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Die Straßen von Mexiko

Zwischen Vocho und Panzerlimousine

Foto: press-inform 17 Bilder

Die Straßen von Mexiko City gelten als die gefährlichsten der Welt. Zwischen gepanzerten 5er BMW, VW Jetta und Nissan Patrol krabbeln scheinbar unbeirrt die grün-weißen Taxi-Käfer. Doch die "Vochos" sind jetzt vom Aussterben bedroht.

27.10.2008

Zwischen gepanzerten 5er BMW, VW Jetta und Nissan Patrol krabbeln scheinbar unbeirrt die grün-weißen Taxi-Käfer. Doch die "Vochos" sind jetzt vom Aussterben bedroht. Der VW Käfer, den hier nur alle schlicht "Vocho" nennen, ist eine fahrende Legende. Er ist laut, unbequem und längst in die Jahre gekommen. Und auch wenn sich auf den Straßen der mexikanischen Hauptstadt kaum jemand zu einer echten Zuneigungsbekundung durchringen kann - verzichten möchte auf die kleinen Vochos in Mexiko kaum jemand. Taxifahrer wie Alberto Osmaya schwören seit Jahrzehnten trotz bekannter Beschwerden auf ihren Käfer: "Das Auto ist wie ein Esel. Ein bisschen störrisch, aber am Ende komme ich überall damit hin. Ein Auto wie den Käfer gibt es nicht noch mal."

Jahrzehntelang drückten sie dem Straßenbild der 25-Millionen-Metropole ihren Stempel auf. Zum einen als grün-weiße Taxis, zum anderen als preiswertes Allheilmittel gegen die gigantischen Distanzen der 2.300 Meter hoch gelegenen Mega-City. Doch den Vocho-Taxis geht in den nächsten zwei Jahren die dünne Luft aus. Strenge Vorschriften sorgen dafür, dass die Zahl der ehemals mehr als 40.000 Taxi-Käfer ab 2011 auf null sinken wird. Der Nachfolger mit Namen Nissan Tsuru wirkt mit seiner kantigen Limousinenform weit weniger charismatisch, ist als Nachfolger des europäischen Sunny jedoch eines der günstigsten Autos auf dem lokalen Markt.

Kampf gegen Kriminalität und Luftverschmutzung

Mexiko ist mit anderen Ländern außerhalb Südamerikas nur schwer zu vergleichen. Der Polizei wird Bestechlichkeit nachgesagt, einen TÜV gibt es nicht. Trotzdem müssen ältere Autos zweimal im Jahr zur Abgasuntersuchung. Die Regierung versucht seit Jahren der Luftverschmutzung Herr zu werden. Altfahrzeuge müssen daher mindestens an einem Tag pro Woche stehen bleiben. Selbst Vocho-Taxler schauen bei einem Blick auf das Kennzeichen in die Röhre.

Mit einer neun oder einer null am Ende der Ziffernfolge ist es besonders hart. Dann muss der Wagen am verdienststarken Freitag pausieren. Das Taxi ist für viele das Fortbewegungsmittel Nummer eins. Doch neben den Taxifahrern entscheiden sich immer mehr Privatleute für einen Nissan Tsuru. Wer den ein oder anderen Tausender mehr anlegen möchte, fährt aktuelle Kleinwagen wie den Chevrolet Corsa oder einen VW Pointer.

Doch nicht jeder steht auf Billigmodelle. An jeder Straßenecke von Mexiko City sieht man gepanzerte Fahrzeuge - mehr als irgendwo anders auf der Welt. Deutsche Premiumhersteller wie Audi, BMW oder Mercedes teilen das umsatzstarke Luxussegment nahezu allein unter sich auf. Wer in Mexiko City etwas auf sich hält, der ist zumeist mit einem schwarzen X5, einer dunklen S-Klasse oder einem silbernen 5er unterwegs. Andere fahren Audi A6, Chevrolet Suburban oder Toyota Land Cruiser - selbstverständlich alle mit schussfester Panzerung.

Gefahr auf den Straßen

Zu erkennen sind die Sicherheitsmodelle nur bei genauerem Hinsehen; denn im Gegensatz zu einem heißen Pflaster wie Moskau will bei den Straßenbanden hier niemand auffallen. Abertausende von Mexikanern können auf dem Weg zur Arbeit oder zum Kurzbesuch bei den Eltern nicht auf eine gepanzerte Limousine verzichten. Die Fahrt zu Kindergarten oder Schule kann ebenso gefährlich sein, wie der Abstecher zum Supermarkt vor den Toren der Stadt. Manchmal geht es nur um Geld oder Auto - ein anderes Mal um Gesundheit oder Leben.

Bestes Beispiel ist der Fall von Fernando Marti Anfang August. Der 14-jährige Sohn eines Großindustriellen wurde bei einer Polizeikontrolle trotz Schwerpanzerung gestoppt. Sein Fahrer wurde erschossen, der Bodyguard lebensgefährlich verletzt und der Junge letztlich getötet. Die Täter gehören zur berüchtigten Flores-Bande, die längst auch die Polizei infiltriert haben soll.

