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Mercedes F-Cell World Drive Tag 69

Wo geht es zum Paralleluniversum?

05/11 Mercedes F-Cell, Mercedes B-Klasse World Drive, 69.Tag Foto: Walter Tillmann 20 Bilder

Nach 69 Fahrtagen kehrt der F-Cell World Drive zurück nach Deutschland. Nur den Empfang hatten wir uns irgendwie anders vorgestellt.

30.05.2011 Markus Stier

Das Ganze macht ein bisschen schwindelig. Du schaust auf hübsch gestrichene Altstadthäuser und fragst dich: Wo bin ich eigentlich? Innerhalb von drei Tagen haben wir drei nordische Hauptstädte bereist, haben im Schnelldurchlauf Königspaläste, Wälder von Masten und majestätische Stadthäuser, die sich im Wasser spiegelten gesehen. Helsinki, Stockholm und Oslo sind Geschichte. Das hier ist Malmö, die drittgrößte Stadt Schwedens und ebenfalls eine sehenswerte.
 
Als es mit der Schwerindustrie in den Achtzigern bergab ging, war auch bei der Hauptstadt der Südprovinz Scania der Lack weitgehend ab. Aber Malmö macht sich wieder. In der Studentenstadt entwickeln sich neue Gewerbezweige wie IT- oder Bio-Technik. Ihren jüngsten Aufschwung verdankt die Stadt nicht zuletzt der Brücke.

Über das Wasser unter die Erde hinein nach Dänemark

Der Öresund trennt Schweden vom einstigen Erzfeind Dänemark und dessen Insel Seeland mit der Hauptstadt Kopenhagen. Bis zum Jahr 2000 war Schweden für Mitteleuropäer praktisch nur auf dem Wasserweg zu erreichen, Zeit raubend und kostspielig. Seit nun rund einem Jahrzehnt zieht sich die weltweit längste kombinierte Auto- und Eisenbahn-Schrägseilbrücke fast acht Kilometer über den Sund. Viele Kilometer weit sichtbare Pfeiler stemmen 206 Meter hoch die Tragseile des 460 Meter langen Herzstücks der Brücke.
 
Das Filmteam und der Fotograf sind in ihrem Element. Der Rest des Konvois blockt nach hinten die Straße für den restlichen Verkehr. Glücklicherweise sind der Däne und der Schwede von heute im Vergleich zu ihren brandschatzenden Vorfahren vor 1.000 Jahren eher stoischen Gemüts. Niemand regt sich groß auf, weil es heute mal ein bisschen langsamer über die Brücke geht.
 
Die hätte eigentlich noch ein ganzes Stück länger sein müssen, um das Wasser komplett zu überbrücken, aber eine weitere Brücke zwischen den Inseln Amager und Peberholm hätte den Luftverkehr des Kopenhagener Flughafens behindert. So sind nach der Brücke noch vier Kilometer Tunnel zu bewältigen, dann spuckt es uns im Herzen Dänemarks aus.

Nach Deutschland - des Wetters wegen

Die Brücke spart nicht nur Zeit, sie ist auch ein Katalysator der Völkerverständigung. Natasha, die einst aus Jugoslawien nach Schweden auswanderte und nun ein kleines Restaurant bei Malmö betreibt, fährt mindestens drei Mal im Jahr nach Süden. "Was, Ihr kommt aus Deutschland? Ich liebe Deutschland." Wir hatten für Tee und Kaffee keine schwedischen Kronen, durften aber in Euro bezahlen. "Die kann ich ja demnächst wieder brauchen", sagt sie. Der Hauptgrund für ihre regelmäßigen Deutschland-Ausflüge ist nicht zuletzt das Wetter. "Um diese Jahreszeit regnet es dauernd. Manchmal geht uns das so auf den Wecker, dass wir spontan über die Brücke fahren. In Deutschland ist das Wetter meistens besser."
 
Es ist eben alles eine Frage der Perspektive. Während wir dauernd nach Italien schielen, ist für die Schweden schon Deutschland Südeuropa, so wie für die Schwaben Köln schon Norddeutschland ist.
 
Um dorthin zu kommen liegen noch zwei weitere Wasserwege im Weg. Von Jütland, dem Nordzipfel des mitteleuropäischen Festlands trennen uns noch der Große und der Kleine Belt, über die zwei weitere Brücken führen. Dazwischen hat die Tourleitung noch eine Ausflugsstrecke eingebaut, die in einer großen Schleife über die Insel Fünen führt.

Insel wie aus dem Märchenland

"Fyn", wie die Dänen sagen, ist die Heimat von Hans-Christian Andersen, dem berühmtesten Dichter und Schriftsteller Dänemarks. Der 1805 in Odense geborene Sohn eines veramten Schuhmachers und einer alkoholkranken Wäscherin hatte kein spaßiges Leben. Der Vater starb, als Andersen 14 war. Der Versuch, eine Schauspielerkarriere zu beginnen, scheiterte. Die Liebe zur Schwester eine Studienfreundes blieb unerfüllt, Riborg Voigt war bereits einem Anderen versprochen. Ihren Abschiedsbrief hob Andersen bis zum Ende seines Lebens auf.
 
