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Mit dem BMW i8 in den Karpaten

Ab in die Walachei

BMW i8, Reise, Rumänien, Karpaten, Impression Foto: Uwe Fischer 30 Bilder

Auf der Suche nach spektakulären Passstraßen drängt sich Rumänien nicht gerade auf - sollte es aber. Ein BMW i8 weiß jetzt warum, denn er nahm die rund 100 Kilometer lange Transfagarasan unter die schmalen Räder.

16.12.2015 Jens Dralle Powered by

In die Walachei wird ja schnell jemand geografisch verortet, wenn er nur einen ausreichend ländlich gelegenen Wohnsitz nachweist. Uckermark, Oberpfalz, Schwäbische Alb? Zum Beispiel. Oder Mittelhessen. Dort allerdings, wo sich gerade die Carbontüren des BMW i8 schmetterlingsartig gen Himmel recken, dort liegt sie wirklich: Die Walachei. Die Große Walachei, um genau zu sein, denn eine Kleine Walachei existiert ebenfalls. Beide nehmen fast den kompletten Süden Rumäniens ein - wo unter anderem die Hauptstadt Bukarest liegt.

Damit wäre der Bildungsauftrag für heute erfüllt. Auf 2.034 Metern Höhe parkt der Hybridsportler nun dort, sorgt schneller für einen Menschenauflauf, als es der völlig entkleideten FC-Bayern-Stammelf auf der Münchener Maximilianstraße je gelänge. Die zahlreichen Kioskbesitzer verlieren schlagartig ihr Kerngeschäft aus den Augen, überlassen die geräucherten Würste, den kernigen Käse und süßen Honig sich selbst. Ein Maiskolben kullert vom Grill, getrocknete Schweinehaut - eine lokale Spezialität - schaukelt aufgehängt an den Bretterbuden im Wind. Natürlich bleibt die Frage nach der Leistung nicht aus, ja, 362 PS, das beeindruckt natürlich. Wie viele Zylinder? Nur drei? Poftim?!

Ach so, plus zwei Elektromotoren, stimmt. Das Rauschen des Blätterwaldes (na gut, wohl eher die sehr moderne Internet-Infrastruktur) trug die Geschichte dieses Hybridantriebs längst bis in die Walachei. Und eben jenem Hybridantrieb bereitet es überhaupt keine Probleme, den knapp 1,6 Tonnen schweren BMW i8 durch Rumänien zu scheuchen - wo BMW hauptsächlich schwarze X5 mit Dreiliter-Dieselmotor verkauft, zugleich die Wertschätzung der klassischen Stufenheck- Limousine über die letzten Jahrzehnte ebenso wenig nachließ wie die des Pferdefuhrwerks. Also überholen den BMW i8 auf dem Weg zu seinem hoch gelegenen Ziel einige Renault Fluence und Dacia Logan, ältere VW Passat und neuere Audi A4, weil ihre Fahrer das Tempolimit von 90 km/h auf Landstraßen im Vergleich zur früheren Ankunftszeit für nebensächlich erachten.

Der Bergkamm döst noch

Als von der Europastraße 68 die Staatsstraße 7c abzweigt, der BMW i8 ihr folgt, kehrt etwas Ruhe ein. Im 5,2 kWh großen Akku steckt noch ausreichend Energie, um den Synchron-Permanentmagnet-Elektromotor alleine arbeiten zu lassen. Natürlich ließe sich zusätzlich der gleichermaßen entschlossen und künstlich wummernde Dreizylinder anwerfen. Die Natur sendet jedoch gerade den 70 Kilometer langen und bis zu 2.353 Meter hohen Kamm des Fagaras-Gebirges live über die Panorama-Windschutzscheibe im BMW i8, und der wirkt so, als wolle er zu dieser Morgensonne-diesigen Zeit lieber noch ein bisschen dösen. Aber Rücksicht nehmen? Auf die Befindlichkeiten größerer Steinhaufen? Also bitte.

