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Mit der Piaggio Ape durch die Alpen

48 Kehren mit 10 PS

Ape, Impression, Alpen, Schweiz Foto: Hans-Dieter Seufert 26 Bilder

Was sich zäh anhört, ist die einfache Formel für volle Entschleunigung. Wir haben sie mit einer Ape ausprobiert – das Stilfser Joch hinauf.

25.12.2015 Dani Heyne

Der Reiz verteilt sich auf 48 Kehren. Enge Kurven, die sich wie eine riesige Schlange durch die Ortler-Alpen winden. Und damit die höchste Passstraße Italiens formen: den Passo dello Stelvio. Besser bekannt als Stilfser Joch. Wer die vielen Kurven angeht, tut es meist mit reichlich Power unter der Haube. Wir fragen: Ist es auch mit weniger PS ein Vergnügen? Auf zum Selbstversuch.

Kehre 46, zweiter Gang, Vollgas. Die Ortschaft Trafoi verschwindet gerade in den großen Außenspiegeln, da pendelt die rote Tachonadel schon überschwänglich um die Zehner- Markierung. Der Kolben hüpft kraftvoll, der Einzylinder quietscht vor Freude – nur der Fahrer des herannahenden Reisebusses rauft sich die Haare. Für ihn ist die schneeweiße Ape (von Cityroller GmbH, Stuttgart) an diesem Pass ein gemeiner, fahrender Bremshügel. Für uns dagegen die beste Art, im sonnigen Herbst durch die Berge zu wandern. Bei geöffneten Fenstern frische Luft und das Alpenpanorama aufzusaugen. Kurz: endlich mal wieder anständig zu entschleunigen.

Piaggio Ape: an guten Tagen ganze 10 PS

Dass es der Ape an diesem Morgen besonders gut geht, dafür muss man sie nicht lange kennen. Fröhlich schnatternd rollt sie in eine kleine Parkbucht und wartet, dass sich der orangefarbene Bus vorbeiquält. Dann schiebt sie sich sanft zurück auf die Fahrspur und weiter nach oben. Ihr 218 Kubikzentimeter starker Zweitakter hängt frei zugänglich im Schatten der kleinen Ladefläche und bedient die Hinterräder mit rund 10 PS. Dabei nährt er sich wie reife Jaguar aus zwei Tanks – in dem einen Superbenzin, im anderen helles Zweitaktöl. Den Cocktail gegen Kolbenklemmer mischt sich der handtaschengroße Motor selbst.

Noch vor Kehre 44 erkennen wir zwei weitere Naturgesetze des Ape-Universums: Wer sich für dieses kleine Gefährt entscheidet, hat die Worte Termindruck und Hektik endgültig abgeschafft. Und: Er dreht den zweiten Gang bis zum bitteren Ende aus, sonst geht der Sprung in den langen dritten brutal in die Hose.

Kurz nach Kehre 41 hat der Motor endlich genug Kraft beisammen, um die Fuhre in jenem dritten Gang zu beschleunigen. Mit Tempo 20 rasen wir der nächsten Kehre entgegen, die sich freundlicherweise als kleine Steilkurve entpuppt und – weit außen angefahren – Schwung für die nächste Gerade liefert. Da diese länger ausfällt, sinnieren wir bei flotten 30 km/h über die Bauart der Ape: Vielleicht haben ihre italienischen Eltern mit Nachnamen Piaggio bewusst auf das vierte Rad verzichtet, um die Grauzone zwischen Motorrad und Auto zu füllen. Und damit all jenen eine Insel zu bieten, die das Einfache mögen. Ein Eiland, auf dem Perfektion keine Rolle spielt, Luxus keine Währung und das Wort "Premium" unbekannt ist.

