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Multicar-Historie

Kleiner Alleskönner aus dem Osten

Multicar, Testfahrt Foto: Michael Orth 32 Bilder

Im thüringischen Waltershausen werden seit über 60 Jahren erfolgreich Kleintransporter und Geräteträger gebaut. Multicar ist damit die einzige Marke des DDR-Fahrzeugbaus, die die Wendezeit überlebt hat. Michael Orth hat sich das Werk für uns angesehen.

04.10.2013 Michael Orth Powered by

Sie kehren. Sie räumen. Sie wässern. Sie streuen. Sie fräsen. Sie pflügen. Sie bürsten. Sie saugen. Sie mähen. Sie schneiden. Sie putzen. Sie heben. Sie hämmern. Sie bohren. Sie pumpen. Sie pressen. Sie ziehen. Sie schleppen. Ach ja, fahren können sie auch noch. Und käme ein Kunde, der sagt: "Ich möchte mit meinem Multicar gerne rostfreie Drahtblumen flechten", dann fänden sie in Waltershausen mit Sicherheit auch dafür eine Lösung.

Mehr als 300 Geräte und Aufbauten von dutzenden Partner-Unternehmen können die kleinen Transporter tragen. Einen Frontausleger mit Schlegelmähkopf ebensogut wie eine Fäkaliensauganlage, einen Dreiseitenkipper genauso wie einen Hubarm mit Arbeitsbühne, eine Müllpresse – oder schlicht einen Besen.

Multicars können fast alles

Dies ist der wesentliche Teil der Antwort auf die Frage, warum es Multicar als eigenständige Marke – anders als die übrigen Fahrzeughersteller der DDR – heute noch gibt. Multicars sind Multitalente. Sie können immer das, was andere brauchen, weil sie so in Thüringen hergestellt werden. Eberhard Schatt, der 1979 im "VEB Fahrzeugwerk Waltershausen" gelernt hat und heute die Verkaufsförderung leitet, bringt das gern auf die Formel: "Ein Fahrzeug – ein ganzer Fuhrpark". Schatt steht in einem hohen Saal, der einst als Werkskantine diente und heute einen Blick in die Multicar-Historie erlaubt: Im Halbrund aufgefächert zeigen die sorgsam restaurierten Modelle, wie sich aus dem ersten Multicar entwickelte, was Werkleiter Nils Sander heute als "Systemplattform" bezeichnet.

Seit gut 15 Jahren gehört das Werk zur Hako-Gruppe, die den Standort Waltershausen als Kompetenzzentrum für Spezialfahrzeuge führt und dort die Produktmarke Multicar weiter entwickelt und fertigt. Auch das ein Faktor für das Fortbestehen von Multicar. Weitere? Man habe sicher Glück gehabt mit dem Verwalter der Treuhand, meint Sander und spricht auch von "unternehmerischem Weitblick und Mut, sich offen mit den Veränderungen auseinanderzusetzen. So ging es mit der Privatisierung vergleichsweise schnell." Dann erzählt Sander von "unglaublich viel persönlichem Engagement eines jeden einzelnen Mitarbeiters", davon, wie sich jeder im Werk mit Multicar identifiziere. Das mag sehr nach Floskel klingen. Ist aber genau das, was den Kollegen in der Produktion auf Anhieb anzumerken ist und was Menschen wie Eberhard Schatt oder Kurt Kriegk, der sich um die Azubis kümmert, umgibt wie eine unsichtbare zweite Haut.

Die Arbeit für Multicar scheint begleitet von einem Gefühl, das der Begriff "Job" eben nicht zum Ausdruck bringen kann. Vielleicht aber hat das auch damit zu tun, dass in Waltershausen zu DDR-Zeiten einmal 800 Leute beschäftigt waren. Heute sind es 170,
die die kompakten Geräteträger und Transporter in einer Mischung aus Serienbetrieb und Manufaktur fertigen. Alle nach Auftrag und Kundenwunsch, nichts auf Halde. "In etwa acht bis zehn Wochen nach Auftrag ist alles individuell lieferbar", sagt Schatt. Die größte Einigkeit besteht bei der Farbe: "Die meisten bestellen Kommunalorange RAL 2011. Wir könnten natürlich auch Pink oder Mintgrün."