Schließlich liegt hier nicht irgendeine Straße vor der flachen Nase des i8, nein, die 7c erreichte unter dem Namen Transfagarasan durchaus Berühmtheit bei Autofahrern, die Kurven nicht als Attacke auf ihr Leben begreifen, sondern als die schönste Darreichungsform von Asphalt. Anders als die aus Österreich, der Schweiz und Norditalien bekannten Passstraßen schwingt sich die etwa 100 Kilometer lange - eine endgültige Entscheidung, wo die Transfagarasan beginnt und endet, steht noch aus - Nord-Süd-Verbindung in eher weiten Radien gen Höhepunkt, enge Spitzkehren zählen zu den Ausnahmen. Eine weitere Besonderheit: Der Straßenbelag, der in etwa so eben ausfällt wie die Südkarpaten selbst.

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Reportage Mit dem BMW i8 in den Karpaten
auto motor und sport 21/2015
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Wie bitte? Sagt da jemand wirklich: "Typisch Osteuropa"? Dann möge er oder sie doch mal Straßen ähnlicher Klassifizierung in Italien unter die Räder nehmen. Oder in der Uckermark, der Oberpfalz oder der Schwäbischen Alb. Die ersten Kurven versinken noch im Wald, der BMW i8 knipst seine LED-Scheinwerfer an, um die Radien erst sichtbar zu machen und dann neutral abzuarbeiten. Sein steifes Carbonchassis und die straffe Fahrwerksabstimmung reduzieren die Wank- und Rollbewegungen auf ein Minimum, die erlebte Querbeschleunigung frisst die morgendliche Dösigkeit des Fahrers.

Keine Zeit zum Untersteuern

Wegen der schwungvollen Straßenführung, die auf vergleichsweise vielen Längen- ihre Höhenmeter aufbaut, verliert sich der BMW i8 nicht in Untersteuern - jenes Heulsusen-Fahrverhalten, für das ihn andere Sportwagen schon mal auslachen. Den Widerspruch, ein Sportwagen zu sein, der nicht auf die Rennstrecke gehört, wie der Hersteller behauptet, löst die Transfagarasan geschickt für den BMW i8 auf. Und als sich ein paar Kilometer nach den noch geschlossenen Souvenir- und Futterbuden am Balea-Wasserfall die Bäume verkrümeln und sich das Hochtal in seiner ganze Weite öffnet, ist der Rhythmus aus Anbremsen, Einlenken und Herausbeschleunigen längst gefunden. Etwas pathetisch, zugegeben, singt David Bowie dazu von "Heroes", vielleicht auch deshalb, weil der Titel ein Stück weit zur Geschichte der Straße passt. Sie wurzelt in der jüngeren, wenig rühmlichen Vergangenheit des in den 60er-Jahren noch florierenden Landes. Damals waltete zwar schon der zweifelsfrei größenwahnsinnige Diktator Nicolae Ceausescu.

Das selbsternannte "Genie der Karpaten" (gerne auch "unser irdischer Gott", da zeigte er sich in der Titulierung durchaus flexibel) hatte ein etwas angespanntes Verhältnis zur Sowjetunion. Säbelrasseln gehörte damals zum Tagesgeschäft, also befahl Ceausescu 1970 sicherheitshalber den Bau einer Straße über das Fagaras-Gebirge, der vier Jahre dauern sollte. Offiziell kamen dabei 40 Bauarbeiter ums Leben, über 400 sollen es tatsächlich gewesen sein, da sich sowohl beim Bau des Tunnels am höchsten Punkt als auch des Vidraru- Staudamms schwere Unfälle ereigneten. Zu den vorgesehenen Truppenbewegungen kam es nicht mehr, dafür sehr wohl zu Touristenbewegungen in nicht allzu geringer Anzahl, so wie heute.

Einige, die das ganz große Abenteuer suchen, nutzen die Seilbahn vom Balea-Wasserfall zum Balea-Stausee, die großflächig mit Coca- Cola-Reklame tapeziert herauf- und herunterrattert - vermutlich die einzige Modernisierungsmaßnahme in den letzten Jahrzehnten. Auf der Straße bleibt die Langeweile allerdings fern und der BMW i8 in Schwung. Herb reicht er die teils stattlichen Verwerfungen weiter, die adaptiven Dämpfer arbeiten wirklich fleißig, schaffen erkennbaren Restkomfort. Gut, dass der ursprüngliche Plan, einen Nordschleifen-tauglichen Supersportler mitzunehmen, in Stuttgart blieb - dieser wäre unkontrolliert wie ein Flummi über den Belag gehüpft. Jetzt erhellen die LED im BMW i8 den oberen Tunnel, die Grenze zwischen den Landkreisen Sibiu im Norden und Arges im Süden. Dahinter brennt die Sonne mit so viel Lux, dass es die Fotografen zum Verzweifeln bringt.

