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Mit dem 458 Speciale nach Goodwood

Roadtrip mit 605 PS

Ferrari 458 Speciale, Seitenansicht Foto: Rossen Gargolov 32 Bilder

Benzinköpfe feierten beim diesjährigen Festival of Speed in Goodwood - ein Hochamt des Hochoktanigen. Wir auch. Bloß dass für uns schon der Weg ein Ziel war. Oder wäre es Ihnen am Steuer eines Ferrari 458 Speciale anders ergangen? Ein Roadtrip über 2.126 Kilometer mit 605 PS.

24.08.2014 Jörn Thomas Powered by

Es gibt Situationen, die erlauben kein Zögern. "Willst du mit einem Ferrari 458 Speciale nach Goodwood?" Bevor die Frage das Hirn erreicht, ist die Antwort schon raus: Ja. Zwei Wochen später, so gegen elf Uhr in Frankfurt: Übernahme kurz und schmerzlos, Kilometerstand 3.766.

Tank voll, Reifen frisch, Besatzung auch. Was haben wir uns vorher Gedanken ums Gepäck gemacht, wollten, um Platz zu sparen, sogar die Zahnbürste teilen und die Unterhosen wechseln. Also miteinander. Nicht nötig, in den Ferrari 458 Speciale könntest du zur Not sogar eine divenhafte Mittdreißigerin samt ihrem Boudoir einladen. So weit kommt es zum Glück nicht, Fotograf Rossen "Rocky" Gargolov ist zwar auch Mittdreißiger, schleppt aber lediglich Kameragehäuse, lange Rohre und Stative mit sich rum. Nach zehn Minuten ist das ganze Zeug sicher im vorderen Kofferraum und hinter den Sitzen verstaut, das Navi programmiert.

Drehfreude bis 9.000/min im Ferrari 458 Speciale

Manettino am Lenkrad steht zunächst auf Sport. Wir wollen es ja nicht übertreiben, unentspannt warm machen mit dem schärfsten Teil der 458-Palette. Raus aus der Stadt, rauf auf die Bahn. Wenn sich Ansaug- und Auspuffklappen zum Wohle freizügiger Gaswechsel öffnen, weiten sich die Augen aller Petrolheads. Junge, marschiert das Ding. Ohne einen Drehomentüberfall beim Start, wie ihn manche Turbomonster begehen, dafür mit Drehzahlgier. Nun, wenn der frisch gemachte 4,5-Liter die nicht hat, wer dann?

Schon der "normale" Italia-V8 dreht ja schwerelos hoch, doch im Ferrari 458 Speciale setzen die Italiener noch einen drauf. Was soll man auch von einem Motor erwarten, bei dem Höchstleistung und Drehzahlbegrenzer zusammenkommen - und zwar bei 9.000/min. Sollen sich doch andere von Turboladern zwangsbeatmen lassen - neuerdings sogar wieder Ferrari-intern -, der Speciale übernimmt das Luftholen noch selbst. Und das mit Erfolg.

Ab 2.000/min bereits munter, füllt er seine Lungen respektive Luftsammler mit steigender Drehzahl zunehmend williger, untermalt dies je nach Lastzustand mit bassigem Röhren, dem Schmatzen der Drosselklappen oder ungehemmten Schreien. Italo-Gezicke? Nichts davon. Der V8 des 458 Speciale spricht preußisch korrekt an, egal ob im Stop-and-go-Geschiebe, bei zähem Baustellenschleichen oder blitzartiger Volllast. So cruisen wir mit rund 200 km/h gen Nürburgring. Ein Reisetempo, das Unterhaltungen erlaubt, ohne danach einen Zehnerpack Hustenbonbons einwerfen zu müssen.

Der Ferrari 458 Speciale hat Hunger

Einwerfen - gutes Stichwort zur Mittagszeit. Wir und der Ferrari 458 Speciale haben Hunger und Durst. Rocky lotst zur Tankstelle Döttinger Höhe samt Imbiss. Hier hocken sie, Einheimische, Testingenieure, Rennfahrer. Im Winter wird es einsamer. "Dann kommen die ganzen Ring-Chefs hierher, die anderen Imbisse haben nämlich alle zu," erklärt Hans-Joachim "Retti" Retterath. Hotel, Tankstelle, Restaurant - seit drei Generationen im Familienbesitz. Nenn das Ding nicht Imbiss! Gekocht wird nämlich im Restaurant nebenan, und so schmecken die Schweinemedaillons mit Spätzle und Pfeffersoße auch. Abgerundet mit Tiramisu und frischen Erdbeeren. Alles zusammen für sechsachtzig. Erzählen Sie das mal dem Wirt irgendeiner schmierigen Pommes-Schmiede.

Während auf der Nordschleife der Industriepool erprobt, erkunden wir diese derweil außenrum. Nach Rock am Ring sind die Schranken offen, wir brechen auf zum Offroad-Exkurs. Am Brünnchen rechts rein und rauf zur Steilstrecke, vorbei an Wippermann und Kesselchen. 24h-Fans kennen das, für den Ferrari 458 Speciale ist es Neuland, aber er bekommt es ohne unerwünschten Bodenkontakt hin.

Wir konstatieren: Böschungswinkel passt. Noch 252 Kilometer bis Brüssel, zum Glück nicht ausschließlich Autobahn. So darf der Ferrari 458 Speciale sein Talent kurz aufblitzen lassen, mit den warmen Cup 2 am Asphalt kleben und zeigen, dass er auf öffentlichen Straßen nicht bereit ist, zu unter- oder zu übersteuern.

