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Mille Miglia 2009

Die Millie Miglia im Porsche 550 Spyder

Mille Miglia 2009 Foto: Dino Eisele 15 Bilder

Die rund 1.000 Meilen der Mille Miglia von Brescia nach Rom und zurück haben es in sich: 49 Wertungsprüfungen, 18 Zeit- und 17 Durchfahrtskontrollen. Da ist es gut, wenn man im Porsche 550 Spyder den einst besten Beifahrer der Welt dabei hat: Christian Geistdörfer.

24.06.2009 Hans-Jörg Götzl Powered by

Die kleine Laura sorgt sich um das Wohl der Mille Miglia-Fahrer. Mit ernster Miene verteilt die etwa Elfjährige am Vorstart auf der Viale Venezia im oberitalienischen Brescia selbst gefertigte Zettel mit dem Bild eines Rennautos an alle 390 Teams, lässt die Piloten in ihrem Autogrammbuch unterschreiben und wünscht "Buon viaggio."

"Dann kann ja nichts mehr schiefgehen", meint Beifahrer Christian Geistdörfer und verstaut das rechteckige Papier in seiner Jacke.

Rallye-Computer verwirrt Geistdörfer

Na ja, vielleicht doch. Extra für die 27. Neuauflage des 1.000-Meilen-Rennens nämlich hat sich der Münchner, der Walter Röhrl zu zwei Weltmeisterschaften und vier Monte-Carlo-Siegen geführt hat, einen neuen Supercomputer angeschafft, in den sich praktisch die gesamte Rallye mit allen Prüfungen und Zeitkontrollen einprogrammieren lässt. Der grau-schwarze Kasten stammt aus der Triester Fabrik des mehrfachen Mille Miglia-Siegers Luciano Viaro, der Geistdörfer auch gleich bei der Fahrzeugabnahme zu dessen Neuerwerb beglückwünscht.

Dummerweise wurde das 1.000 Euro teure Wunderwerk erst direkt vor der Rallye geliefert und gehorcht den Eingaben Geistdörfers allenfalls rudimentär - trotz oder vielleicht sogar wegen der deutschsprachigen Anleitung. Nach zwei Stunden gibt der 56-Jährige auf und holt seine konventionellen Stoppuhren hervor. "Die funktionieren wenigstens", brummt er. Kleiner Trost: Im BMW Classic-Team soll gar ein gestandener Informatiker an dem Rallyecomputer verzweifelt sein.

Geistdörfer greift zu den bewährten Stopp-Uhren

Also muss es eben auf die bewährte Weise gehen, und zwar gleich 750 Meter nach dem Start: Auf der Auffahrt zum Kastell in Brescia warten die ersten vier von insgesamt 49 Gleichmäßigkeitsprüfungen, wobei, und das ist eine Spezialität der Mille Miglia, das Ende der vorangegangenen Prüfung gleich der Beginn der folgenden ist. Gemessen wird auf die Hundertstelsekunde, und in dieser Disziplin sind die Italiener kaum zu schlagen: Profis wie Viaro unterlaufen selten Abweichungen von mehr als vier bis fünf Hundertsteln - normale Menschen sind schon froh, wenn sie unter einer halben Sekunde bleiben.

Das Ergebnis wird dann nach einem Algorithmus in Punkte umgemünzt, am Ende wird zusammengezählt und das Ganze mit einem Koeffizienten multipliziert, der sich aus dem Alter des Autos, der Kategorie, dem Hubraum und vermutlich der letzten Mondfinsternis errechnet. Trotz allem ist die Leistungsdichte an der Spitze unglaublich hoch: Am Ende der Mille Miglia 2009 werden den Sieger vom Zweitplatzierten magere zwei Punkte trennen, was knapp zwölf Tausendsteln entspricht.

Der Porsche 550 Spyder ist ein reines Rennauto

Von diesen Bereichen indes sind wir weit entfernt, denn der Porsche 550 Spyder ist für Gleichmäßigkeitsprüfungen so geeignet wie ein Rennpferd für die Arbeit auf dem Acker. "Das ist ein reines Rennauto, der erste richtige Rennwagen von Porsche", erklärt Klaus Bischof, der Leiter des mobilen Porsche-Museums.

Tatsächlich haben die Zuffenhausener mit diesen silbernen Flundern ihre ersten großen Siege eingefahren, und die Eckdaten können heute noch begeistern: Gewicht 550 Kilogramm, der aufwendige Vierzylinder-Boxermotor mit vier oben liegenden, königswellengetriebenen Nockenwellen leistet 130 PS und klingt bei hohen Touren wie eine Kreissäge in Ekstase.

Der Porsche verlangt nach Drehzahlen zwischen 4.000 und 6.000/min.

Nur eines mag dieses technische Kleinod, das heute nur noch von ganz wenigen Spezialisten korrekt montiert werden kann, überhaupt nicht: Bummelfahrten und niedrige Drehzahlen. Dann verölen die zwei Zündkerzen je Brennraum, und die Maschine spuckt und rotzt beleidigt rum. Zum Glück folgen auf jedes Sonderprüfungspaket einige Kilometer freie Fahrt, auf der man die Zündkerzen mit Drehzahlen zwischen 4.000 und 6.000 Touren freiblasen kann.

Die Begeisterung für die Mille Miglia scheint ungebrochen

Es gibt wenig Dinge, die mehr Spaß machen, zumal die Zuschauer am Straßenrand jedes Vorbeikreischen des kleinen Porsche mit anfeuernden Schreien begleiten. Die Begeisterung für die Mille Miglia scheint auch in der 27. Neuauflage seit 1977 ungebrochen, das wird auf der ersten Etappe nach Ferrara einmal mehr deutlich: Mit unserer Startnummer 372 befinden wir uns ziemlich am Ende des Feldes, der OM 665 SS mit der Startnummer eins ist jeweils schon seit zwei Stunden durch - dennoch stürmen nach wie vor die Leute aus den Bars, winken mit Handtüchern und Fahnen und was sie sonst greifen können und brüllen sich die Seele aus dem Leib, wenn wir im Gefolge mit zwei weiteren 550 Spyder vorbeirauschen.

