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Musikkassetten im Auto

Glück auf Chromdioxid

Musikkassetten, Kassettenradio Foto: Hardy Mutschler 27 Bilder

Vergessen Sie CD und MP3. Ihre Lieblingssongs kommen auf Musik-Cassette viel sensibler. Ein Schuhkarton voll genügt, um sich wieder wie 20 zu fühlen.

28.04.2014 Alf Cremers Powered by

Meist habe ich Pech. Die Radios in meinen billigen Kiesplatzautos funktionieren nicht. Manchmal fehlen sie ganz wie im Passat Variant, oft wird ein Eingabe-Code verlangt, der nirgends hinterlegt ist, wie beim Becker Avus Cassette aus dem weißen 250 D.

Selbst wenn man die Servicemappe auf links dreht, fällt keine vierstellige Zahl raus. Oder ich freue mich auf das Becker Mexico Electronic im Mercedes 380 SE, aber das überhebliche Topmodell gibt noch nicht einmal ein Rauschen von sich. Später erfahre ich in einem sachkundigen Internetforum, dass es einen Speicherakku im Gerät gibt, der gerne ausläuft und die Platine verätzt.

Mercedes S-Klasse mit Sendersuchlauf per Hand

Schöne Aussichten für künftigen Hörgenuss. Aber mit meinem "neuen" 280 SE der trotz günstigen Einstandspreises garantiert mit wenig Aufwand H-Kennzeichenfähig ist – so bilde ich es mir wenigstens ein –, habe ich Glück. Das Becker Europa Cassette Kurier entschließt sich nach Drehen der eigentümlichen Herdknöpfe, aufzuwachen. Sogar die Motorantenne der Mercedes S-Klasse hinten links fährt mit einem gequälten Brummen aus. Sendersuchlauf per Hand, wie es sich gehört, Stationsdrucktasten.

Unter der Mittelarmlehne liegt noch eine Cassette "Slavko Avsenik und die Original-Oberkrainer". Die erspare ich mir, aber sie gibt einen wichtigen Anstoß. Denn es ist ein Kreuz mit den Radiosendern, entweder Volksmusik oder die aktuellen Charts rauf und runter. Dazu dämliche Quizfragen für die Hörer und eine aufdringliche Werbung, die einem körperliche Schmerzen bereitet. Man kann auch nicht immer den betulichen Deutschlandfunk hören. Das passt nicht, wenn man einen sonnigen Tag in einer frisch erworbenen Mercedes S-Klasse, noch dazu im ultra-raren Farbton "Braun 427", genießen will. Bester Laune mit offenem Schiebedach unterwegs zu sein, schreit nach der Lieblingsmusik.

Also, liebe Oberkrainer, danke für den Tipp, noch mal kurz nach Hause fahren und den Schuhkarton mit den alten Lieblingscassetten aus dem Keller holen. Fertig bespielte Kaufcassetten, ewig nicht gehört, keine Ahnung, was da drin ist. Aber jetzt bin ich bereit, im Zustand gesteigerter Euphorie, emotional völlig mit den Glücksgefühlen für mein neues Lieblingsauto aufgeladen. Ist zwar kein Achtzylinder, aber der gute alte, von schwerer Duplexkette getriebene Doppelnockenwellenmotor stellt ja mit seinen 185 PS auch was dar und ist zumindest bis 130 km/h leise genug, um Musik zu hören.

Schuhkarton als Musicbox

Der Schuhkarton rutscht eine Spur zu schnell hinter die Rückenlehne des Fahrersitzes, seinen Inhalt behält er bei sich. Für die nächsten Stunden dient er als Musicbox. Ich greife blind nach den Cassetten, schließlich passieren gerade die schönsten Dinge zufällig, Hauptsache, das 30 Jahre alte Becker-Ding tut. Den Auftakt macht a-ha mit "Hunting High and Low", eine schwülstig-pathetische Ballade aus den Achtzigern, gerade richtig, um im Mercedes-S-Klasse-Luxus zu schwelgen. Also rein damit in den Schacht, bange Sekunde, sanft nimmt das Gerät die Cassette auf, wie ein braver Hund sein Leckerli. Dumpf, aber erkennbar, ertönt das Mittelteil von "The Sun Always Shines on TV", ein bisschen am Überblendregler an der Mittelkonsole gedreht, und schon stimmen die Fondlautsprecher mit ein.