Fälle wie diese sorgen dafür, dass Erik Suarez Maillard seit Monaten abends kaum vor neun Uhr aus dem Büro loskommt. Der 30-Jährige sitzt am Schreibtisch im Obergeschoss eines modern strahlenden Bürokomplexes im Westen von Mexiko City. Für BMW Mexiko verteilt Suarez die viel zu kleine Anzahl an Panzerfahrzeugen in Lateinamerika. Gestern gab es einige Gebrauchtwagenanfragen zu gepanzerten X5. Heute hat er schon eine Handvoll gepanzerter 5er BMW verkauft, jeder für mehr als 1,5 Millionen Pesos. "Ein Security Fahrzeug schließt optimal die Sicherheitslücke zwischen einem Arbeitsplatz, an dem Sicherheitsmaßnahmen selbstverständlich sind, und den in Sachen Sicherheit meist best ausgestatteten Privaträumen", erklärt Erik Suarez Maillard.

Panzerungen haben Hochkonjunktur

Das Geschäft mit der Sicherheit boomt in Südamerika wie nirgends anders. Jeder fünfte BMW ist in Mexiko gepanzert. Die Hauptstadt selbst gilt gemeinhin als die gefährlichste Metropole der Welt. "Offiziell spricht man von 900 Entführungen pro Jahr", so der 65-Jährige Chef der führenden Sicherheitsfirma Pegaso, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte, "aber real sind es wohl mindestens zehn Mal so viele. Die Gangster haben dabei gute Chancen ihr Geld zu bekommen. Durch die Polizei werden überhaupt nur fünf Prozent der Fälle untersucht und letztlich gerade einmal ein Prozent aufgeklärt."

Gustavo Eduardo Ininguez kennt die Gefahr, die jeden Tag im Straßenverkehr lauert. "Wir haben eine ganze Reihe von Panzerfahrzeugen in der Firma", berichtet der chic gekleidete Geschäftsmann, "durch die Stadt fahre ich nur mit einem Panzermodell; zumeist gibt es sogar ein zusätzliches Begleitfahrzeug." Wenn es Richtung Flughafen oder zu einem Treffen durch die City geht, lässt er sich mit einem Schwerpanzer der Sicherheitsstufe B6/B7 chauffieren, wie ihn bei uns allenfalls Politiker der Sicherheitsstufe eins fahren. "Hier in Mexiko City brauchen zwischen zwei und fünf Prozent der Leute Schutz gegen Überfälle und Kidnapping", so Ininguez.

Bei 25 Millionen Einwohnern sind das 500.000 bis 1,2 Millionen potentielle Sicherheitskunden. Dazu gehört auch Gerd Dressler. Der deutsche Geschäftsmann lebt seit fast 15 Jahren in Mexiko. Aus Sicherheitsgründen wurde heute Morgen wie fast jeden Tag eine andere Strecke genommen. Gerd Dressler: "Prävention ist fast alles - man sollte nicht immer zur gleichen Zeit in die Firma fahren, bestimmten Ecken meiden und die Route immer wieder wechseln. Das reduziert die Gefahr deutlich."


Steigende Nachfrage nach wirksamem Schutz

Die Produktion von Panzerfahrzeugen ist in Mexiko längst zum einträglichen Geschäft geworden. BMW lässt seine Panzermodelle X5 und 5er in Toluca, eine halbe Stunde westlich von Mexiko City, bauen. Da die größte Gefahr von Überfällen im Straßenverkehr ausgeht, reicht für die meisten Kunden die leichtere B4-Panzerung, die vor Schusswaffen bis zur Magnum schützt. "Doch die Nachfrage nach Modellen der Schutzklasse B4 Plus, die zum Beispiel auch vor dem Sturmgewehr AK 47 schützt, wird immer größer", erklärt Ulrich Gut, Direktor des BMW-Werkes in Toluca.

"Es wird immer gefährlicher. Eine neue Munition aus Belgien geht durch viele Panzerungen einfach durch", so der Inhaber der Sicherheitsfirma Pegaso, der vor ein paar Jahren selbst nur knapp einer Entführung entging, "die Waffen werden immer gefährlicher. Aber egal mit was geschossen wir oder in welcher Panzerung man unterwegs ist. Es gibt ein paar goldene Regeln. Das Auto muss immer in Bewegung bleiben, man sollte nie die gleichen Routen nehmen und keine festen Gewohnheiten haben."

Panzerungen im Akkord

Vom Geschäft mit der Sicherheit profitieren nicht nur die Hersteller selbst. Besonders heiß umkämpft ist der nachträgliche Panzermarkt. Rund 20 registrierte Firmen in und um Mexiko City herum panzern Fahrzeuge jeglicher Art. Eine der größten ihrer Art ist Delta Pavesi. Versteckt in einem Gewerbegebiet außerhalb der Stadt stehen in einer Halle zwei Dutzend Fahrzeuge, die in Akkordarbeit nachgepanzert werden. Von der leichten Schutzstufe B3 bis zum Schwerpanzer für Terrorangriffe. "Wir machen das ganze seit zehn Jahren. Die Nachfrage wird immer größer", so Firmeninhaber Arturo Delgado, "viele lassen unauffällige Mittelklassefahrzeuge wie einem Toyota Camry oder einen VW Jetta panzern. Aber gerade die SUV wie Volvo XC 90, Mercedes M-Klasse oder Chevrolet Suburban sind begehrt."

Gelten die Serienpanzerfahrzeuge von BMW, Audi oder Mercedes nicht nur sicherheitstechnisch als Maß der Dinge, so können Firmen wie Delta Pavesi flexibler denn auf die Kundenwünsche eingehen und panzern alle gängigen Fahrzeuge. "Wir panzern zum Beispiel auch einen 3er, was BMW in der aktuellen Generation nicht mehr anbietet. Das bringt uns natürlich Kunden", erzählt Delgado. Einige Panzerfirmen nehmen sich selbst Sportskanonen wie einen Porsche 911 Turbo oder Ferrari F 430 vor.

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