Als der erste Multicar 1959 erscheint, trägt er eine StahlKarosserie, die teils über
eigens gedrehten Holzhalbkugeln gedengelt wurde. Der Dieselmotor des M 21 stampft sechs PS aus einem Zylinder, die Steuerung erfolgt stehend über eine Trittbrettlenkung, Fahrerkabine oder Lenkrad gibt es noch nicht. Dafür sieht das erste Modell mit runden Scheinwerferaugen und Stoßstangenlächeln aus, als habe es ein richtiges Gesicht.

In den Jahren darauf transportierten zigtausende Multicars den guten Ruf der Marke vor allem in die Sowjetunion und die Staaten des ehemaligen Ostblocks, und wenn das Sandmännchen über den Bildschirm des DDR-Fernsehens tuckerte, dann tat es das ebenfalls gerne in einem Multicar. Was dazu führte, dass zwischen Rostock und Dresden jedes Kind die kleinen Dinger kannte.

In den Westen gingen nur wenige Prozent des Exports, beispielsweise nach Paris, wo zeitweise eine kleine Flotte Multicar M 25 die Boulevards nassreinigte. Manche solcher Auslandsabschlüsse kamen erst zustande, wenn die Auftraggeber mit Sonderwünschen spezielles Material oder Teile selbst nach Waltershausen lieferten, weil dort zum Beispiel Felgen einer besonderen Größe oder Farben eines bestimmten Tons nicht verfügbar waren.
Heute sind derlei Knappheiten undenkbar. Schon drei Jahre nach der Wende hatte es das Unternehmen geschafft, eine Service- und Vertriebsstruktur aufzubauen und sich Deutschland als neuen Hauptmarkt zu erschließen. Millionen flossen zudem in die Modernisierung der Produktion.

Multicar hat Wende erfolgreich überstanden

"Es waren schwierige, bewegte Zeiten", räumt Eberhard Schatt während eines Rundgangs durch das Werk ein. "Aber es hatte auch etwas von Aufbruch, und es gab Partner, die an uns glaubten." So konnte Multicar für das so genannte Wendemodell, den M 25/91, einen modernen Vierzylinder-Diesel von VW adaptieren, die passende Hydraulik dazu lieferte Mannesmann-Rexroth.

Immer flexibler wurden die am Standort entwickelten Fahrzeuge. Bei den Neuentwicklungen der vergangenen Jahre standen im Wesentlichen der Fahr- und Bedienkomfort, die Sicherheit sowie Umweltaspekte im Mittelpunkt.

Ein ganz spezielles Problem hat man in Waltershausen auch mit der aktuellen Variante Multicar M31 noch nicht in den Griff bekommen, worauf man aber auch ein bisschen stolz ist: Obwohl der Multicar so gut wie alles mache, was man von ihm verlangt, sagt Werkleiter Sander und lacht, "kaputt geht er dabei nicht".

Multicar-Modellprogramm

Multicar ist heute eine Produktmarke im Kommunaltechnikprogramm der Hako-Gruppe (www.hako.com/multicar). In Waltershausen in Thüringen werden alle vier Multicar-Baureihen hergestellt: Tremo, Fumo doppelkabine, M27 und M31.
 
Technische Daten: Länge: 3.680–4.645 mm, Höhe: 2.040–2.200 mm, Breite: 1.320–1.630 mm, Gewicht ab 2,15 Tonnen, Wendekreis ab 3,1 Meter. Motorisierung mit Euro 5: Iveco F1C mit 2.998 cm3 Hubraum, 145 PS bei 3.500/min, VW TDI mit 1.968 cm3 Hubraum, 102 PS bei 3.500/min. Stahlprofilrahmen, Scheibenbremsen, Heckantrieb, auf Wunsch Allrad, auf Wunsch hydrostatisch. Ein- oder Mehrkreishydraulik mit Summenschaltung, Arbeitsdruck bis 300 bar, steigfähig bis 32 Grad, Nutzlast bis 3,1 Tonnen, Höchstgeschwindigkeit bis zu 90 km/h.

Für Fans und Freunde: www.multicarforum.de, Jens Martschoke, 0162/7476191, 99894 Wipperoda

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