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Mit dem Ferrari 308 GTS nach Maranello

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Einmal im Jahr sollte ein Ferrari Heimaturlaub erhalten und sein Eigner eine Wallfahrt zu den Wurzeln seiner Leidenschaft unternehmen.

01.11.2001 Marcus Peters Powered by

Ein weltberühmtes Kaff

Maranello ist einzigartig. Oder gibt es etwa eine zweite italienische Stadt, die ausschließlich mit einer Industrieanlage Reiselust weckt?

Okay, die Fabrik trägt den klangvollen Namen Ferrari. Dennoch ist und bleibt Maranello ein Kaff. Hässliche Bauten der Keramikindustrie kesseln das Städtchen ein. Wer den Ortskern sucht, geht achtlos an ihm vorbei – und fahndet vergeblich weiter: nach historischer Altstadt, nach netten Geschäften, nach mediterranem Flair.

Immerhin harmoniert das Drumherum: Auch die Gegend zwischen Modena und Maranello entbehrt jeglicher Schönheit – deswegen muss man den beschwerlichen Weg über die Alpen nun wirklich nicht auf sich nehmen. Flacher und eintöniger ist nicht einmal Ostfriesland im Winter.

Apropos Wetter: In Bella Italia scheint immer die Sonne? Nicht in Maranello. Sie bleibt meist auf halbem Weg zwischen Atmosphäre und Erde im Dunst stecken. Sogar das kräftige Rosso Corsa weigert sich, an seiner Geburtsstätte zu leuchten. Und gegen das benebelnde Industrie-Bouquet der Po-Ebene setzt sich nicht einmal das duftende Leder des 328 GTS durch.


Pilgerfahrt mit 270 Pferdchen

Was seinen 270 Pferden ziemlich egal ist. Sie wiehern aufgeregt, ziehen ungestüm an der Antriebswelle. Von so einem Temperament kann ich im sauerstoffarmen deutschen Sommer nur träumen. Die heißblütigen Cavalli stehen in Italien einfach kräftiger im Futter: Sie müssen Heimatluft wittern.

Ja, ja, Sie reimen es sich richtig zusammen: Obwohl ich spotte, reise ich selbst nach Maranello. Was ich hier will? Eine Pilgerfahrt unternehmen. Schließlich ist Maranello das Lourdes des Ferrari-Fans, und dazu zähle ich mich nun mal.

Und das nicht erst seit Schumi. Nein, Magnums Fernseh-Fahrzeug ist schuld an meiner Rotsucht. Seit dreieinhalb Jahren muss ich wenigstens nicht mehr die ausgeleierten Videokassetten einlegen, um die zeitlose Eleganz eines 308 GTS zu genießen. Ich öffne das Garagentor, und er strahlt mich an. Dass es (letztendlich wegen der ausgereifteren Technik) ein 328 GTS ist, tut meiner Begeisterung keinen Abbruch.



Auf der Spur des Cavallino Rampante


Einmal im Jahr genehmige ich ihm Heimaturlaub und erneuere bei dieser Gelegenheit mein Treuegelübde (du sollst keine deutschen Sportwagen neben mir haben). Dieses Mal sorgt die neuzeitliche Erscheinung St. Michael dafür, dass mehr Heilsuchende denn je nach Maranello strömen – und auf der Suche nach Spuren ihres Heiligen voll Forscherdrang jeden Winkel des norditalienischen Wallfahrtsortes inspizieren. Zu diesem Zweck nehmen sie die Fährte des schwarzen Pferdchens auf gelbem Untergrund, dem Cavallino Rampante, auf.

Um öffentlich zugängliche Gebäude ohne dieses Wappen machen Fer-rari-Heraldiker einen weiten Bogen. Vis-à-vis der Ferrari-Werkseinfahrt prangt es groß und schwarz am Ristorante Il Cavallino. Hier speist, wer es sich leisten kann. Klar, Schumi war da, Enzo sowieso, und Montezemolo führt seine Ehrengäste hinein.

