Vorstandsvorsitzende schmücken sich gerne mit dem Begriff "Car Guy" – dazu zählt auch, leidenschaftlich gerne und gut Auto fahren zu können. Das trifft zwar nicht immer ganz zu, aber es gehört zum Image. Bei Daimler-Boss Dieter Zetsche liegen die Dinge anders: Wer ihn auf der diesjährigen Mille Miglia in seinem schwarzen 300 SL Flügeltürer beobachten konnte, der weiß, er ist einer.
Aber das Talent zum Car Guy reicht nicht, um ein Unternehmen steuern zu können: Bei Mercedes gehen die Verkäufe in Europa im Mai zurück, in China liegt die Marke deutlich hinter Audi und BMW, und beim J.D.-Power-Report, der US-Qualitätsanalyse, geht es auch rückwärts statt vorwärts. Kein gutes Omen – ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Vertragsverlängerung ansteht. Der Rallye-Fahrer muss also auch symbolisch gesprochen Gas geben: Die Marke steht vor einer beispiellosen Modelloffensive – und kombiniert diese mit einer ausgeklügelten Designstrategie, die wiederum mittlerweile Audi und BMW zu denken gibt.
Neue Mercedes S-Klasse mit stolz aufgerichtetem Kühlergrill
Wer erinnert sich nicht, wie es einem früher bei der Präsentation einer neuen Mercedes S-Klasse oft die Sprache verschlagen hat – allerdings nicht immer im positiven Sinne. Diese Zeiten sind vorbei. Die nächste Generation, ab Sommer 2013 im Handel, dürfte den Kunden ein verblüfftes "Wow" entlocken. Der stolz aufgerichtete Kühlergrill drückt symbolisch den Willen des Unternehmens aus, vorbei an Audi und BMW wieder die Nummer eins unter den Premiumherstellern zu werden. Der darunter angeordnete Lufteinlass verkündet mit einem verschmitzten Lächeln, dass es auch sicher klappen wird. Deutlich geglättete Formen stehen gleichzeitig dafür, dass die Designer um ihren Chef Gorden Wagener ihren Weg gefunden haben: modern, ästhetisch – und mit dem notwendigen Schuss von Luxus und Erhabenheit.
Auch die Hausaufgaben auf dem Gebiet der Umweltverträglichkeit gilt es zu erledigen. Best in class soll die Mercedes S-Klasse in puncto Aerodynamik sein, ein geschickter Mix unterschiedlicher Leichtbaumaterialien sorgt für eine schlanke Linie und gute Werte auf der Waage, und der Plug-in-Hybrid mit rund 30 Kilometer rein elektrischem Fahren ermöglicht stilgerechtes Vorankommen, wenn Megacitys wie Peking oder Shanghai viel Wert auf emissionsfreies Vorankommen legen. Aber gerade dort soll auch der V12 Kunden finden, denen Status wichtiger ist als Verbrauchseinsparungen.
Technisch steht natürlich in erster Linie alles im Zeichen der Sicherheit: Ein Brems-Airbag, der sich unter der Vorderachse entfaltet und sich auf die Straße drückt, hilft, den Anhalteweg zu verkürzen. Die Techniker träumen von Bremswegen von rund 20 Metern aus 100 km/h, aber dieser Wert wird sich damit noch nicht ganz realisieren lassen. Ein Airbag im Sicherheitsgurt sorgt für zusätzlichen Schutz bei einem Aufprall, und die Fondpassagiere werden künftig ein Stückchen nach innen versetzt, falls ein Seitenaufprall droht. Auch Wellness, sprich das Wohlgefühl im Innenraum, spielt in der Mercedes S-Klasse-Welt künftig eine große Rolle: Wer mag, kann sogar eine "Hot-Stone-Massage" in Anspruch nehmen: Sie wärmt während des Massierens gezielt an Stellen, an denen es gerade einige Grad zu kalt ist.
Fahrwerk mit magischem TeppichWohlige Momente verschafft aber auch das Fahrwerk, um den Magic Carpet, also den magischen Teppich, bereichert. Kamerasysteme scannen die Beschaffenheit des Fahrbahnbelages im Vorfeld und stimmen die Feder-Dämpfer-Einheit darauf ab, so dass die Insassen keine Straßenschäden spüren.
Das Ganze garniert Mercedes mit drei unterschiedlichen Radstandsvarianten, wobei die kurze Mercedes S-Klasse 5,10 Meter lang ist, die mittlere 5,24 und die Mercedes S-Klasse XXL rund 5,40 Meter misst – sie dient als Ersatz für alle, die den Maybach doch vermissen sollten. Version vier und fünf sind der Mercedes CL und das davon abgeleitete zweitürige Cabrio mit Stoffdach – und hier gibt es einen Warnschuss an Aston Martin und Jaguar: Das Heck ist an Kürze und Würze mit einem stark herausmodellierten Abschluss schwer zu überbieten. Der hintere Überhang ist stark gekappt und verschafft dem bislang etwas behäbig anmutenden Modell eine nie zuvor dagewesene Dynamik.
