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Mille Miglia 2014

Schlaflos im Sattel

1000 Miglia 2014, Mercedes-Benz 300 SL W194 Foto: Mercedes 14 Bilder

Die Mille Miglia ist noch immer ein echtes (Fahr-)Abenteuer - erst Recht, wenn man als Beifahrer von Jochen Mass in einem ganz besonderen Mercedes-Benz 300 SL sitzt: es ist das Auto, dass 1952 die Carrera Panamericana Mexico gewonnen hat.

19.05.2014 Michael Schröder Powered by

Er ist schon ein ziemlich lässiger Typ, der Jochen Mass. Halb Norditalien steht Kopf, weil in Brescia am frühen Donnerstag-Abend die Mille Miglia gestartet wurde und die 450 Teilnehmer im Abstand von 20 Sekunden endlich die erste Etappe unter die Räder nehmen dürfen. Und was macht der Ex-Formel-1-Pilot? Erzählt mir von einem Gedichtband, den er gerade gelesen hat – bei Tempo 150 (oder auch schon mal 180 km/h) auf einer schmalen Landstraße. Offensichtlich kein Problem für den erfahrenen Rennfahrer. Eher für mich.

Rund 1.700 km in 4 Tagen

Doch der Mann weiß ganz genau, was er tut, soviel ist schon nach wenigen Kilometern klar. Und: Zum Aussteigen ist es jetzt ohnehin zu spät. Also nicht jammern, sondern die Fahrt genießen, denn Mass und ich werden die nächsten vier Tage in dieser engen und heißen Kabine verbringen und dabei rund 1.700 Kilometer zwischen Brescia und Rom zurücklegen.

Es ist Jochens 25. Mille-Einsatz, während ich zum dritten Mal dabei bin und es eigentlich wissen sollte, wie sich dieser Event abspielt. Wer sich an rote Ampeln oder Tempolimits hält, erntet von Anwohnern wie von der Polizei völliges Unverständnis. Von den anderen Fahrern sowieso. Keiner, der nicht dabei gewesen ist, kann sich vorstellen, wie es tatsächlich ist, wenn 430 Autos, viele davon reinrassige Rennwagen, endlich von der Leine dürfen und die Stimmung am Straßenrand knapp unter der eines gewonnenen WM-Endspiels ist.

Nun sitze ich allerdings zum ersten Mal auf dem Platz des Co-Piloten und aus dieser Perspektive sieht die Sache doch irgendwie anders aus. Auf meinen Knien stapeln sich das Roadbook, zwei Stoppuhren und diverse lose Blätter mit zusätzlichen Angaben zur Strecke, (Umleitungen etc.) Es ist mein Job, uns möglichst fehlerfrei durch halb Italien und möglichst exakt durch insgesamt 74 Wertungsprüfungen zu führen. Wie ich mich dabei fühle? Versuchen Sie einmal, während einer Runde in einer Achterbahn ein Buch zu lesen. Alles klar?

Die scharfe Variante des Flügeltürers

Unser Auto für diesen Einsatz: der 300 SL Rennsportwagen W 194, mit dem Karl Kling und Hans Klenk 1952 die Carrera Panamericana Mexico gewonnen haben, also die etwas schärfere Variante des ab 1954 verkauften 300 SL W 198. Dort, wo dieser Wagen auftaucht, wird er sofort von rennsportbegeisterten Autofans umringt. Was aber durchaus auch am Fahrer liegen könnte. Mit schier endloser Geduld gibt Jochen Mass Autogramme oder lächelt umringt von wildfremden Menschen in ungezählte Kameras. Meistens tut er beides gleichzeitig.

Tag eins endet gegen 1:25 Uhr in der Nähe von Padua. Vier Stunden Schlaf müssen genügen, bevor die 710 Kilometer lange Königsetappe nach Rom ansteht. Laut Roadbook und Bordkarte beträgt unsere dafür vorgesehene Fahrtzeit rund 15 Stunden. Bisher haben wir uns recht gut gehalten. Position 71 ist durchaus akzeptabel, wenn man überlegt, dass die Profis sich wochenlang auf die Wertungsprüfungen vorbereiten und diese bis auf die Hundertstel genau absolvieren.

Ravenna, San Marino, Ancona und am Abend schließlich das im Jahr 2009 von einem Erdbeben zerstörte L´Aquila in den Abruzzen. Wir fliegen förmlich durch Italien, angespornt von dieser endlosen Feier um uns herum. Wir treffen unterwegs einen gut gelaunten Brian Johnson, den Sänger von AC/DC, der in einem Jaguar C-Type unterwegs ist und sich sofort an das Heck des Mercedes hängt. Nein, um müde zu sein, hat der Körper einfach keine Zeit. Essen, tanken, auf Toilette gehen - all dies wird in Formel -1-Boxenstopp-Manier erledigt.

Tausende begeisterte Zuschauer bei der Engelsburg in Rom

Gegen Mitternacht endlich in Rom, links das Kolosseum, gleich darauf die Zielrampe unterhalb der Engelsburg. Wie viele tausend Menschen hier auf die Fahrer der Mille warten? Keine Ahnung. Aber die Begeisterung für die Mille scheint wahrhaftig riesengroß. Unser Spaß an diesem Event erhält allerdings einen heftigen Dämpfer. Erstmals sollen in diesem Jahr sämtliche Teilnehmerautos in einem gemeinsamen Parc Fermé vor den Toren der Stadt untergebracht werden. Die Fahrtzeit dorthin in einem von Polizisten angeführten Konvoi beträgt nochmal eine Stunde, und vor Ort herrscht ein ziemliches Gedränge. Bis wir endlich ins Bett fallen, ist es 2:30. Und um sieben Uhr werden wir wieder in unserem SL sitzen...

Tag drei. 552 Kilometer bis Bologna, und dazwischen die Highlights der Mille: die Fahrt über die Piazza del Campo in Siena und die Abstecher nach Pisa und Lucca. Großes Kino. So wie die Strecken durch die Toskana. Wie gemacht für einen gut gelaunten Jochen Mass in einem gut gemachten 300 SL. Zwischendurch ein Abstecher in ein kleines Restaurant abseits des Mille-Trubels. Ein paar Minuten Ruhe vor dem lindwurmartigen Futa-Pass, der einer einzigen Fan-Meile gleicht. Gegen 21 Uhr (und nach 11 Stunden Fahrt) schließlich Bologna.

Der letzte Fahrtag. Nur 218 Kilometer bis zur Zielrampe in Brescia. Fünf Stunden, die wir nach den letzten beiden Tagen quasi als Kurzstrecke verbuchen. Viel passiert nicht mehr, weil das Ziel irgendwie viel zu schnell in Sicht kommt und einem Déjà-vu-Erlebnis gleicht. Wieder schütteln uns wildfremde Menschen die Hände, noch einmal dieser Applaus - es ist so, als ob wir erst vor zwei Stunden gestartet sind.

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