Aber unter uns: Viel häufiger zieht es unseren Michael ins etwas versteckt liegende Ristorante Montana, unweit der Teststrecke von Fiorano. In diesem Geheimtipp darf er gemeinsam mit Küchenchefin Rossella Paolucci den Kochlöffel schwingen. „Durchaus mit Erfolg“, wie Padrone Maurizio charmant lächelnd erklärt.

Auch Edelschrauber tragen Overalls

Doch Schumacher beim Kochen oder auch nur beim Essen zu treffen, ist so wahrscheinlich wie der berühmte Lotto-Sechser. Weniger Glück als vielmehr gutes Timing vorausgesetzt, trifft man allerdings seine Rennmechaniker oder -ingenieure. Sie erholen sich am Abend häufig im Montana von den Strapazen des Tages und sind leicht zu erkennen: am grauen Overall mit den Sponsoraufnähern eines Öl-Multis. Meist gut gelaunt, haben die Edelschrauber gegen einen Plausch mit weit gereisten Ferrari-Fans nichts einzuwenden.

Eine wahre Flut von Mechanikern ergießt sich jeden Mittag gegen ein Uhr durch das Werkstor auf die Via Abetone Inferiore. Der rotgraue Strom verteilt sich in die umliegenden Bars und natürlich in die Werkskantine. Il Cavallino lassen die Ferrari-Werker rechter Hand liegen – zu nobel und zu teuer.

Obwohl sie bereits von morgens bis abends für Ferrari leben, interessieren sich die Arbeiter sogar in der Mittagspause für das springende Pferd. Ein fliegender Händler hat die Ladefläche seines Kleinbusses zum Ladenlokal umfunktioniert und bietet vor der Kantine Variationen in Rot feil: Polo-Shirts, Baby-Strampler und Aufnäher – alle durch das Cavallino Rampante zu Preziosen geadelt.


Maranello lebt von Ferrari


Sämtliche Absurditäten, die cleve-res Merchandising hervorgebracht hat, lassen sich in den kleinen Läden in der Via Dino Ferrari, der Einflugschneise zum Museum Galleria Ferrari, bestaunen – und im Shopping Formula 1 neben dem Il Cavallino. Dort warten Corinna und Michael Schumacher als Barbie und Ken in einem F355 Spider darauf, durchs Kinderzimmer des Fan-Nachwuchses zu fahren.

Nichts für mich. Aber in Giorgio Giochis Spielzeugladen in der Via Claudia werde ich dann doch infantil und durchstöbere die Regale mit den Modellautos. Schade, einen 328 GTS gibt es nur in Gelb.

Also auf zu den großen Spielzeugen. Die stehen in der Galleria Ferrari – auf Hochglanz poliert und zum Greifen nah. Wo sonst lässt sich die Nase in die Ansaugtrichter eines Formel 1-Motors stecken, können Blicke bis in den Auspuffkrümmer kriechen? Für das Foto neben einem GTO Competizione darf sich die Hand sogar auf dem Kotflügel abstützen, das Personal sieht großzügig über eine Rüge hinweg. Allen voran Arturo Venturelli, 83-jährige Frohnatur am Eingang zur Galleria. Er reißt Späße wie Eintrittskarten und nimmt dem Museum seinen sakralen Charakter.


Ferrari-Fan im Gotteshaus

Natürlich verfügt Maranello auch jenseits von Ferrari über einen Ort der Huldigung. Die Stadtkirche steht unweit der größten Kreuzung im Zentrum. Und obwohl sie im Zustrom nicht ganz mit der Galleria konkurrieren kann, will sich Don Alberto Bernardoni über mangelndes Interesse an seiner Person nicht beklagen. Schließlich gingen die Geschichten von dem rennsportbegeisterten Pfarrer, der bei jedem Sieg der Roten die Glocken läutet, durch die Weltpresse.

