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Mit Least und Tücke

Betrug beim Autoleasing

Foto: ams

Schiebereien, Tarnfirmen, faule Verträge: Kriminelle Banden betrügen beim Autoleasing, der Schaden für die Hersteller ist gewaltig. Ein Autoverkäufer, der dabei mitmischte, packt aus.

14.07.2006

Jung, engagiert, hungrig nach beruflichem Erfolg. Ein bisschen Ruhrpottcharme, jovial. Genau die richtige Mixtur für eine Karriere in der Autobranche. So trat Felix B. (alle Namen geändert) 2001 seinen Job bei einem BMW-Händler im Ruhrgebiet an. Alteingesessener Betrieb, alteingesessenes Personal. Der Neuling rechnete sich einen schnellen Aufstieg aus. Die Sache lief, rasch habe er sich ein „Superstanding“ erarbeitet, sagt der heute 34-Jährige.

Dann kam der 11. November. An diesem Tag war den BMW-Händlern der neue Siebener in Hannover vorgestellt worden. Ungeachtet der damals schon kontroversen Debatten um Optik und die Funktionalität des i-Drive habe sein Chef, der Autohausbetreiber, beim gemütlichen Teil der Präsentation „mindestens drei“ der Luxuslimousinen nachgeordert, in bester Händlerausstattung, versteht sich. Der Schuss ging "komplett nach hinten los“, erinnert sich B. Neun Nobelkarossen standen auf dem Hof, und obwohl der solide Mittelständler (über 1.000 Neuwagen und Gebrauchte pro Jahr) immer eine gute Adresse für den Absatz großer Autos mit dem weiß-blauen Propeller gewesen sei, ging bis April überhaupt nichts.

Ein dickes Problem für den Händler und seinen Starverkäufer

Die Margen waren damals schon schmal bei BMW gemessen an der Erfolgsgeschichte des Konzerns, und da können Siebener im Wert von einer Million Euro auf dem Hof zum existenziellen Problem werden. Ausgangspunkt einer Geschichte, die ganz tief in den Sumpf dubioser Leasinggeschäfte mit Betrug, Autoschiebereien und Scheinfirmen führt und bei der alleine im Fall des Ruhrpott-BMW-Händlers in über 260 Fällen ermittelt wird.

Es begann mit einem Anruf. Am Hörer war Michael S., und er war für den in Nöten steckenden BMW-Verkäufer wie ein goldener Ritter. Michael S. stellte sich als Unternehmensberater vor, der im Auftrag solventer Kunden Limousinen für die standesgemäße Beförderung beschaffen sollte. "Wir hatten alles auf dem Hof, es war perfekt, es war die Rettung. Hätte der Kunde gesagt, ich solle ihm den Wagen nach Hause schieben, ich hätte es getan.“

Inzwischen war nicht nur beim Händler im Ruhrgebiet die Nervosität um die Absatzschwäche des Luxusmodells gestiegen, sondern auch bei BMW selbst. Die Bonitätsprüfung, beteuert Felix B., hätte damals höchstens Alibifunktion erfüllt. Gerade beim Siebener, dessen Absatz angeschoben werden musste: „Maximal zehn Minuten nachdem ich die Bonitätsabfrage abgeschickt hatte, war die Freigabe da.“ Negative Auskünfte gab es nie. Ein Umstand, den auch die Rechtsanwältin Ina Klimpke kritisch sieht. Die Laxheit, mit der BMW Bonitätsabfragen behandelte, habe den kriminellen Machenschaften, in die sich ihr Mandant in der Folge verstrickte, zumindest gefördert. Von der Bank selbst gibt es mit Verweis auf ein laufendes Verfahren dazu keine Stellungnahme.

Die Geschäfte mit dem Unternehmensberater Michael S. kamen ins Laufen. Und natürlich wollte S. für seine Vermittlertätigkeit Geld sehen. Der Ablauf war erstaunlich simpel: Bei der BMW-Bank wurde ein Bruttopreis von 100.000 Euro für das Geschäft angegeben, dem Leasingnehmer ein Rabatt von beispielsweise zehn Prozent durch das Autohaus eingeräumt. Zehn Prozent oder 10.000 Euro, die eigentlich der Bank als finanzierendem Institut zugestanden hätten. Das passierte aber nicht. Stattdessen überwies die Bank an das Autohaus 100.000 Euro, die 10.000 Euro wanderten bar in die Tasche des Vermittlers.

Ein Fall, der in der Branche wohl so etwas wie ein Kavaliersdelikt darstellt. Er jedenfalls, sagt der eloquente Verkäufer, kenne nicht viele, die auf derartige Praktiken verzichteten. Warum auch? Schließlich profitieren fast alle: Der Autohausbetreiber bekommt über den Vermittler Autos vom Hof, der Hersteller hat gute Absatzzahlen, für den Verkäufer selbst ist der Deal ein schneller Euro.

Felix B. rechnet vor: „Für ein Geschäft dieser Preisklasse gab’s vom Autohaus 800 bis 1.000 Euro Prämie, von der Bank noch mal 600 bis 700 Euro. Drei, vier so Geschäfte, und man konnte eigentlich den Rest des Monats zu Hause bleiben.“ Freilich sind die kleinen Gaunereien nur Vorspiel zum eigentlichen kriminellen Akt. Der wurde nach drei oder vier Monaten, spätestens sechs Monate nach Abschluss des Leasinggeschäftes mit dem dubiosen Vermittler offenbar. Die Firmen meldeten Insolvenz an, der Hersteller schaute in die Röhre. Bis die Autorückholer bei den säumigen Zahlern vorstellig wurden, waren die Fahrzeuge weg. Verschoben zumeist Richtung Osten.

