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Mosley

Stabilitätspakt bis Herbst

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Der Sex-Skandal um FIA-Präsident Max Mosley ließ den Engländer in der Versenkung verschwinden. Im Interview mit sportauto-online.de bezieht der ranghöchste Automobilfunktionär der Welt erstmals Stellung zu den Ereignissen der vergangenen vier Monate und zur Formel 1 der Zukunft..

30.07.2008 Michael Schmidt Powered by

Wie wichtig war es Ihnen, dass Sie die Klage gegen "News of the World" gewonnen haben?
Mosley: Wichtig war die Wiederwahl vor der FIA-Generalversammlung. Die Klage gegen die Zeitschrift hat gezeigt, dass an den Nazi-Vorwürfen absolut nichts dran war. Es war ein absurder Vorwurf, der jetzt endgültig vom Tisch ist.

Bleibt nicht dennoch ein Schatten über Ihrer Person hängen?
Mosley: Ich wüsste nicht warum. Was passiert ist, das ist mein Privatleben. Wir leben im 21. Jahrhundert. Da sollten erwachsene Menschen mit so etwas umgehen können. Was glauben Sie, was dabei herauskommen würde, wenn man das Privatleben aller Leute aus dem Formel 1-Zirkus an die Öffentlichkeit bringen würde? Da gäbe es vermutlich noch ganz andere Fälle.

Bei vielen Grand Prix waren Sie persona non grata. Das kann eigentlich kein Zustand für die Zukunft sein.
Mosley: Da wurde doch übertrieben. Dass ich kurz nach der Veröffentlichung der Geschichte nicht nach Bahrain kommen sollte, ist verständlich. Meine Anwesenheit hätte von der Veranstaltung abgelenkt. Eine Reise nach Barcelona war nie geplant. In der Türkei war ich in meinem ganzen Leben noch nie. Also konnte mich dort auch keiner ausladen.

Die Hersteller haben Sie kritisiert und indirekt zum Rücktritt aufgefordert.
Mosley: Das hat mich geärgert. Nichts gegen Kritik, aber nicht einer von ihnen hat sich die Mühe gemacht, mich anzurufen und zu fragen, ob an den Nazi-Vorwürfen etwas dran ist. Deshalb kam es dann zu meiner gereizten Reaktion. In der Hitze des Gefechts macht oder sagt man manchmal dumme Sachen.

Befürchten Sie, dass bestimmte Leute in Zukunft mit Ihnen nicht mehr reden wollen?
Mosley: Kein ernsthafter Mensch kann Probleme haben, sich mit mir zu treffen. Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter.

Werden Sie bei einem Grand Prix 2008 auftauchen?
Mosley: Ich will nach Monza kommen.

Haben Sie je daran gedacht, zurückzutreten?
Mosley: Keine Sekunde. Angriff ist die beste Verteidigung. Wäre ich zurückgetreten, hätte ich nur denen einen Gefallen getan, die mit dieser Geschichte genau das bezweckt haben.

Wurden Sie in eine Falle gelockt?
Mosley: Es spricht viel dafür, dass nicht nur die Zeitschrift allein daran beteiligt war. Die Untersuchungen nach den Hintermännern laufen, aber es wäre unfair von mir, irgendwelche Verdächtigungen auszusprechen, bevor etwas bewiesen ist.

Stimmt es, dass Sie von Bernie Ecclestone eine Warnung bekamen?
Mosley: Das stimmt. Er warnte mich Ende Januar, dass ich unter Beobachtung stehe. Im Februar hatte ich mit dem ehemaligen Polizeichef von London, Lord John Stevens, ein Mittagessen, in dem er mir mitteilte, dass ich verfolgt würde. Ich habe natürlich Vorsichtsmaßnahmen getroffen und darauf geachtet, ob mich einer observiert. Daran, dass eine der Frauen mich filmt, habe ich nie gedacht. Ich kannte sie und sie erschienen mir vertrauenswürdig.

