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Mit dem Kadett Cabrio nach Rimini

Foto: 17 Bilder

Von einem Cabrio für 350 Euro und einer Reise, die an einem Porno-Automaten im sündigen Rimini ihren traurig-trashigen Höhepunkt erreichte.

14.01.2007 Sebastian Renz Powered by

Wir tanzen nur einen Sommer miteinander. Mehr als 9 1/2 Wochen mit heißen Tagen und kühlen, sternenklaren Nächten erwarten wir nicht von einander. Weil ich ein Cabrio vom Urlaubsgeld haben will, lasse ich mich auf den Sommerflirt mit dem Kadett ein, von dem man nicht sagen kann, er sei in Würde gealtert.

Undichtes Verdeck, abgeschrappter Innenraum, löchriger Auspuff, 235.000 Kilometer Laufleistung - ein Sommerauto im Herbst seines Lebens. Egal, der Motor läuft. Elfte Hand. Was soll’s. Vielleicht beschimpfen Mercedes- SLK-Jahreswagen-Käufer den Kadett als automobiles Oben-ohne-Flittchen. Aber wahrscheinlich wusste das Cabrio nur nicht immer, wann es Zeit war, zu gehen.

Mit Yolanda hat der Kadett die elfte Trennung in 16 Jahren hinter sich. Sie gibt ihn für 350 Euro frei. Für das Geld könnte ich auch ein Mercedes CLK Cabrio haben – aber nur ein verlängertes Wochenende zur Miete. Und wie zetert der Auto-Vermieter, wenn die Sitze feucht werden.

Nur bei starkem Regen klappe ich das Dach meines Cabrios zu. Dem Geruch im Auto nach zu urteilen, haben das meine Vorgänger auch so gehalten. Denn geschlossen ist der Kadett nur ein alter Opel – und kein sonderlich guter obendrein. Und was ist das für ein rebellisches Gefühl, ein Auto niemals abzuschließen.

In schwäbischen Kleinstädten bringt das Rentner am Supermarkt fast um den Verstand. Aber Mädchen sperren Flip- Flops, die sie nur einen Sommer tragen, im Freibad ja auch nicht im Schrank ein. Der Kadett lässt sich auch nicht klauen.

Er weiß, was sich gehört. Anfangs macht er ja noch ein paar Zicken. Die Reparaturen für zwei Jahre TÜV und AU kosten 400 Euro. Dann geht noch die Benzinpumpe kaputt. Kollege Lingner baut das 80-Euro-Ersatzteil vom Schrott fluchend ein.Danach traut sich das Cabrio nicht mehr zu bocken – vielleicht aus Angst vor Heinrich.

So schön die kühlen Sommernachtsausfahrten danach auch sind, mir ist nach mehr Sommer, Romanik und Glamour, als die Schwäbische Alb bieten kann.Was macht eigentlich Rimini?

R-I-M-I-N-I

Das klang in den fünfziger Jahren nach Ferne und Freiheit, nach Esgeschafft- haben und Zu-viert- -in-der-Isetta-über-den-Brenner. Wie es heute klingt? Keine Ahnung – lange nichts mehr von Rimini gehört. Vormittags geht es los.

Auf der holperigen Autobahn sichert der früher viel geschmähte Überrollbügel dem Kadett noch einen kleinen Rest von Verwindungssteifigkeit. Alle 200 Meter klappt der schwächliche Innenspiegel nach unten, die rechte Sonnenblende hält nurmehr silbernes Panzerband.

Aber tapfer schaukelt der Kadett mit seinen weich geschlagenen Stoßdämpfern südwärts. Das Lenkrad zittert, wenn ich stark bremse. Doch weil von den einstmals 75 Pferden unter der Kadett- Haube wohl 20 inzwischen an Altersschwäche gestorben sind, gibt es ohnenhin nicht viel zu bremsen. Ohne Drama rollt der Opel durch Österreich – vor der Europabrücke kriegt er einen Schluck vom guten Baumarkt-Öl und ein Pickerl. Später halte ich an der Autostrada für einen mürrisch zubereiteten Espresso.