Dass es sich hierbei um den verstorbenen Vorgänger Don Erio Belloi handelte, ist weniger bekannt. Sei’s drum. Maranellos jetziger Seelenhirte ist zwar kein Autonarr, weiß aber mit dem Ansturm auf sein Gotteshaus umzugehen. Und lässt sich gern auf eine Plauderei mit Ferrari-Fans ein – auf Italienisch, versteht sich.

Bis vor vier Jahren kümmerte sich Don Alberto noch um die Gläubigen in den Bergen hinter Maranello. Dort hatte er höchstens Kontakt mit den Roten, wenn ein Pilot auf der öffentlichen Ferrari-Teststrecke mit seiner Flunder um die Ecke bog.


Hier gehört er hin

Natürlich mag der Pfarrer seine neue Stelle in der Ebene. Aber oben war es wohl doch schöner: „Va bene, jetzt erfülle ich die heilige Pflicht eben hier unten.“ Meiner habe ich in Form der jährlichen Wallfahrt genüge getan und wende Maranello den vierfach berohrten Rücken des 328er zu.

Die Heimfahrt leite ich durch einen Schlenker ein und verlasse die Stadt in Richtung Riviera. Denn gepilgert bin ich nun wirklich genug, jetzt will ich endlich fahren, den Ferrari von der Leine lassen.

Vor mir liegt das genaue Gegenteil zur Po-Ebene: Sonne lacht in den geöffneten GTS. Sie wärmt mein Herz so wie der Asphalt meine Reifen auf Temperatur bringt. Und die verwinkelte Straße windet sich in suchtgefährdenden Spitzkehren Hügel auf, Hügel ab. Vergessen ist das bescheidene Wetter bei der Anreise, vergessen der Gestank der Industrieanlagen.

Ich nehme nur noch diese von Gott bevorteilte Landschaft um mich herum wahr, während ich der Abendsonne entgegenkurve. Und glückselig sage ich zum 328er: „Dein nächster Heimaturaub ist genehmigt.“

Text: Marcus Peters
Fotos: Hardy Mutschler



Reise-Tipps rund um Maranello

Anreise: Die schnellste Variante dürfte aus den meisten Ecken Deutschlands über den Brennner führen – allerdings auch die langweiligste. Wer mit seinem Klassiker anreist und etwas Zeit mitbringt, sollte in das Spitzkehren-Dorado der Pässe rund um Bozen abbiegen oder zumindest an den oberitalienischen Seen eine Cappuccino-Pause einlegen.

Hotels

Da Maranello touristisch unerschlossen ist, sind Empfehlungen dünn gesät: Mitten in der Stadt an der Piazza Libertá befindet sich das Mittelklassehotel Domus. Einfache und saubere Zimmer bietet die Albergo Manni in der Via Nationale. Etwas außerhalb, in der Nachbargemeinde Fiorano, wirbt das Businesshotel Executive damit, dass es auch Formel 1-Pilot Rubens Barichello beherbergt. Wer sein Haupt dagegen nobel betten möchte, muss nach Enzo Ferraris Heimatstadt Modena ausweichen und sich im Hotel Real Fini in der Via Emilia Est einquartieren.


Küche

Trotz des in der italienischen Küche unverzichtbaren Balsamico di Modena reist wohl kaum ein Urlauber aus kulinarischem Antrieb an den Herstellungsort des berühmten Essigs. Selbstverständlich wird aber auch hier die hohe italienische Küche zelebriert, etwa im Ristorante Fini an der Piazza San Francesco. Ebenfalls eher gehobene Küche und Preise bietet die Clinica Gastronomica Arnaldo im nahe gelegenen Rubiera. Hier speiste auch Enzo Ferrari. Das erwähnte Ristorante Montana in der Via XX Settembre ist in Maranello erste Wahl. Die Chefin kocht typisch italienisch, und ihr Mann nimmt faire Preise. Wer in den Hügeln Richtung Abetone unterwegs ist, findet links und rechts der Sträßchen einfache Landgasthöfe, die alle einen Besuch wert sind.

Galleria Ferrari

Das Ferrari-Museum in der Via Dino Ferrari liegt – vom Werkstor aus Richtung Fiorano fahrend – linker Hand.

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