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Montezemolo

"Wir sind keine Marionetten der Banken"

Foto: wilhelm

Luca Cordero di Montezemolo, Präsident der Ferrari-Maserati-Gruppe, über die Zukunft von Ferrari, Maserati und der Formel 1 und sein Interesse an Alfa Romeo.

03.12.2003

Sind Sie mit den Verkaufszahlen von Maserati zufrieden?

Montezemolo: Ja und nein. Obwohl das entsprechende Segment geschrumpft ist, haben wir mit dem Maserati-Coupé Marktanteile gewonnen. Das Spyder-Segment ist momentan sogar um 47 Prozent eingebrochen. Und die wirtschaftliche Flaute in unseren beiden Hauptabsatzmärkten für Maserati - die Vereinigten Staaten und Deutschland nehmen über 50 Prozent der Produktion ab - macht uns natürlich zu schaffen.

Wann wird Maserati das Produktionsziel von 10.000 Autos pro Jahr erreichen?

Montezemolo: Ursprünglich war das für 2006 vorgesehen. Unter den jetzigen Umständen ist aber 2007 realistischer. Wir sind ja nicht nur von der Absatzkrise in den USA und Deutschland betroffen, sondern auch vom schwachen Kurs des Dollars gegenüber dem Euro. In der Formel 1 sind ja alle Sponsorverträge generell in Dollar abgeschlossen, und die Anteile aus Bernie Ecclestones Formel 1-Vermarktung werden ebenfalls in Dollar ausbezahlt. Gut 35 bis 40 Prozent unseres Umsatzes wird in Dollar gemacht, und wir decken 70 Prozent des Formel 1-Budgets mit Sponsorgeldern in Dollar ab.

Wie viele Autos wird Ferrari in diesem Jahr produzieren?

Montezemolo: Zirka 4.250 bis 4.300 Einheiten, Maserati wird Ende 2003 auf rund 3.000 Stück kommen.

Welche Absatzziele sind für das Jahr 2004 geplant?

Montezemolo: Bei Ferrari werden wir diese Stückzahl weiter halten. Bei Maserati wollen wir weltweit zusätzlich 2.000 Stück von der neuen Luxus-Limousine Quattroporte verkaufen, die im Januar vorgestellt wird. Dazu wollen wir die Stückzahlen von Coupé und Spyder halten, also haben wir insgesamt rund 5.000 Maserati im Visier.

Ist das Geschäft mit Sportwagen in diesen wirtschaftlich schweren Zeiten immer noch lukrativ?

Montezemolo: Ja, absolut. Wobei sich Maserati immer noch in der Einführungsphase befindet. Im Jahr 1998 war die Maserati-Fabrik für einige Monate komplett geschlossen, weil wir den Neuanfang praktisch auf der leeren Wiese begonnen haben.

Wie soll die geplante Zusammenarbeit zwischen Audi und Maserati denn konkret ablaufen?

Montezemolo: Ich glaube prinzipiell, dass den so genannten komplementären, also einander ergänzenden Aktivitäten die Zukunft gehört. Die Diskussionen über eine Zusammenarbeit haben genau vor einem Jahr mit Herrn Pischetsrieder begonnen. Die Quattroporte-Plattform ist sehr innovativ bei der Achslastverteilung mit Front-Mittelmotorauslegung und als Komponenten-Chassis - das ist auch für den Volkswagen-Konzern interessant. Andererseits gibt es bei Audi genug, was wir bei Maserati gut gebrauchen können: Allrad-Antrieb und Elektronik-Komponenten zum Beispiel. Außerdem wollen wir die Möglichkeit schaffen, dass Audi-Händler auch Maserati verkaufen können und umgekehrt, und zwar theoretisch weltweit. Außerdem könnte Maserati auch Kunde bei den Finanzdienstleistungen von VW werden. Wir sind als kleiner Hersteller in insgesamt 44 Märkten aktiv, das sind 93 Prozent des weltweiten Automobilmarktes.

Wird ein neues Maserati-Crossover-Modell auf Basis der Studie Kubang, also mit Audi-Komponenten, in Serie gehen?

Montezemolo: Zu 99 Prozent werden wir ihn nicht bauen. Die Audi-Komponenten sind ja nicht an eine bestimmte Plattform gebunden, den Allrad-Antrieb könnten wir überall einsetzen.

Diskutieren Sie mit Audi auch über Diesel-Triebwerke?

Montezemolo: Ja. Aber es gibt noch andere Gebiete für eine Zusammenarbeit, zum Beispiel unser Know-how in der Kleinserien-Produktion, das für VW durch Bentley, Lamborghini und Bugatti immer wichtiger wird.

Es hält sich ja auch das hartnäckige Gerücht, dass VW großes Interesse an der Marke Alfa Romeo hat, die genauso zu Fiat gehört wie Ferrari und Maserati.

Montezemolo: Das müssen Sie zuerst Herrn Pischetsrieder und Fiat fragen. Aber ich selbst bin auch sehr an Alfa Romeo interessiert, also gäbe es einen harten Kampf. Es würde mit Ferrari, Maserati und Alfa Romeo eine einzigartige Gruppe entstehen, die Fiat sehr nützlich sein könnte.

Wie schätzen Sie als ein Aufsichtsrat von Fiat deren Situation ein?