Zehn Varianten der Mercedes A-Klasse sind geplant
Die Variantenvielfalt im oberen Segment hilft Mercedes, speziell in Asien gegenüber Audi und BMW aufzuholen, das Wachstum im Bereich von Smart und Mercedes A-Klasse zielt besonders auf Europa, um die strengen CO2-Vorgaben zu schaffen. Fangen wir bei A an: Zehn Varianten sind zurzeit geplant, wobei die sich auf zwei Generationen verteilen: Mercedes A- und B-Klasse als Viertürer sind bereits präsentiert. Von der B-Klasse wird es zwei weitere Varianten geben: Neben der konventionellen Version die XL-Variante mit sieben Sitzen und ein weiterer Ableger als neuer VW Touran-Konkurrent.
Dann befindet sich noch das viertürige Coupé Mercedes CLA mit knapp 4,65 Meter Länge im Rennen, das als Fronttriebler rund 3.000 Euro günstiger ist als die C-Klasse und damit das Flottengeschäft erreichen soll, das bisher BMW 3er und Audi A4 in diesem Segment unter sich ausmachen. Es folgen der Mercedes Shooting Brake und der Geländegänger Mercedes GLA mit zwei und vier Türen. In Generation Zwei könnte es noch den Zweitürer und die Cabrio-Version mit Stoffdach sowie Stummelheck geben – der Vorstandsbeschluss dafür liegt aber noch nicht vor. Im Herbst dieses Jahres gibt es übrigens einen Ausblick auf die rein elektrische Variante der Mercedes A-Klasse.
Neue Smart-Serienversion auf der IAA 2013Der Smart debütiert auf dem Pariser Autosalon in einer Studie als Zweitürer. Mercedes hat dafür den Pickup aus Detroit weiterentwickelt und ihm ein Coupé-Dach aufgesetzt. Die Serienversion des Zweisitzers steht auf der IAA 2013, auf der gleichzeitig ein Concept des neuen Viersitzers zu sehen ist, dem dann noch die Offroadvariante folgt. Das Cabrio bekommt natürlich einen Nachfolger, um Frischluftfans einen günstigen Einstieg in dieses Segment zu bieten.
Bleibt ein Blick auf die E-Klasse, die Anfang nächsten Jahres eine ungewöhnlich umfangreiche Aufwertung erfährt: Sie debütiert praktisch noch vor der S-Klasse mit all den neuen Sicherheitssystemen und wird in einer Umwelt-Variante erstmals unter 100 g/km CO2-Ausstoß erhältlich sein. Ausgestattet mit der neuesten Radarsensorik, bekommt die neue Mercedes E-Klasse einen intelligenten Spurassistenten, der auch in der Lage ist, den Gegenverkehr zu beobachten, um rechtzeitig vor einem Zusammenprall zu warnen. Der Bremsassistent agiert nicht nur bei einem drohenden Auffahrunfall selbsttätig, sondern erkennt auch Gefahren, die vom Querverkehr ausgehen. Und selbst bei Nacht bekommt der Fahrer zusätzliche Hilfe: Gewarnt wird sowohl vor Personen auf der Fahrbahn als auch vor einem Wildwechsel. Abgerundet wird dieses Paket durch eine Reihe von Lichtassistenten.
Das Ganze erscheint in einer Hülle, die deutlich attraktiver werden soll als bislang. Die aktuelle Mercedes E-Klasse, einer der letzten Entwürfe des vormaligen Designchefs Peter Pfeiffer, gilt intern nicht unbedingt als gelungen. Also verschwinden mit dem Facelift die ausgestellten Radläufe, und statt des Vieraugengesichts werden die Lichter nur noch durch einen Steg voneinander getrennt und durch ein einteiliges Scheinwerferglas abgedeckt, das insgesamt rundlicher ausfällt als bislang. Die Motorhaube ist komplett neu, und an der Seitenpartie verschwinden all die Sicken, die der E-Klasse eine sehr kantige Optik verschafft haben. Die ist beim Kunden nicht sonderlich angekommen, was sich auch im Absatz bemerkbar gemacht hat.
Mit der Modellpflege wird zugleich die Motorenpalette renoviert, denn nach A- und B-Klasse kommt auch hier die neue Vierzylinder-Generation mit nur 1,6 Liter Hubraum und Turboaufladung zum Einsatz. Die Basis bildet der E 200 (156 PS), darüber rangiert der E 220 (184 PS). Insgesamt streckt sich die Palette bis zum E 63 AMG (557 PS). Als Hybride gibt es den Diesel E 300 Bluetec Hybrid für Europa und den Benziner E 400 Hybrid vor allem für die USA.
Verwirrung um Mercedes SLCAuch die Offensive im Sportwagenbereich ist bei Mercedes beispiellos. Vom SLS hatte man sich gar nicht so einen großen Erfolg erhofft - und das gibt AMG den Mut, neue Modelle aufzulegen. Geplant ist ein klassischer Porsche 911-Konkurrent mit Frontmotor und Transaxle-Getriebe. Aber dem Vernehmen nach ist das Projekt nur schwer zu realisieren - aus Kostengründen. Derzeit wabern die Gerüchte: Er kommt gar nicht, sagen die einen. Er kommt, aber später, sagen die anderen. Im besten Vorstandsdeutsch formuliert steht das Projekt "unter Beobachtung". Vor 2014 braucht sich Porsche also keine Sorgen zu machen