Felix B. will im Nachhinein erfahren haben, dass in betrügerischer Absicht geleaste neue Siebener für 30.000 bis 35.000 Euro postwendend nach Russland verscherbelt worden waren. Das waren die ersten Fälle, in die der 34-Jährige verstrickt war. Zunächst aus Zufall und unter dem Druck, teure Autos vom Hof bekommen zu müssen. "Natürlich“ habe er nach der ersten Häufung von Insolvenzfällen ahnen können, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Aber davon wollte er nichts wissen. Verkaufserfolge mussten her in dürren Absatzzeiten. Auch dass er 2002 erstmals von der Polizei als Zeuge vernommen wurde, schreckte ihn nicht.

"Es ging alles so leicht.“

Zudem seien von seinem Arbeitgeber keine kritischen Fragen gekommen, dafür aber ausdrückliche Ermunterungen, die Geschäfte weiter laufen zu lassen. Es lief weiter. Mit verfeinerten Betrugsmethoden und inzwischen einer Handvoll Vermittlern. Das Prozedere nun: Wieder wurden Scheinfirmen als Leasingnehmer vorgeschoben, wieder wurden die Raten ein paar Monate pünktlich beglichen. Dann wieder Insolvenz.

Nur: Die geleasten Fahrzeuge waren jetzt noch da. Nun gibt es bei BMW die Regelung, dass das Autohaus bei geplatzten Leasinggeschäften die Fahrzeuge zurücknehmen muss. Gedacht ist das eigentlich dazu, dass sich die Autohäuser ihre Leasingkundschaft genau anschauen. Um den Händlern aber nicht zu schulternde Lasten aufzubürden, liegt der Rücknahmepreis erheblich unter dem tatsächlichen Fahrzeugwert. Im betroffenen Autohaus hat man diesen Umstand offenbar kreativ ins Geschäftsmodell eingebaut.

Felix B. nennt ein Beispiel: So wurde ein Siebener im Wert von 90.000 Euro an eine Scheinfirma verleast. Nach sechs Monaten platzte der Deal, das Fahrzeug wurde im Auftrag der BMW-Bank geschätzt und musste, so die Aussage von B., für 32.000 Euro zurückgenommen werden. Für das Autohaus wurde jetzt aus dem Trauerfall eines geplatzten Leasinggeschäftes eine Feierstunde: Das Auto wurde frisch herausputzt und für 72.000 Euro ganz reell an einen Privatkunden verkauft. Weniger spektakulär, dabei aber durchaus lukrativ war ein drittes Modell zur Absatzbeschleunigung: die Sache mit den Automietfirmen.

Üblicherweise kommen kleine Autovermieter nur an Luxusautos heran, wenn sie für mindestens 20 Prozent der Kaufsumme bürgen. So auch bei BMW. Dazu, sagt B., seien aber die wenigsten Kleinen der Branche in der Lage. Also wurden über Vermittler für Scheinfirmen wieder Autos geleast, die dann direkt an die Autovermieter gingen und damit in Hände gelangten, in die sie nicht gelangen sollten. Die Leasingraten wurden in der Regel pünktlich bedient.

Ende 2003 war es soweit. Für seine Erfolge als Siebener- Verkäufer bekam er eine Moskau-Reise von BMW geschenkt: "Dort hätte ich wohl einige von meinen Autos wieder gefunden“, witzelt er heute. Damals war ihm schon nicht mehr zum Spaßen zu Mute. Die betrogene BMW-Bank ging mit aller Härte gegen die Betrügereien vor, die Ermittlungen kamen ins Rollen und B. ins Visier der Ermittler. Inzwischen füllt das Verfahren Bände, ermittelt wird alleine im Fall des Händlers aus dem Ruhrgebiet in über 260 Fällen, festgestellt in den Jahren 2001 bis Mitte 2005.

Direkt angekreidet werden B. rund 60 Fälle, der Schaden nur aus diesen: mindestens drei Millionen Euro. Und das BMW-Haus ist kein Einzelfall. Inzwischen wurde der Kreis der Ermittlungen auf etwa 49 Personen ausgedehnt, bestätigt die ermittelnde Staatsanwaltschaft in Bochum.

Hauptvorwürfe: gewerbsmäßiger Betrug und bandenmäßige Hehlerei. Ermittlungen laufen dabei auch gegen Rechtsanwälte und Notare, unter deren Mitwirken Briefkastenfirmen eingerichtet worden sein sollen, über die dann wiederum die faulen Leasinggeschäfte abgewickelt wurden. Davon, dass es sich im Fall des Felix B. um ein BMW-Problem handelt, gehen die Ermittler längst nicht mehr aus: "Da sind bundesweit operierende Banden bei allen Automarken am Werk.“ Und Felix B. war ihr williger Helfer.

Vielleicht war es auch die Normalität der betrügerischen Geschäftspraxis, die seinen Blick auf die kriminelle Realität immer stärker verschwimmen ließ. Auf was er sich da eingelassen hat und wie bitter die Konsequenzen werden können, wurde ihm in aller Brutalität klar, als er unter dem Vorwurf, Kopf einer Hehlerbande zu sein, im Dezember 2005 in das Untersuchungsgefängnis Essen eingeliefert wird.

Panik befällt ihn, er wird Zeuge eines Selbstmordversuches und weiß: "Wenn du hier nicht rauskommst, gehst du vor die Hunde.“ Er beschließt auszupacken, mit allen Konsequenzen. Weil er hofft, dadurch die Richter milder zu stimmen, und weil er hofft, jenen Kollegen die Augen zu öffnen, die Methoden wie die seinen für lässliche Sünden kreativer Verkaufsförderung halten.

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