Mercedes-Youngtimer in Marokko: Taxi-Hatz statt Abwrackprämie

Abwrackprämie? Nicht in Marokko. Alte Mercedes-Limousinen schuften hier als Sammeltaxen – theoretisch so lange, bis sie auseinander fallen. Doch darauf muss man lange warten, denn die müden Krieger sind zäh wie Leder.

Früh am Morgen herrscht heftiges Treiben in Fès. Nicht weit von der Altstadt entfernt stehen Dutzende weißer Autos dicht gedrängt auf einem Platz. Männer, Frauen und Kinder wuseln umher, hektisches Stimmengewirr erfüllt die Luft.

Sechs Fahrgäste pro Taxi

Was aussieht wie ein improvisierter Automarkt, ist in Wirklichkeit eine Taxi-Station. Und jede Droschke hat einen Stern auf der Haube. Taxi-Chauffeur Mohammed hat seine erste Tour organisiert. Sechs Fahrgäste teilen sich den Platz - mit ein oder zwei Passagieren fährt ein marokkanisches Überland-Taxi gar nicht erst los. Wer die Rückbank für sich allein haben möchte, muss die anderen Plätze mitbezahlen. Bei manchen Routen ist der Fahrpreis festgelegt, bei anderen ist Feilschen angesagt. Und in dieser Disziplin sollte man sich lieber nicht einbilden, es mit marokkanischen Taxifahrern aufnehmen zu können.

Die Rückbank von Mohammeds verbeultem Mercedes 240 D ist so durchgesessen, dass man Angst hat, gleich mit dem verlängerten Rücken über den Asphalt zu schliddern. Der rechte Scheinwerfer ist blind, am verbogenen Kühlergrill kleben weiße Reflektoren, an den Außenspiegeln pappen verblichene Deutschland-Aufkleber. Den Innenraum hat sich Mohammed mit Teppichen und allerlei Zierrat behaglicher gemacht. Der Tacho des 30 Jahre alten Autos hat die millionste Kilometer-Marke schon eine ganze Weile hinter sich gelassen.

"Diese Autos kriegt man einfach nicht kaputt", sagt Mohammed. In Deutschland war der Mercedes der Baureihe 123 bis in die 90er Jahre hinein fester Bestandteil des Straßenbilds, dann verschwand er langsam - jedoch nur, um in Ländern wie Marokko weiterzuleben. Sogar sein Vorgänger, der legendäre Strich-Achter verrichtet in Nordafrika noch brav seinen Dienst.

Mohammeds 240 D leistet 65 PS und braucht aus dem Stand eine halbe Minute bis Tempo 100. Der Vorkammer-Dieselmotor nagelt unwirsch vor sich hin. Das zulässige Gesamtgewicht von 1,9 Tonnen ist für den 1.435 Kilogramm schweren Wagen eher ein theoretischer Wert - mit einem halben Dutzend Passagieren plus Gepäck ist "hoffnungslos überladen" wohl der natürliche Fahrzustand eines marokkanischen Sammeltaxis. Von waghalsigen Überholmanövern lässt sich Mohammed trotzdem nicht abschrecken - Allah wird's schon richten. Im Zweifel kann er sich aber auch darauf verlassen, dass der Gegenverkehr schon Platz machen wird. Die unbefestigte Bankette ist sozusagen ein halb offizieller Bestandteil der Straße.

Auch Renault und Peugeot sehr beliebt

Insgesamt fahren in Marokko 2,5 Millionen Fahrzeuge, zweieinhalb mal soviel wie zu Beginn der 90er Jahre. 90 Prozent der Autos sind älter als fünf Jahre - und viele haben deutlich mehr auf dem Buckel. Abgesehen von den Mercedes-Taxen sind es vor allem alte Renaults und Peugeots, die das Straßenbild der ehemaligen französischen Kolonie prägen. Manchmal aber trügt der Schein, denn nicht alle diese Fahrzeuge sind echte Klassiker. Der Peugeot 504 zum Beispiel wurde in Europa schon in den 80er Jahren abgelöst, in modifizierter Form aber für afrikanische und südamerikanische Länder weitergebaut. In Nigeria rollte er noch bis ins Jahr 2005 vom Band.
 
Beim W123 dagegen endete die Produktion im November 1985 nach fast 2,7 Millionen gebauten Autos. Mehr als eine Million davon ging in den Export. Das erfolgreichste Modell der Baureihe war der 240 D mit mehr als 450.000 Exemplaren, gefolgt vom 230 E. "Die verdiente Spitzenposition unter allen vergleichbaren Konkurrenten erbrachte Herstellungszahlen, die es bis dahin nur für massenproduzierte Jedermanns-Automobile gegeben hat", brachte es Werner Oswald in seinem berühmten Standardwerk "Deutsche Autos" auf den Punkt.

Abwrackprämie bremst den Nachschub

Noch heute sieht man gelegentlich Autotransporter, die marode 123er im Gepäck haben - als Exportgut für Afrika oder den Nahen Osten. Doch durch die Abwrackprämie sehen manche Autoverwerter ihr Geschäft bereits gefährdet. Was hierzulande nicht mehr durch den TÜV kommt, aber fahrbereit ist, würde sich eigentlich als perfektes Exportauto eignen. Doch um den Umweltbonus zu erhalten, müssen Neuwagenverkäufer die Verschrottung nachweisen. So landen Autos im Schredder, die in Entwicklungs- und Schwellenländern vielleicht noch ein langjähriges Rentnerdasein vor sich hätten.
 
Falls der billige Gebrauchtwagen-Nachschub in Zukunft wirklich ausbleibt, müssen die alten Mercedes-Limousinen in Marokko eben noch ein paar Jahre länger ran. "Mein Auto wird mich wahrscheinlich überleben", scherzt der 59-jährige Taxifahrer Mohammed. Er kann sich nicht vorstellen, dass sein greiser Diesel-Benz ihn eines Tages für immer im Stich lassen könnte. Denn reparieren kann die alten Autos praktisch jeder Dorfschmied. Hier ein Schweißblech, da ein Ersatzteil - "irgendwie geht es immer weiter", zuckt Mohammed mit den Schultern.

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Sebastian Viehmann

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