Es krächzt ein bisschen in der verstaubten Membran vorn links. Mit jedem Zentimeter Magnetband, das den Tonkopf passiert, wird der Klang besser. Nach zehn Minuten kehren auch die Höhen wieder zurück. So ungefähr klingt "Hunting High and Low" auch zu Hause im Marantz SD 1000 Cassettendeck. Apropos CD, als Old-Schooler für mich ein absolutes No-Go, lieber spitze ich zehnmal den Bleistift, um mit ihm den Bandsalat im gezahnten Loch wieder aufzufädeln.

Nächster Griff in den Karton, an einem Stoppschild zwischen Althegnenberg und Moorenweiß, just in the middle of nowhere. "3 Ships" von Yes-Leadsänger Jon Anderson, der mit der ultrahohen Stimme. "Easier Said than Done" ist von so ergreifender Melancholie, dass man sofort glaubt, unglücklich verliebt zu sein. Auch das Becker Europa Cassette bleibt nicht unbeeindruckt von so viel Gefühl. Es jault an einigen Stellen ein bisschen, aber der korrekte Gleichlauf stellt sich bald wieder ein. Früher, im blühenden Zeitalter dieses archaischen Tonträgers MusiCassette, wie sie sich modisch nannte, war Jaulen ein Alarmzeichen für drohenden Bandsalat, es mündete jäh in einer hochfrequenten Micky-Maus-Sequenz.

Bleistift gegen Bandsalat

Wenn wir das Ding durch raschen Auswurf "Eject" noch vor dem Suizid bewahren konnten, dann zog es eine lange Schleife braunen, schmalen Magnetbands hinter sich her, das wir dann möglichst knoten- und knitterfrei mit rotierendem Bleistift oder Kugelschreiber wieder einfangen konnten. Okay, Anderson ist eher was für Allerheiligen, also noch ein Griff ins Wunschkonzert. Oh je, Claudia Jung, "Etwas für die Ewigkeit", nein danke, maximal für den Augenblick.

Ich wusste nicht, dass ich so etwas überhaupt besitze, muss genauso eine Verirrung sein wie Münchener Freiheit mit "Fantasie", die ich als nächsten Blindgänger erwische. Schön, dass die so ergebene Viergangautomatik der Mercedes S-Klasse mir stets eine Hand freihält, so macht es Freude, sein eigener Discjockey zu sein.

Auf einer schmalen Allee Richtung Starnberger See grüßen kahle Baumwipfel vor stahlblauem Himmel durchs Schiebedach. Dire Straits' "Brothers in Arms" spült mir der Schuhkarton in die linke Hand. Großartige Musik für die besonderen Momente im Leben, also vorsichtig das Becker damit gefüttert, und ab geht das virtuos-bombastische, ja frenetische Schlagzeugsolo am Anfang von "Money for Nothing".

Das drehe ich ziemlich auf, fast bekomme ich Angst um die vier staubtrockenen Lautsprechermembranen, aber sie verkraften das. Bei "Your Latest Trick", meinem Lieblingsstück auf dieser LP – pardon, MC –, glätten sich die Wogen, das Lied ist eine zarte Ballade, es plätschert so samtig dahin, dass ich in leisen Passagen den heiseren Klang des Sechszylinders der Mercedes S-Klasse heraushöre.

Musik und Motor ergänzen sich wunderbar, kein Störfeuer, sondern sanfte Untermalung, die von den Windgeräuschen dicht stehender Bäume stakkatoartig zerrissen wird, was so einen seltsamen Wah-Wah-Effekt zaubert. Am Horizont verwandelt sich das gelbe Weiß der Sonne allmählich in ein zartes Rosé. Die Schatten sind lang, am Seeufer steigt Nebel auf. Der Zufallsgenerator des Schuhkartons empfiehlt mir Genesis "A Trick of the Tail". Okay, statt Peter Gabriel singt schon Phil Collins, aber der Stil ist noch ganz der alte.

Virtuose Klanggespinste statt eingängiger Melodien herrschen vor und begeistern mich.
Der Schuhkarton hinter dem Gepäcknetz ist noch lange nicht leer, aber die Mittelkonsole füllt sich. 24 Musi-Cassetten habe ich noch retten können. Nicht jede gefällt mir, andere vermisse ich. "Crime of the Century" von Supertramp oder "Picture Book" von Simply Red. Ich brauche Nachschub für lange Fahrten. Mal sehen, was es bei eBay so gibt.

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