Nach dem Stopp passt die Persenning übers Verdeck. Es hat sich durch die Schlaglöcher ein Stück weiter gesenkt. Das Cabrio fährt sich mit jedem Kilometer besser. In zähem Verkehr, mit lauem Wind um die Ohren, rolle ich nach Rimini, die Sonne im Rückspiegel.

Sie ist untergegangen, als ich durch Riminis Vororte fahre. Statt sprödem Charme finde ich nur spröde Fassaden. In Richtung Meer wird es langsam besser, aber auch heller und lauter. Ich habe mich in ein Hotel in der Viale Regina Elena eingemietet. Ein klotziges Haus, das am Meer und zwischen den beiden Posing- Straßen Riminis steht.

Die Nachtgestaltung der Jugend beschränkt sich bis in die Morgenstunden auf das Verheizen fossiler Brennstoffe. Ich reihe mich mit dem offenen Kadett in das mit Popwummernden Kleinwagen, kreischenden Motorrädern und hupenden Rollern besetzte Posing-Karussell ein. Es dreht sich durch die Viale Regina Elena bis zum Piazzale Toscanini, über die Gegengerade am Meer hoch an den Hafen. Durch ein paar Gässchen geht es zurück und an der Piazza Marvelli wieder in die Regina Elena.

Die Roller- und Motorradfahrer lenken mit dem Mut, aber ohne das Können eines Valentino Rossi. Es geht vorbei an grell ausgestrahlten Ramschläden, überteuerten Pizzerien, in denen man deutsche Würstel bestellen kann – und an einer Senioren-Disco, in der ältere Herren ihre Gattinen zu "Mambo No. 5" über die Tanzfläche schieben.

Ein riesiges, brüllendes Clubschiff

Rimini bei Nacht, das ist ein riesiges, brüllendes Clubschiff, das die Fahrwasser des guten Geschmacks weit hinter sich gelassen hat. Morgens um sieben schaffen die letzten Disco-Besucher ihre weiblichen Errungenschaften auf dem Sozia-Sitz nach Haus. Am Strand werden die ersten Sonnenschirme aufgespannt.

Kilometerweit nach Norden und Süden zieht sich eine Infrastruktur mit zur Sonne hin ausgerichteten Liegen, monströsen Plastik-Tieren und gepflasterten Wegen. Von Riminis Romantik-Ruf ist nicht viel geblieben. Der Leuchtturm und die enge Altstadt, durch die sich der Kadett knarzt, sind die einzigen Zeugen der früheren Zeit.

Ansonsten hat Rimini mit dem italienischen Dolce Vita so viel zu tun wie Disney- World Paris mit Frankreich. Selbst die schönsten italienischen Untugenden sind passé. Das Hotel trennt Müll, Strandliegen darf man nicht mit dem Handtuch reservieren, an Zebrastreifen wird für Fußgänger angehalten.

Nur wenn ein gelhaariger Carabiniere mit einem lässigen Wink Autofahrer an den Seitenstreifen befielt, kommt ein Hauch von Grandezza auf. Ansonsten beweisen Herren in Hard-Rock-Café-T-Shirts, dass nicht jeder Italiener den Stil eines Luca di Montezemolo hat und Damen, die ihre Mama-Miracoli-Figur in Stretch-Shorts zwängen, dass nicht jede Italienerin altert wie Sophia Loren. Morgens erscheint eine Gruppe Russen in Boxershorts zum Frühstück und beginnt den Tag mit Tintenfischwurst und billigem Rotwein.

Im Hintergrund dudelt eine gestöhnte Version von "Tränen lügen nicht". Riminis Trash gipfelt in einem Automaten mit Porno-DVDs. Ich wechsle bei einem Tankwart Geld, aber der Automat will es nicht gegen "Le dodici donne sporca" eintauschen.

Dann ein letzter, kaum wehmütiger Blick in den Parco Renzi – und ich fahre mit dem Kadett wieder auf die Autostrada. Das Cabrio spult die knapp 1000 Kilometer nach Hause problemlos ab. Ein paar Tage später ist der Sommer vorbei: Das Freibad macht zu, die Verkäufer im Supermarkt räumen die ersten Lebkuchen in die Regale und ich melde mein Cabrio ab.Wir trennen uns und bleiben Freunde. Dem Opel würde ich die Reise nach Rimini sofort wieder zumuten. Mir nicht.

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