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Mit dem BMW Dixi zum Großglockner

Foto: 14 Bilder

15 PS gegen 2571 Höhenmeter – die heroische Geschichte von der Erstürmung der Großglockner-Hochalpenstraße mit einem BMW Dixi Ihle-Roadster von 1929.

01.07.2002 Hans-Jörg Götzl Powered by

Höhenrausch

Einmal mehr brachten die jüngeren Kollegen in der Redaktion altersbedingte Bedenken hervor. So ein Auto aus den Zwanzigern sei zwar irgendwie schon recht nett, meinten sie, aber – wenn nicht gerade mit dunkelgrünem Anstrich sowie viel Hubraum und einem geflügelten B auf dem Kühler versehen – eher fad und keinesfalls für Reisen in weite Ferne geeignet.

Ein weit verbreiteter, tragischer Irrtum, entgegnete ich: Selbst mit einem Kleinwagen lässt sich schwungvoll die Welt erkunden. Bis zum ersten Berg, höhnten sie. Unsinn, sagte ich. Sogar mit einem Dixi und seinen sparsamen 15 PS komme ich überall hinauf, auf die Schwäbische Alb ebenso wie ins Allgäu – und wenn es sein muss, sogar auf die Großglockner-Hochalpenstraße. Und die ist immerhin gut zweieinhalb Kilometer hoch. Großes Gelächter.

Na gut, ihr werdet schon sehen. Am nächsten Morgen kabelte ich nach München und fragte bei der Mobilen Tradition, ob sie vielleicht einen offenen Dixi haben? Haben wir schon, hieß es aus der BMW-Allee, müssen wir aber erst fahrbereit machen: „Wissen Sie, der wird selten gefahren, weil er doch ein wenig langsam ist.“


Wetten gegen uns

Später habe ich dann aus gut gesicherten Quellen erfahren, dass die Mechaniker in der BMW-Werkstatt untereinander Wetten abgeschlossen haben, ob ich mit dem Dixi den Großglockner hinaufkomme. Die meisten waren sicher, dass wir es nicht schaffen.

Mehr Mut macht dagegen ein paar Tage später die ältere Dame im ersten von sechs Kassenhäuschen am Mauthaus der Hochalpenstraße, die für die geplante Erstürmung 26 Euro kassiert. „Komme ich damit da hoch?“, frage ich sie und deute auf mein Gefährt. „Ich denke schon“, meint sie mit einem wohlwollenden Blick auf den kleinen Dixi mit dem roten Roadsterkleid von Ihle, der aufgeregt unter mir knattert.

Also los. Erster Gang, Gas, Zündung mit dem Hebel am Lenkrad auf spät. Großglockner, wir kommen. Der 748,5 Kubikzentimeter-große Vierzylinder röhrt unternehmungslustig, die kleine Kurbelwelle biegt sich in ihren beiden Lagern – wir stürmen auf die schneebedeckten Dreitausender zu.

Harter Kampf

Zweiter Gang, weiter geht die wilde Fahrt, 25, 30, 35 km/h zeigt der kleine Tacho im Armaturenbrett. Na bitte, es klappt doch, zum Abendessen sind wir wieder daheim.

Nach gut 300 Metern stürzt die Drehzahl auf einmal ins Bodenlose, der Motor kämpft verzweifelt gegen die Schwerkraft. Sollten die gefürchteten zwölf  Prozent Steigung bereits hier unten beginnen? Es hilft nichts, ich muss mit dem langen Rührstock in den ersten Gang zurückschalten. Jetzt schon. Auweiah.

Gut, dann geht es eben etwas gemütlicher voran, Hauptsache, es geht überhaupt. Im ersten Gang klettern wir mit mittlerer Drehzahl und rund 20 Stundenkilometern weiter bergauf. Endlich verstehe ich die wahre Bedeutung des Begriffes, den man in den Zwanzigern für solche Reisen mit dem Automobil oder dem Motorrad prägte: Motorwandern.

Nach einer Weile naht die erste Kehre. Der Zeiger für die Wassertemperatur hat inzwischen die 90-Grad-Marke überschritten, im Anzeigeninstrument erscheint warnend ein roter Punkt. Jetzt schon, dabei haben wir noch mehr als 1300 Höhenmeter vor uns. Auweiah.

Erste Verschnaufpause

Nach der dritten Kehre steht links ein altes Gehöft mit einem Brunnen; vorsichtshalber halte ich an und sehe nach dem Wasser. Doch der Vorratsbehälter über dem Kühler ist noch voll, der Dixi fühlt sich wohl. Dennoch gönne ich dem kleinen Abenteurer eine kurze Verschnaufpause, wir haben es nicht eilig. Es ist beeindruckend still hier oben, so früh am Morgen ist kaum jemand unterwegs. Das lauteste Geräusch stammt von dem hölzernen Ablauf des Brunnens, das Brausen klingt wie ein Hornissenschwarm. Ich überlege, ob ich nicht das Reserverad abschrauben und hier für den Rückweg deponieren soll; dies würde dem Dixi den Aufstieg erleichtern.

