Wie bei jedem guten Museum sind es die kleinen Details, die den Besucher besonders begeistern: Da findet sich beispielsweise in einem Schaukasten eine alte Schreibmaschine mit einem eingespannten Brief des Journalisten Giovanni Canestrini an den Mille Miglia-Organisator Renzo Castagneto, geschrieben auf dem berühmten rosafarbenen Papier der Sportpostille Gazzetto dello Sport.
Kenner schätzen so etwas, schließlich hatte mit Canestrini und Castangneto sowie deren Freunden, dem Grafen Aymo Maggi und dem Flieger Franco Mazzotto einst alles begonnen: Anfang Dezember 1926 nämlich hatten die vier sportbegeisterten jungen Männer zu nächtlicher Stunde beschlossen, ein Motorsport-Ereignis ersten Rangens in Italien zu etablieren mit ihrer Heimatstadt Brescia als Mittelpunkt.
Am 4. Dezember 1926 veröffentlichte Canestrini in der Gazzetto dello Sport die erste Meldung, und am 26. März 1927 um acht Uhr morgens startete erstmals die Veranstaltung, die als schönstes und aufregendstes Straßenrennen in die Geschichte eingehen sollte und in einem Atemzug mit Le Mans, Indianapolis und Monaco genannt wurde: die Mille Miglia, 1.000 Meilen quer durch Italien, von Brescia in die Hauptstadt Rom und zurück.
1931 siegte hier Rudolf Caracciola als erster Ausländer auf einem Mercedes SSKL, 1955 manifestierte der Engländer Stirlig Moss auf einem Mercedes SLR den bis heute gültigen Streckenrekord mit einem Schnitt von 157,65 km/h - inklusive Pässen und Ortsdurchfahrten. 1957 beendete ein tragischer Unfall mit vielen Toten das Rennen.
Zwanzig Jahre später indes feierte die Mille Miglia als Oldtimer-Rennen fröhliche Wiederauferstehung, und seit 1984 wird Brescia jeweils im Mai wieder zur Hauptstadt der Mille Miglia. Tausende Zuschauer strömen dann in die lombardische Industriestadt südlich des Gardasees, um den Start des Rennens zu verfolgen: 375 Klassiker der Baujahre 1927 bis 1957, der historischen Epoche der Mille Miglia eben, gehen dann auf die 1.600 Kilometer lange Reise durch Italien, um drei Tage später wieder in Brescia einzutreffen.
Wer indes bislang außerhalb der Oldtimerveranstaltung nach Brescia kam, musste sich schon sehr genau auskennen, um Spuren des berühmten 1.000 Meilen-Rennens zu finden: Die Bronzebüste von Renzo Castagneto etwa, der alle 24 Ausgaben organisiert hat. Sie befindet sich im kleinen Park hinter der Viale Venezia, auf der üblicherweise der Start über die Rampe geht.
Das lang erwartete und glücklicherweise ganzjährig geöffnete Museum schließt also mehr als eine Lücke, auch wenn noch nicht alles komplett ist. "Es ist ein großes Abenteuer, und es ist längst nicht fertig - aber man muss irgendwann anfangen, sonst wird es nie etwas, meint Costantino Franchi, der heutige Organisator der Mille Miglia, während der Eröffnung.
Der Ort für das Museum ist gut gewählt, und er dürfte zumindest den Teilnehmern der Mille Miglia gut bekannt sein: In der anno 1008 gegründeten ehemaligen Benediktinerabtei von SantEufemia della Fonte, einem Vorort von Brescia, werden traditionell die Fahrer vor dem Start mit einem Abendessen verabschiedet.
Zeitgeschichte statt Autokult
Das im Besitz der Stadt befindliche Gebäude befand sich lange Zeit in einem beklagenswerten Zustand und wurde in den letzten Jahren aufwändig restauriert. Für die kommenden 55 Jahre, so der Vertrag zwischen Stadt und MM-Organisation, sollen die Mauern nun das Museo della Mille Miglia beherbergen.
Es mag nun daran liegen, dass zwischen den ersten Ideen und der Eröffnung mehr als zwei Jahrzehnte liegen - jedenfalls haben die Organisatoren darauf verzichtet, die Räume einfach nur mit Autos und Reliquien vollzustellen. "Die Mille Miglia ist eine Idee, ein Mythos, erklärt der Mailänder Architekt Cesare Casati, der zusammen mit seinem Sohn Matteo für die Inneneinrichtug verantwortlich zeichnet. "Es ist die Idee des freien Transports, des Rennens durch die verschiedenen Orte, erläutert der 67-Jährige: "Wir wollen die Zeit zeigen, das Design, die Technik.
Konsequenterweise führt ein roter Pfeil, das Symbol der Mille Miglia, die Besucher durch die Räume: In den Boden sind Straßenoberflächen aus den verschiedenen Epochen eingelassen, vom geölten Sand der Zwanziger bis zum löchrigen Asphalt der Fünfziger. An der Decke befinden sich Zeitungen und Plakate, jeweils zeitlich passend natürlich. Autos gibt es selbstverständlich auch, ehemalige Teilnehmerfahrzeuge von 1927 bis 1957 - aber sie stehen nicht im Mittelpunkt, sondern sind in weitere Zeitzeugen wie Schaufensterpuppen, Werkstatteinrichtungen oder Filmplakate eingebunden. Eingerahmt wird die Zeitreise von einer Stadtsilhouette, vielleicht die hübscheste Idee des Museums. "Das ist genau das, was der Fahrer während des Rennens sieht, meint Cesare Casati.
Kulturgeschichte für zehn Euro
Das Museum endet mit der Neuzeit, der Mille Miglia als Oldtimer-Rennen und seinen Ablegern in Japan, Kalifornien und Argentinien. Und am Ende wird der Besucher zugeben müssen, dass die zehn Euro Eintritt gut investiert sind.
Das Museo della Mille Miglia befindet sich an der Ausfallstraße von Brescia Richtung Gardasee und Desenzano im Ortsteil SantEufemia, schräg gegenüber der Mercedes-Niederlassung Bonera. Es ist von Oktober bis April von neun bis 18 Uhr und von Mai bis September von 9:30 bis 18:30 Uhr geöffnet. Kontakt unter Tel. 0039/030/3365631, oder www.museomillemiglia.it