Schon früh lernte der Dichter, sich in die Phantasie zu flüchten. Allerdings befasste er sich nicht unbedingt mit heiteren Themen. Sein erstes populäres Gedicht hieß "Das sterbende Kind".  Weltweit berühmt machten ihn vor allem seine Märchen wie die Prinzessin auf der Erbse, der Zinnsoldat, des Kaisers neue Kleider oder die kleine Meerjungfrau. In Bronze gegossen und auf einem Felsen am Wasser sitzend, ist sie heute das Wahrzeichen Kopenhagens.
 
Wer durch Fünen reist, wundert sich nicht, dass hier große Dichter und Märchenerzähler geboren werden. Die ganze Insel sieht aus wie ein Märchenland. Kleine Häuser mit Reetdächern stehen geduckt am Straßenrand. Hinter mit Seerosen gesprenkelten Wassergräben erheben sich antike Schlösschen, auf den Hügeln stehen - umzingelt von Blumenwiesen - kleine weiße Kirchlein. Überhaupt wimmelt es auf Fünen im Gegensatz zum platten Seeland so von Hügeln, dass böse Zungen behaupten, die Bauern müssten vor dem Pflügen Tabletten gegen Seekrankheit einwerfen.
 
Zudem liegt unter jedem zehnten Hügel ein Wikingerhäuptling mitsamt Schiff, Pferden, Lieblingshunden und Gold und Geschmeide begraben. Und schließlich scheint es auf Fünen eine Vorschrift zu geben, dass auf jeder Wiese ein stämmiges Pferd mit langer Mähne stehen muss und in jedem Teich ein Schwan zu schwimmen hat. Selbstverständlich handelt es sich dabei nicht wirklich um echte Tiere, sondern um verwunschene Helden und Prinzessinnen.

Wieder daheim

Wir haben Glück, denn die märchenhafte Fahrt wird von halbwegs freundlichem Wetter begleitet. Das ändert sich nach der Überquerung der letzten Brücke zum Festland. Hinter dem kleinen Belt wartet die Mittagstankstelle und ein finsteres Tiefdruckgebiet, das mit böigem Wind von Süden herangeweht kommt - aus Deutschland.
 
Als wir am frühen Nachmittag über die zweite Landesgrenze innerhalb eines Tages rollen, empfangen und nicht Sonnenstrahlen und Fanfaren, sondern Nieselregen. Rechts in den Büschen versteckt sich das schon leicht angerostete Schild, das die Bundesrepublik Deutschland ankündigt. Hey, wir sind wieder da! Vor fast vier Monaten haben wir die Heimat verlassen, 13 weitere Länder haben wir seitdem durchquert. Der Kilometerstand von Wagen zwei zeigt die Zahl 38.326.
 
Es tut gut, die gewohnten gelben Straßenschilder zu sehen, und es tut gut, mal nicht einem rigiden Tempolimit unterworfen zu sein. Tempo 130 auf der Autobahn vom Nordostseekanal Richtung Hamburg. Wir haben auf der Landstraße zwischen Flensburg und Eckernförde fleißig gespart. Ist das schön, mal nicht auf den Verbrauch achten zu müssen, einfach im Verkehr mitzuschwimmen und 100 Kilometer in weniger als einer Stunde zu schaffen.
 
Aber sonst?  Philipp schüttelt den Kopf. Bild.de versprach eine Hitzewelle bis Mittwoch, stattdessen dicke Suppe in Kappeln. Auf Fünen hatten wir 14,5 Grad, jetzt sind es 12,5. Dieses sommerliche, heiße Deutschland muss da liegen, wo der MSV Duisburg das DFB-Pokalfinale gewonnen hat, wo eine große Koalition aus Lach- und Schießgesellschaft und Roten Funken ein zufriedenes Volk regiert, und Markus Stier glücklich mit Halle Berry verheiratet ist, die mit zwei herzzerreißend süßen, kaffeebraunen Kindern am Straßenrand steht und winkt – sprich: das Deutschland im Paralleluniversum.
 
Schon beim ersten Halt für ein Foto in Flensburg drängelt hinter uns ein sonnenbankgebräunter Typ mit künstlicher Blondine im 5er-BMW. Es war massenweise Zeit und Platz zum Überholen, aber natürlich stehen wir offiziell im Halteverbot und Regeln sind schließlich Regeln. Es muss alles seine Ordnung haben. Hupend und maulend zieht er schließlich vorbei. Willkommen zurück in der Heimat. Warum haben wir Idioten uns eigentlich gefreut?

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