Wurden auch Namen genannt, als Sie die Warnung erhielten?
Mosley: Bernie nannte einen Namen. Ich will aber niemanden vorschnell beschuldigen. Es gibt noch keine Beweise für Verwicklung dieser Person.

Auch Bernie Ecclestone hat Sie stark kritisiert.
Mosley: Das hat mich schon etwas geärgert, aber Bernie stand unter Druck. Ein, zwei Leute haben ihm eingeredet, dass meine Geschichte schlecht für Formel 1 sei. Wir haben uns ausgesprochen. Es ist wieder alles in Ordnung.

Gab es auch Unterstützung in der Zeit der Anfeindungen?
Mosley: Unterstützung wäre zuviel gesagt. Es gab aber eine ganze Reihe von Personen und Firmen, die sich so verhalten haben, wie man das erwarten kann. Ferrari, Gerhard Berger, Frank Williams, Vijay Mallya, Dietrich Mateschitz.

Werden Sie nach Ende Ihrer Amtszeit im Herbst 2009 noch einmal kandidieren?
Mosley: Nein, ich will jetzt endlich mal kürzer treten, Zeit für mich und meine Familie haben. FIA-Präsident ist ein harter Job, wenn Sie Einfluss auf die Politik nehmen wollen. Ich arbeite jeden Tag von neun bis 18 Uhr. Wenn ich einmal Ruhe habe, will ich Bücher lesen, auf Konzerte gehen, mir auch den ein oder anderen Grand Prix anschauen. Ich bin immer noch ein Fan dieses Sports.

Wäre Jean Todt ein geeigneter Nachfolger? Er ist kein Mitglied eines Automobilclubs.
Mosley: Der FIA-Präsident muss nicht notwendigerweise Mitglied eines Clubs sein. Todt wäre ein sehr guter Mann für dieses Amt, es gibt aber auch noch andere. Bein Jean kann ich mir nicht vorstellen, dass er so ein Amt antreten wollte. Er könnte in der Industrie viel besser bezahlte Jobs bekommen. FIA-Präsident ist ein Ehrenamt.

Hoffen Sie, dass Ihr Image nach einem Rücktritt wiederhergestellt sein wird?
Mosley: Wenn sich der Staub legt und alle Beschuldigten überführt sind, wird man eine andere Sicht auf die Dinge haben. Ich hoffe schon, dass ein bisschen mehr hängenbleibt, als nur diese eine Geschichte. Ich kann sie nicht ungeschehen machen, sondern nur so hart wie möglich weiterarbeiten und darauf hoffen, dass sich die Leute auch an ein paar der guten Dinge erinnern werden, die ich geleistet habe.

Die Teams haben sich am Dienstag (29.7.) in Maranello mit Bernie Ecclestone getroffen. War das eine Provokation gegen Sie und die FIA?
Mosley:Überhaupt nicht. Die Teams haben zum ersten Mal begriffen, dass es höchste Zeit ist, etwas gegen die Kostenexplosion zu unternehmen. Wir haben ihnen drei Monate Zeit gegeben, Vorschläge zu unterbreiten. Es scheint so, dass sie das ernst nehmen. Wenn ich in Maranello aufgetaucht wäre, hätte es nur wieder geheißen, dass ich sie beeinflussen will.

Die FIA hört also auf die Teams?
Mosley: Wir haben gewisse Vorstellung, wie wir die Kosten runterbringen und eine Energiesparformel einführen wollen. Es kann aber durchaus sein, dass die Teams bessere Ideen haben, vor allem was die technischen Fragen betrifft. Bei den Teams arbeiten exzellente Ingenieure.

Wieviel soll gespart werden?
Mosley: Die Kosten müssen um mindestens 50 Prozent gesenkt werden. Das ist ein vernünftiger Startpunkt.