Montezemolo: Ich bin sehr zuversichtlich. Fiat Auto hat die Talsohle durchschritten, alle dort sind wieder in einer besseren psychologischen Verfassung, und auch die Produkte werden wieder besser. Der Fiat Panda hat im Markt gut eingeschlagen und bekommt international gute Noten. Fiat war bisher ausschließlich auf eine Sicht- und Denkweise reduziert, nämlich die der Turiner. Jetzt ist der neue Chef Herbert Demel ein Österreicher - was für eine Revolution. Und der Beweis für eine andere Zukunftsplanung. Bei Ferrari und Maserati haben Sie die Qualität der Produkte deutlich verbessert.

Wie steht es mit der Qualität der Fiat-Produkte?

Montezemolo: Ich bin nie endgültig zufrieden. Es ist der Anfang vom Ende, wenn man sich bei der Qualität auf Kompromisse einlässt. In der Formel 1 kann ich aber nur zufrieden sein: Michael hat in diesem Jahr keinen einzigen mechanischen Defekt in Rennen gehabt. Auch Fiat ist in der Qualität besser geworden.

Bekommen Ferrari und Maserati in irgendeiner Form Geld von Fiat?

Montezemolo: Nein.

Im Dezember wollen Hersteller und Banken über die Zukunft der Formel 1 weiterverhandeln.

Montezemolo: Wir wollen bis Ende des Jahres eine Lösung mit den Banken finden. Den Banken gehören momentan 75, dem Bernie-Ecclestone-Trust 25 Prozent an der SLEC, die die Vermarktungs- und TV-Rechte kontrolliert. In keiner anderen großen Sportart werden die Akteure mit so geringen prozentualen Anteilen abgespeist wie in der Formel 1. Die Teams bekommen von den gesamten Einnahmen lediglich 47 Prozent der TV-Rechte. Die Einnahmen aus Eintrittskarten und Bandenwerbung gehen gänzlich in andere Taschen. Dieser Vertrag läuft erst Ende 2007 aus.

Welche Meinung vertritt Ferrari?

Montezemolo: Nach Ende des Vertrages besitzen die Banken eine Menge Anteile von nichts. Ohne Hersteller, ohne Teams, ohne die Spieler. Also geht dann nichts. Wenn wir bis Ende des Jahres keine einvernehmliche Lösung finden, wird sich Ferrari 2006, 2007 die Freiheit einer eigenen Entscheidung nehmen. Dann tragen die Banken ein sehr großes Risiko, denn die Hersteller können ohne sie eigene Renn-Aktivitäten planen – außer, die Banken gestehen uns 80 Prozent aller Einnahmen zu. War ich deutlich genug?

Ist denn klar, ob die Banken ihre Anteile behalten oder verkaufen?

Montezemolo: Das weiß ich auch nicht, weil man immer etwas anderes hört. Die Ferrari-Position ist aber eindeutig: Wir wollen in Zukunft Anteile selbst besitzen. Ich möchte wissen, wie sich die Formel 1 wirtschaftlich entwickelt, und dazu brauche ich Sitz und Stimme in jeder zukünftigen Lösung.

Sie wollen also nicht nur mehr Geld?

Montezemolo: Der Kuchen ist auf alle Fälle zu klein. Fußball-Mannschaften zum Beispiel decken 70 Prozent ihres Budgets aus den TV-Einnahmen. Unser Formel 1-Budget wird zu 75 Prozent von Sponsor-Einkünften gedeckt, dazu kommen noch zehn Prozent von den TV-Rechten. Den Rest schießen wir zu, nämlich den Gewinn aus dem Verkauf unserer Straßensportwagen und dem Merchandising. Wir können keine Marionette in den Händen von Banken bleiben. Banken haben keine Fähigkeit, eine Sportart zu führen. Ich möchte mein Schicksal aber selber bestimmen.

Aber die Rennstrecken-Besitzer verdienen an Formel 1-Grand Prix inzwischen so gut wie nichts mehr.

Montezemolo: Das ist genau der Punkt. Ferrari kann nicht akzeptieren, dass ein Formel 1-Wochenende für Zuschauer teurer kommt als eine Woche Urlaub in der Karibik. Deswegen würde ich in einer neuen Organisation niemals zustimmen, wenn die Preisschraube weiter angezogen wird.

Welches Spiel spielt dann Bernie Ecclestone, wenn er die Preise jedes Jahr um zehn Prozent erhöht?

Montezemolo: Bernie Ecclestone hat unheimlich viel für die Formel 1 bewegt. Aber in den letzten Jahren hat er den Bogen überspannt. Deswegen müssen die Teams die Möglichkeit bekommen mitzubestimmen. Wir müssen schließlich nicht bis ans Ende aller Tage diese Formel 1 mitmachen.

Was passiert mit Ferrari in der Formel 1, wenn Michael Schumacher irgendwann zurücktritt?

Montezemolo: Wir haben momentan das beste Team, den besten Rennwagen und den besten Fahrer. Schumacher wird irgendwann aufhören und Ferrari wird weitermachen, wie nach Fangio, nach Lauda, nach Prost - das ist unser Leben.


Zur Person

Luca Cordero di Montezemolo, 56, gilt als der bestbezahlte Manager Italiens und als Mann mit vielen Talenten. Abgesehen von seinen Tätigkeiten im Fiat-Konzern organisierte er die Fußball-WM 1990 in Italien. Montezemolo führte als Präsident Ferrari zu neuer Blüte. Seit 1997 ist er Präsident der Ferrari-Maserati-Gruppe und seit Beginn 2003 Aufsichtsrat bei Fiat.

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