Ferrari 458 Speciale mit "Drift-Hilfe"

Wer es dennoch quer mag, den unterstützt der Speciale mit dem sogenannten SSC. In den Eintellungen Race und CT Off hilft es unter anderem durch die Regelung des E-Differenzials, kontrolliertes Übersteuern zuzulassen. Funktioniert wohl hervorragend, ist aber nicht unbedingt ein Landstraßenthema. Navigieren wir also lieber gen Brüssel. Würden wir zumindest gern, wenn der Prozessor nicht in den Streik träte.

Kurzer Anruf bei Ferrari - mit dem Tipp: Steuergerät einschlafen lassen. Dauert normal rund eine Stunde, bei abgeklemmter Batterie in Nullkommanix. Also: Inbusschlüssel besorgen (nicht im Bordwerkzeug, dafür ein paar weiße Handschuhe mit Cavallino), vier Schrauben im Fußraum lösen, Deckel weg, Schnappklemme abziehen, wieder dranklemmen, zuschrauben, fertig.

Schon schreit uns der mit 14 : 1 verdichtete V8 auf die E 42 Richtung Brüssel. Wir wollen zum Atomium. Rocky sagt, der Ferrari sei Italien, wir seien deutsch, Goodwood britisch und Brüssel Europa. Hm. Egal wie, wir fahren hin. Wahnsinn, das 102 Meter hohe, zur Weltausstellung 1958 gebaute Ding.

Glücklich verheiratet und abstinent

Noch wahnsinniger sind die Touristen, denen das Chrom-Atom schnurz ist, sobald der Ferrari 458 Speciale aufkreuzt. Dutzende spanischer Omas reiben sich am unschuldigen Körper des Ferrari-Piloten, geben beim Erinnerungsfotografieren großzügig Schweißproben. Rocky hat es gut, er kann derweil in Ruhe arbeiten. Nachdem auch die letzte Frage zum 458 beantwortet ist, Polen, Nepalesen sowie Burka-Trägerinnen zufrieden sind, können wir nach eineinhalb Stunden Richtung Brügge aufbrechen. Gepflegte Stadt im Fußballfieber (ja, da war Belgien noch drin), reichlich junge Frauen, Bier zum WM-Sonderpreis. Natürlich nicht für uns, glücklich verheiratet und abstinent.

Am nächsten Morgen ruft der Eurotunnel. Lange Schlangen, patziges Personal, endloser Papierkram, schikanierende Zöllner - so vermuten es Kinder der 70er-Jahre. Nix davon. Rein, durch und raus. Billig ist der Autozug nicht, dafür reibungslos 80 Meter unterm Ärmelkanal. Nach einer halben Stunde entern wir Großbritannien. Der Ferrari 458 Speciale flippert über Motorways und durch grüne Baumtunnel- Landstraßen Richtung Goodwood.

Wirst du in Deutschland noch von missgünstigen Limousinenfahrern und frustrierten Familienvätern gegängelt und ausgebremst, demonstrieren die Briten Gelassenheit und fett Super Plus im Blut. Sie sind Kenner, Freaks und nicht bloß stumpfe Handy-Paparazzi. Sie gehen vor dem Diffusor in die Knie, kennen sich mit den aktiven Luftklappen aus, die den Wagen vor wuchernden Spoilern verschonen - cool. So cool wie die Landstraßen um Goodwood. Bevor der Speciale auf dem Supercar-Parkplatz zwischen Lagonda, McLaren, Noble, 900-PS-GT-R und Huayra knisternd relaxen darf, bekommt er noch einen flotten Stint zwischen den Hecken.

Ferrari 458 Speciale zielsicher und komfortabel

Zwei Zupfer an der linken Carbon-Schaltsense, und das Ding schiebt mit dem Sound zweier gedopter Vierzylinder, das Doppelkupplungsgetriebe wechselt von zart auf hart, schießt die Gänge so hart rein, wie der 4,5-Liter Spitzenleistung produziert. Der LED-Christbaum im Carbon-Lenkrad feiert nun Weihnachten, das Grünzeug am Straßenrand schießt mit Warp 2 an der Frontscheibe vorbei. So muss sich ein gepflegter LSD-Trip anfühlen. Andererseits: Unglaublich, wie komfortabel und zielsicher der Ferrari 458 Speciale die hoppeligen Pisten im Pilcher-Country frisst.

Schneller? Bitte, gern. Bremsen? Uaah, Keramik, vorn in 40 Zentimetern. Fühlt sich an wie ein Bremshaken auf der USS Enterprise - kombiniert mit der Präzision eines Uhrmacherwerkzeugs. Großer Sport. Den bietet auch das eigentliche Festival of Speed. Kassenhäuschen? Fehlanzeige. Ausverkauft im Voraus. Klar, wo sonst kann man seine Nase in den 16-Zylinder des Porsche Spyder stecken, um ein paar Meter weiter Mercedes W125-Atemluft und dann eine Dosis Dieselaroma des Le-Mans-Gewinners Audi R18 e-tron zu inhalieren, bevor Silk-Cut-Jaguar, Drift-Mazda, Sauber-Mercedes, Porsche 917 und viele mehr über den Rennkurs ballern?

Alles schick, aber: Für uns war ja schon der Weg das Ziel. Danke Speciale! Und dann ging es wieder nach Hause...

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