Vielleicht brauchen die Italiener einfach diese drei Tage Ausnahmezustand im Mai, wenn die Strecke von Brescia nach Rom und zurück zur schnellen Einbahnstraße wird, Ampeln nur buntes Beiwerk sind und Verkehrsregeln allenfalls als Empfehlung gelten. Schließlich leiden sie den Rest des Jahres unter einer überforderten Infrastruktur, rostigen Leitschienen an der Autobahn und einer Geschwindigkeitsüberwachung, die bei Vergehen immer drakonischere Strafen einfordert. Selbst über das alles überstrahlende Nationalheiligtum, die Scuderia Ferrari, breitet man derzeit besser den Mantel des Schweigens.

Die Wirtschaftskrise bedrohte auch die Mille Miglia

Doch auch um die Mille Miglia mussten die Italiener zittern: Die Wirtschaftskrise zog selbst am berühmtesten Oldtimerrennen der Welt nicht spurlos vorüber, etliche Sponsoren sagten ebenso ab wie altgediente Teilnehmer, die Gerüchteküche murmelte bereits von einer möglichen Absage. "Natürlich haben wir Schwierigkeiten", erklärt Sandro Binelli dazu, der Generalsekretär des Organisationskomitees: "Absagen wollten wir allerdings nie, wir haben eben versucht, neue Sponsoren zu finden."

Binelli und seine Kollegen von der Veranstaltergemeinschaft ATI haben die Ausrichtung der 1.000-Meilen-Rallye erst im vergangenen Jahr übernommen, und was sich 2008 noch etwas holprig gestaltete, läuft nun deutlich geschmeidiger. So gibt es beispielsweise nach der Ankunft im Etappenziel Ferrara weit nach Mitternacht noch in jedem Hotel etwas zu essen, und auf dem weiteren Weg nach Rom werden viele neuralgische Staustellen elegant umfahren.

Der Porsche quittiert den Dienst

Nur die Technik der Oldtimer, im günstigsten Fall 52 Jahre alt - die originale Mille Miglia lief von 1927 bis 1957, und nur Fahrzeuge dieser Baujahre, deren Typ teilgenommen hat, dürfen heute mitfahren -, macht mitunter Mucken. Davon bleibt auch unser Porsche nicht verschont, der nach viel Stop-and-go in San Marino mitten in einer engen Kehre vor einem Souvenirshop noch einmal empört hustet und dann mit toter Batterie abstirbt. Klaus Bischof besorgt daraufhin rasch einen neuen Akku, und Christian Geistdörfer mahnt anschließend zur Eile: "Wenn wir die nächste Zeitkontrolle nicht erreichen, bevor sie schließt, sind wir aus der Wertung."

Dadurch verpassen wir leider das Mittagessen, aber ein Rennen ist eben ein Rennen, und weiter geht die wilde Fahrt gen Rom. Dort zeigt Christian erneut seine Klasse, als wir im Gewirr den Anschluss an eine Polizeieskorte verlieren und der beste Beifahrer der Welt uns anhand einer winzigen DIN A4-Karte durch die Ewige Stadt lotst.

David Coulthard ist über das Tempo erstaunt

Wieder fallen wir nach Mitternacht ins Hotelbett, wieder geht es in den frühen Morgenstunden weiter - diesmal auf die Königsetappe durch die Toskana zurück nach Brescia. Auf den langen Geraden lassen die Fahrer nichts anbrennen, auch ein David Coulthard im Mercedes-Benz 300 SLR wundert sich über das allgemeine Tempo. "Ganz schön verrückt, und dann der Verkehr, aber das gehört eben zum Charakter dieser einmaligen Veranstaltung", meint der Schotte, der vor seinem Vorgänger Stirling Moss, der 1955 mit dem Wagen in Rekordzeit gewann, nur den Hut ziehen kann: "Das Auto ist unglaublich anstrengend und viel schwerer zu fahren als ein moderner Formel 1."

Doch den Muskelkater gibt es erst morgen, heute überwiegt die Faszination, auch über den 550 Spyder, der sich beeindruckend zielgenau bewegen lässt. Als wir nach einem Stau in Florenz am Futa-Pass Zeit aufholen müssen, fällt die Drehzahlmessernadel nie unter 4.000, und Christian meint: "Das fühlt sich beinahe an wie in alten Zeiten."

Der Zieleinlauf gleicht einem Triumphzug

Es folgen noch ein paar dichtgedrängte Wertungsprüfungen, dann geht es über die langen Geraden der Po-Ebene zurück zum Ausgangspunkt, immer unterbrochen von Durchfahrten durch historische Ortskerne mit begeisternd jubelnden Zuschauern. Der Zieleinlauf gleicht einem Triumphzug, jedes Team wird begrüßt, als hätte es gewonnen.

Die Ehre gebührt diesmal den Italienern Bruno und Carlo Ferrari im Bugatti 37 ganz knapp vor den Argentiniern Carlos Sielecki und Juan Hervas im Bugatti 35; Vorjahressieger Luciano Viaro muss sich mit Rang drei begnügen. Wir bescheiden uns mit einem dreistelligen Ergebnis und schieben alles auf die Technik. "Ich mache erst einmal einen Lehrgang mit dem Rallyecomputer", grinst Christian. Gute Idee - die nächste Mille Miglia kommt bestimmt.

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