Doch das wäre grob unsportlich. Ein Druck auf den Starterknopf auf dem Kardantunnel, der Vierzylinder springt freudig an, die nächsten Kehren warten. Langsam ändert sich die Landschaft, die Bäume bleiben zurück, schroffe Felsen treten hervor. Auf einmal flacht die Steigung ein wenig ab, begeistert legt der Dixi an Geschwindigkeit zu und verlangt nach der zweiten Gangstufe. Im Anzeigenfeld des Bandtachos erscheint die Zahl 40, wir fliegen nur so bergauf. Glück ist, wenn man am Großglockner in den zweiten Gang kommt. Dann nimmt die Steigung wieder zu, und der Geschwindigkeitsrausch ist vorbei.

Die Höhenluft kommt ins Spiel

Dafür bleibt die Temperatur stabil unterhalb der Kochgrenze. Mehrmals halte ich an und überprüfe den Kühlwas-serinhalt, doch es fehlt nichts. Links und rechts der Straße taucht jetzt der erste Schnee des vergangenen Winters auf.

Nach Überschreiten der 2000er-Höhenmarke begegnen wir einem Mountainbike-Fahrer, der gelassen den Gipfel ins Visier nimmt. Wir unterhalten uns eine Weile über das Leben, über das Universum und den ganzen Rest. Dann haben wir ihn endlich überholt.

Auf manchen Abschnitten kämpft der Dixi jetzt deutlich gegen die dünne Höhenluft, zieht aber tapfer voran. Vor einem besonders steilen Stück mahnt ein großes Schild, nun besser einen Gang herunterzuschalten. Sehr witzig. Zwei Kehren vor der Passhöhe läuft ein riesiger Reisebus auf uns auf und muss eine Weile hinterherkriechen. Ich fühle mich wie in einem Ruderboot vor einem Öltanker.

Ganz oben sind wir Helden

Endlich ist das 2428 Meter über dem Meeresspiegel gelegene Fuscher Törl erreicht, doch wir wollen den vollen Höhenrausch und biegen links ab zur Edelweißspitze: Sechs kopfsteingepflasterte Kehren winden sich hier zu einer Höhe von 2571 Metern auf, und an zwei Stellen mit über 20 Prozent Steigung geht dem Dixi beinahe die Puste aus.

Doch dann ist es vollbracht, erschöpft verfällt der kleine Gipfelstürmer neben ein paar Motorrädern in einen japsenden Leerlauf. Gemeinsam genießen wir den Rundumblick auf ein Volk von 37 Dreitausendern, von denen der 3798 Meter hohe Großglockner der König ist.

Vom Kühlwasser fehlt immer noch kein Tropfen, auch wenn es jetzt kurz vor dem Siedepunkt vernehmlich brodelt. Der fragile Vintage-Wagen ist hier oben der Held des Tages und sofort von einer Rotte Motorradfahrer umringt. Ein besonders kräftiger Schwarzkittel schaut ungläubig in den kleinen Maschinenraum auf den noch kleineren Seitenventiler darin und brummt: „Na, dös is scho krass.“


Runter gehts immer!

Den höchsten Punkt haben wir also erreicht, nun wollen wir auch den Rest der Hochalpenstraße bis zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe gegenüber vom Großglockner bewältigen. Auf dem Bergabstück von der Edelweißspitze probiere ich erstmals die vier Dosendeckelbremsen des 400 Kilogramm schweren Gefährts und lasse es fortan vorsichtiger angehen.

Dennoch lege ich auf einem beinahe ebenen Abschnitt für eine Weile die dritte und letzte Gangstufe ein. Ein kräftiger Fahrtwind zerrt an meiner Mütze, links und rechts ragen meterhohe Schneewände auf, der Dixi will sensibel auf Kurs gehalten werden. In der Stadt müssten wir jetzt bereits eine Radarfalle fürchten.


Experiment gelungen - Mensch und Maschine wohlauf

Noch einmal führt die Straße steil bergauf zum Hochtor auf 2503 Meter, der Landesgrenze zwischen Salzburg und Kärnten. Dann zeigt der nierenförmige Kühler des Dixi für etliche Kilometer bergab. Der Schnee verschwindet, die ers-ten Bäume tauchen auf. Links zweigt die Straße talwärts Richtung Heiligenblut ab, doch wir nehmen geradeaus Kurs auf den Großglockner.

Auf den letzten Metern zur 2369 Meter hohen Kaiser-Franz-Josefs-Höhe schnauft der Wagen noch einige Mal vernehmlich, dann sehen wir uns Österreichs höchstem Berg gegenüber. Stolz klebe ich dem Dixi eine Plakette der Großglockner-Hochalpenstraße auf die Windschutzscheibe.

Auch hier wird der Kleine von Besuchern umringt. Einer fragt: „Wie viele PS hat er denn – 50?“ „Nein, 15 – das reicht.“ Was zu beweisen war.

Text: Hans-Jörg Götzl
Fotos: Hardy Mutschler


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