoffautos erstmals aufs Wasser. Der Weg um das Nordende der Ostsee würde weitere 2.000 Kilometer und drei bis vier Tagesreisen kosten, da wir ja nach 125 Tagen wieder in Stuttgart sein wollen, nehmen wir die Abkürzung über den Bottnischen Meerbusen. Selten hat es einen größeren Kontrast gegeben als unsere geruch- und lautlos aufs Schiff rollenden B-Klassen und den frisch angeworfenen Schiffsdiesel, der sein Schweröl ungefiltert in den Abendhimmel bläst.
 
Allerdings hat das bassige Wummern des Motors und das leichte Schaukeln des Schiffes eine extrem beruhigende Wirkung. Nach den Strapazen Russlands fällt ein Großteil unserer Mannschaft schon früh in so tiefen Schlaf, dass die letzten Beben aus dem nahen Epizentrum des jungfinnischen Partybetriebs unbemerkt bleiben. Eine Handvoll pflichtbewusster Schwaben steht jedoch morgens um vier senkrecht in der Koje, als die Bugstrahlruder angeworfen werden.  "Sind wir schon da?" fragt Rudolf Heissler und springt in die Klamotten. Ein halbes Dutzend Aufrechter sieht zu, wie in Mariehamm ein Transporter mit Bootsanhänger von Bord geht, dann legt die Fähre wieder ab und die Männer sich wieder hin.
 
Es ist ein ruhiger und sonniger Morgen, den die Partyfinnen verpennen. Das Schiff arbeitet sich durch die Felseninseln der Schären. Die Mercedes-Mannen hocken wie Hühner auf der Stange am Geländer des Aussichtsdeck und betrachten wohlwollend, dass auch der Schwede kein schlechter Häusle-Bauer ist. Ab und zu murmelt einer: "Gekauft!" Ein Stündchen, bevor Stockholm in Sicht kommt, tapert auch der Kehrwochen-Weise Thomas Werner an Deck. Am Abend zuvor litt er trotz glatter See und leichtem Wellengang und schwerer Seekrankheit. "Schreib das mal auf", sagt einer. "Ich glaube, das war das erste Mal auf dieser Reise, dass er mal die Klappe gehalten hat."

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