Warum plötzlich der Sparwille?
Mosley: Alle Autokonzerne müssen sparen. Schauen Sie sich nur die Entwicklung der Aktienkurse an. Wir können in der Formel 1 nicht so tun, als würden wir auf einem anderen Planeten leben. Die Sportchefs brauchen gute Argumente, wenn sie ihren Vorständen die Formel 1-Ausgaben erklären wollen. Die Privatteams kämpfen ums überleben. Sie müssen in Zukunft wieder in der Lage sein, gewinnbringend zu wirtschaften. Es kann nicht sein, dass es nur noch Privatteams gibt, die einen Milliardär im Rücken haben. Wir brauchen wieder zwölf Teams in der Formel 1.

Ohne Concorde Abkommen herrscht derzeit ein rechtsfreier Raum. Die Teams und Hersteller könnten jederzeit aussteigen. Haben Sie Angst davor?
Mosley: Das können die Hersteller auch mit dem Concorde-Abkommen. Sie sind kein Teil dieses Abkommens. Als Bernie Ecclestone den Herstellern den Vorschlag gemacht hat, 60 statt 50 Prozent der Einnahmen auszuschütten, für den Fall, dass sie sich als Automobilkonzern für den Zeitraum des Abkommens verpflichten, haben sie abgelehnt. Nicht ohne Grund. Sie wollen die Möglichkeit haben auszusteigen, wann immer sie wollen. Deshalb müssen wir den Automobilkonzernen andere Anreize bieten, damit sie dabeibleiben. Die Hybrid-Technologie ist ein solcher Anreiz. Die Hersteller müssen Hybridantriebe auch für ihre Serienautos entwickeln. Die Formel 1 wird ihnen helfen, diese Entwicklung zu beschleunigen. Da werden kleine, leichte und effiziente Systeme verlangt. Der Wettbewerbsdruck in der Formel 1 kann die Entwicklung um das Zehnfache beschleunigen. Die Investition der Hersteller in der Formel 1 ist also sinnvoll.

Die Rechteinhaber CVC wollen, dass die FIA ihr Vetorecht bei einem Besitzerwechsel aufgibt. Wie stehen Sie dazu?
Mosley: Wir haben uns dieses Einspruchsrecht gesichert, weil wir verhindern wollen, dass die Formel 1 in falsche Hände gerät. Unter bestimmten Bedingungen wären wir aber in der Lage, dies ein bisschen aufzuweichen. Wenn uns CVC im Gegenzug mehr Einfluss auf bestimmte Paragraphen des Sportgesetztes überlässt. Zum Beispiel den Kalender, die Zeitnahme oder die Vergabe der Fahrerlagerpässe. Hätten wir darüber die Kontrolle, dann wäre sichergestellt, dass ein neuer Besitzer keinen Unfug treibt. Ich hätte auch gerne das Gremium der Formel 1-Kommission von 26 auf 18 Mitglieder verkleinert, um schneller zu Entscheidungen zu kommen. Wie gesagt, es zeichnet sich ein Kompromiss ab.

Will CVC verkaufen?
Mosley: Zu mir sagen Sie, dass sie keine Eile damit haben, es aber tun würden, wenn es ein sehr gutes Angebot gäbe. Das halte ich im Augenblick für unrealistisch. Die Weltwirtschaft ist angespannt, es ist schwer, von Banken Kredit zu bekommen. In einem Jahr kann das vermutlich schon wieder anders aussehen. Außerdem ist bei CVC die Nachfolge von Bernie Ecclestone noch nicht geregelt. Ein Käufer müsste sich auf einen Mann verlassen, der immerhin schon 78 Jahre alt ist.

Wie groß sind die Chancen, dass das neue Concorde Abkommen unterschrieben wird?
Mosley: Ich wäre enttäuscht, wenn wir es nicht bis Herbst über die Bühne bringen würden.