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Impression Mit der Ape durch die Alpen
auto motor und sport 22/2015
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1947 – das Jahr der Biene

Für alle, die es noch nicht wussten: die Ur-Ape kam ein Jahr nach der ersten Vespa zur Welt. 1947 war das, in Italien. "Ape" bedeutet übersetzt "Biene" – und damit ist nicht die Königin gemeint, sondern das fleißige Arbeitstier. So trug die erste Ape eine breite Hinterachse mit zwei Rädern und eine praktische Ladefläche darüber. Allerdings hielt der Fahrer damals noch einen Lenker in der Hand und saß auf einem klassischen Sattel im Freien, der Motor dengelte direkt darunter. Mitte der 50er gab's die ersten Kabinen, Ende der 50er passende Türen dazu. Über die Jahre wuchs die Ape sanft heran, aber nie über sich hinaus.

Auch nicht in Kehre 30 am Stilfser Joch. Die zunehmende Steigung der Straße verlangt nach dem zweiten Gang, was das Getriebe spürbar wütend macht. Nur widerwillig nimmt es unseren Schaltvorschlag an, den wir am schwarzen Hebel übermitteln. Kaum dicker als ein Zahnstocher, überträgt er erstaunlich viel Kraft, ohne sich zu verbiegen. Das trifft auch auf die drei schwarzen Pedale der Ape zu, die sich sehr zu mögen scheinen. Anders lässt sich ihre Nähe nicht erklären. Die Sitzbank ist mehr ein Sitzkissen, das in die Rubrik "Hart, aber fair" fällt.

Die restliche Ausstattung ist schnell aufgezählt: Da wären ein winziger Ascher unter den sechs knopfgroßen Info- und Warnleuchten in der Mitte des Cockpits, der analoge Rundtacho, die Panorama-Frontscheibe, der lümmelnde Scheibenwischer und die zwei Rollgurte. Die Seitenfenster brauchen keine Kurbeln, sie rutschen auf einer Schiene auf und ab. Ob man sein Smartphone koppeln kann? Natürlich! Das Ladekabel am Zigarettenanzünder ...

Passo del Stelvio einst mit Winterdach

Das kleine Lenkrad liegt super in der Hand und dreht sich leicht und präzise zum Scheitelpunkt von Kehre Numero 25. Die Zipfel der letzten Bäume sind passiert, von nun an wärmt die Sonne jeden Zentimeter des dünnen Blechkleides. Hier und da türmt sich vor den aufgesetzten Scheinwerfern etwas Schnee – die Winterpause ist zum Greifen nah. Für den Pass und sein Skigebiet bedeutet das vor allem viel Ruhe. Denn im Vergleich zu den meisten Bergen mit Straßen drauf wird dieser hier im Winter nicht mit schwerem Gerät bearbeitet. Weder auf den Straßen noch auf den Pisten. Wenn die Natur bestimmt, dass Pause ist, dann ist Pause. Basta.

Bis 1848 war das noch anders. Da trug der Pass im oberen Teil aufwendige Holzdächer, damit er auch in den kalten Jahreszeiten genutzt werden kann. Gebaut wurde die Straße übrigens 1820 in nur fünf Jahren von rund 2.000 Arbeitern. Von alldem ahnt die Ape nichts. Kehre für Kehre wandert sie den Pass hinauf. Mal im dritten, oft jedoch nur im zweiten Gang. Mehr als 35 km/h werden es bergauf nicht. Egal. Die unglaubliche Aussicht entschädigt.

Verschnaufpausen legt sie nur ein, wenn die Autoschlange in den Seitenspiegeln gefährlich lang wird. Dann irgendwann geht's schwungvoll in die letzte Kehre, drei Radfahrer kassieren, und schwupps, schon rollt sie über den höchsten Punkt des Stilfser Jochs. Als wäre es nichts. Oben staunen nicht nur die Motorradfahrer, sondern auch ein freundlicher Herr im offenen Ferrari.

Vermutlich fragt er sich, warum er beim Erklimmen des Passes nicht ganz so herzlich gelacht hat wie wir. Und holt sich gerade noch mal den Eintrittspreis für seinen Flitzer vor Augen. Die Ape kostet keine 5.000 Euro – und liefert dafür nicht nur hier in den Alpen maximale Entschleunigung. Das muss man sich freilich leisten wollen. Bereichernd ist ihre Art auf alle Fälle; sie beweist, wie wenig es braucht, um hoch hinauszukommen. Und: wie luxuriös moderne Autos doch sind.

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