Tick, Trick und Track

Die drei Esel, nennen wir sie Tick, Trick und Track, die unentschlossen zwischen pausierenden Autofahrern und zwei wild aufgebauten Marktständen hin- und hertraben, stört das nicht, weder das Licht noch die Menschen. Auf der Südseite bessert sich der Belag zwar nicht, dafür lassen auch die Dramatik des Gebirges und der rauschende Fluss des Asphalts nicht nach. Ihre Faszination siegt über die Versuchung, am Vidraru-Damm anzuhalten, stattdessen umzukehren und wieder auf 2.034 Meter hochzufahren, mit dem BMW i8 zu spielen, die Traktion des elektromotorgestützen Allradantriebs zu nutzen, ebenso die gekonnte Balance des Mittelmotor-Hybridkonzepts.

Irgendwann hilft das alles nichts gegen den Betrieb hier oben. Mehrere Herbergen, am See auf den Pass gelegen, bieten Übernachtungsmöglichkeiten, gekocht wird selbstverständlich ebenfalls. Polenta mit Käse und Sauerrahm, Fleisch, gebackene Forelle, Fleisch, wunderbare Desserts wie Papanasi (eine Art Windbeutel mit Beerenkompott und, nun, Sauerrahm) und Fleisch, dessen Bedeutung ähnlich geringer Schwankung unterlag wie die der Stufenheck-Limousinen und Pferdefuhrwerke. Davon arbeiten sich dann doch ein paar am Wegesrand vorwärts, allerdings erst unten am Fuß des Gebirges, auf dem Rückweg ins knapp 50 Kilometer entfernte Sibiu. Dort hält der BMW i8 auf dem kleinen Marktplatz, vom großen Marktplatz wummert belanglose Charts-Musik herüber – Proben für eine Großveranstaltung.

Den kleinen schmucken Platz säumen Bars und Restaurants, die in renovierten alten Gebäuden unterkamen und reichlich Tische und Stühle vor die Tür stellten. Dort sitzt ein überwiegend junges Publikum, Hermannstadt (der deutsche Name von Sibiu) ist Universitätsstadt. Wer hier mit dem Helikopter abgesetzt wird und erstmals die Augenbinde abnimmt, tippt zunächst auf eine Stadt in Italien oder Südfrankreich. Aber es ist ... nein, nicht die Walachei, diese endet auf der Passhöhe. Übrigens: In Rumänien lässt man sich nicht dazu herab, die Uckermark, die Oberpfalz oder die Schwäbische Alb als Synonym für einen abgelegenen Ort zu verwenden. Was dann? "Papura" - das Schilf, zu verstehen als Niemandsland.

Wo liegt die Transfagarasan?

Für einen Sonntagsausflug liegt die Walachei vielleicht doch etwas weit entfernt. Ein Reise dorthin lohnt sich auf jeden Fall, zur Not eben mit dem Flieger

Mit dem eigenen Auto führt die Reise nach Hermannstadt über Wien, Budapest, Szeged und Arad. Von Stuttgart beträgt die Entfernung etwa 1.450 Kilometer. Dabei gilt es zu beachten, dass Rumänien derzeit nur über eine sehr mäßige Autobahn- Infrastruktur verfügt. Das Fahren über die gut ausgebauten, aber eben nur zweispurigen Europastraßen kostet aufgrund des teils erheblichen Lkw-Verkehrs Zeit. Von Hermannstadt aus liegt das nördliche Ende der Transfagarasan noch 49 Kilometer entfernt. Keine Zeit? Dann geht's eben per Flug und Mietwagen auf die Passstraße. Der Sibiu International Airport wird von Stuttgart, München und Wien direkt angeflogen. Vor Ort betreiben alle bekannten Autovermieter Niederlassungen.

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