In dem Entwurf, den Ecclestone den Teams zukommen ließ, steht aber mindestens ein Passus, der Ihnen nicht gefallen kann. Demnach geht ab 2010 die Kontrolle über die Formel 1 von der FIA an die Nachfolgeorganisation der FOM (Formula One Management) namens FOAM über.
Mosley: Das ist ein Fehler, den wir modifizieren werden. Früher war es einfach, ein Concorde Abkommen zu schreiben. Das haben Bernie und ich getan. Heute verdient sich eine Heerschar von Juristen eine goldene Nase daran. Die Ausschüttung der Einnahmen an die Teams, das sogenannte Kapitel 10, bestand früher aus sieben Seiten. Heute sind es 150.

Wie wollen Sie die Kosten senken?
Mosley: Zuerst warte ich auf Vorschläge der Teams. Meine Vorstellung sieht so aus. Der Antriebsstrang sollte in Zukunft das Unterscheidungsmerkmal sein. Da die Hersteller ohnehin Entwicklung auf dem Gebiet des Hybridantriebes betreiben, ist ihnen gleich doppelt gedient. Ich will dahin kommen, dass die Hybridantriebe in Zukunft umsonst an Privatteams abgegeben werden. Das gleiche schwebt mir für Motoren und Getriebe vor. Wir werden dort Langzeitkomponenten schaffen und so die Kosten für die Hersteller dramatisch senken. Im Augenblick ist der Zustand unerträglich. Ein Kundenteam bezahlt im Schnitt 17 Millionen Euro pro Jahr für einen Motor. Eine Getriebeversorgung würde eine weitere zweistellige Millionesumme kosten. Da wären schon mal 30 Millionen allein für Motor und Getriebe weg. So kann es nicht weitergehen.

Wie lange sollen Motor und Getriebe halten?
Mosley: Man könnte sich bis zu zehn GP-Wochenenden vorstellen. Dann käme man mit einer Revision pro Jahr über die Runden. Die Teams und Hersteller werden zwar behaupten, dass dies unmöglich sei, doch das haben sie bei Einführung neuer Regeln immer getan. Denken Sie nur an den Parc fermé. Da wurde von einem unverantwortlichen Sicherheitsrisiko gesprochen, wenn die Mechaniker zwischen Qualifikation und Rennen nicht mehr an den Autos schrauben dürften. Tatsache ist, dass die Autos zuverlässiger denn je sind.

Sie verlangen auch eine Energiesparformel. Wie soll die aussehen?
Mosley: Jeder bekommt eine bestimmte Energiemenge und die Durchflussmenge des Kraftstoffs wird begrenzt. Wer das effizienteste System baut, wird gewinnen.

Besteht da nicht die Gefahr, dass es zu einem Spritspar-Wettbewerb wie zu den Turbo-Zeiten kommt?
Mosley: Überhaupt nicht. Die Teams sind heute in der Lage, den Benzinverbrauch auf das Zehntel genau zu berechnen. Da bleibt keiner mehr ohne Sprit stehen. Ich will, dass der am Ende gewinnt, der aus einer bestimmten Energiemenge die meiste Leistung holt.

Wie wichtig ist das Umweltthema für die Formel 1?
Mosley: Es wird immer wichtiger. Nicht nur die Hersteller stellen die Umweltfrage, auch die Sponsoren. Wir wissen von einem großen Sponsor, dass er nur in der Formel 1 investiert, wenn diese auch Umweltbewusstsein zeigt. Ohne diesen Anspruch werden heute nirgendwo mehr große Gelder bewilligt.

Wie können die Rennen spannender gemacht werden?
Mosley: So schlecht sind sie ja zur Zeit nicht. Wir glauben, dass wir mit einer variablen Aerodynamik in der Lage sein werden, dem hinterherfahrenden Auto einen Vorteil in die Hand zu spielen. Geht die Rechnung auf, wird auch wieder mehr überholt.

Und eine umgekehrte Startaufstellung?
Mosley: Da bin ich dagegen. Das kann man in kleineren Serien wie der GP2 machen, aber nicht in der Formel 1. Dort müssen wir gewisse traditionelle Werte wahren.

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