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Nachruf Fritz B. Busch

Der Mann, der die Autos liebte

Fritz B. Busch Foto: Hardy Mutschler

Fritz B. Busch ist tot. Klaus Westrup, ehemaliger Chefredakteur von auto motor und sport, über einen langjährigen Wegbegleiter, Gründer eines Automobilmuseums und eine Persönlichkeit von Rang im Automobil-Journalismus.

06.08.2010

Vor acht Jahren wurde er 80. Wir sitzen auf der Terrasse vor seinem Haus, einer Art Ponderosa-Ranch mit viel Wiese und dunklen, schweren Tannen. Kleine Wegweiser aus Holz weisen den Weg zu diesem idyllischen Flecken im Allgäu, ein Kürzel steht drauf: FBB. Das mittlere B ist sein Kosename aus Kinderzeiten ­– Bob oder Bobby.

Mit dem SSK-Nachbau zum Brötchenholen

Er hat sich, wie zu allen runden Geburtstagen im fortgeschrittenen Alter, auch selbst beschenkt, natürlich mit einem Oldtimer. Diesmal ist es ein Ford A in Bestzustand, in "Washington Blue", wie Busch betont. Zum Siebzigsten gab es einen Mercedes SSK-Nachbau aus Montevideo, ein gigantisches Auto-Spielzeug für das Knabenherz, das immer noch in seiner Brust schlägt. "Mit ihm fahre ich Brötchen holen", sagt der Oldie-Papst mit der kühnen Adlernase und den großen, zupackenden Händen.

Wir sprechen über sein Auto-Leben, noch ist es voller Genuss. Busch raucht eine Marlboro, pafft den Rauch wie Altkanzler Helmut Schmidt, nur nicht in solchen Mengen. Er liebt die einfachen Autos, aber Charakter müssen sie haben.

Die Entwicklung des modernen Autos sieht er mit Sorge und Verachtung. "Rasende Computer" seien unter uns und würden immer mehr. Er spricht von "genialer Verblödung" ­- seine Lösung sind die Autos der Vergangenheit. Nur der Oldtimer bietet ja die Möglichkeit, die Entwicklung ganz persönlich anzuhalten, genau auf der Stufe, die man selbst für bewahrenswert hält. Publizistisch hält er diese Fahne eisern hoch, aber auch physisch. 1973 gründet er seine "kleine Oldtimerei" - ein Museum in einem Teil des nahe Ravensburg gelegenen Wolfegger Schlosses mit zunächst 32 Autos. Inzwischen sind es, die Motorräder eingeschlossen, über 200 Exponate.

Heinz-Ulrich Wieselmann, in den fünfziger Jahren Chefredakteur von auto motor und sport, hat sein Schreibtalent entdeckt. "Schreiben Sie keine Leserbriefe, sondern richtige Artikel", teilt er dem Mann mit dem eigenwilligen Stil mit, und Busch zögert nicht. Seine Storys werden Legende, allen voran die essayistische Betrachtung über den Jaguar E-Type der sechziger Jahre mit der Überschrift "Whisky pur" oder "Die Flunder". Busch wird berühmt - viele Jahre später ist er im Auftrag des "Stern" mit den damaligen Traumwagen der Welt unterwegs, wird mit Hollywood-Stars wie Jane Mansfield am Pool sitzen oder Kookie treffen, den Helden aus der einstigen Fernseh-Serie "Seventy Seven Sunset Strip". Seine Verehrung gilt hingegen einem deutschen Alt-Star, der Schauspieler-Legende Hans Albers. Busch gelingt vieles, so auch der Ankauf von Albers' Cadillac, einer tiefblauen V8-Limousine, Jahrgang 1951. Wer sie sehen will – auf nach Wolfegg.

Mahner ohne erhobenen Zeigefinger

"Ich habe eine Meise", verrät er in freimütiger Outung seinen Lesern in einem "Motor Revue"-Beitrag. Er meint die Sammelleidenschaft, jenen schwer zügelbaren Trieb, der ihn auf dem 86er Ulmer Veteranenmarkt nach einem Lenkrad für den winzigen Kleinschnittger suchen und ihn mit einem kompletten MG Midget zurückkommen lässt.

Auch als toller Hecht hat er sich ein Herz für die kleineren Auto-Freuden bewahrt. Er weiß, dass es nicht auf Hubraum, Leistung, Tempo und Prestige ankommt, wenn es um Auto-Lust geht. Beim Friseur entdecke ich in einer Illustrierten, dass es einen Wohnanhänger für den 2 CV gibt, leicht genug also. Busch lässt sich nach Anfrage auf die gewagte Reportage ein, fährt mit Döschewoh, Anhänger und Ehefrau Liane über die Alpen bis nach Italien, schreibt eine seiner besten Geschichten und amüsiert sich auf den Campingplätzen mit ihren bombastischen Gespannen für so arm gehalten zu werden. "Hauptsache, man ist gesund", entfährt es einer Holländerin mit Anteilnahme, die Buschs nicken bestätigend.

Geringes Reisetempo hat ihn nie gestört. In den fünfziger Jahren fährt er mit einer BMW Isetta von Hamburg nach Florenz, neben sich auf der winzigen Sitzbank die Ehefrau und Tochter Anka, im Fußraum das Camping-Geschirr. Er spricht vom "Schnüren" auf Landstraßen, meint Tempo 80, fragt in einer seiner zahllosen auto motor und sport-Kolumnen schon in den Sechzigern: "Haben wir es wirklich so eilig?" Er ist auch Mahner geworden, Mahner ohne erhobenen Zeigefinger.

Am wohlsten fühlte er sich mit einem Lenkrad zwischen Fingern

Es herrscht Föhnstimmung an jenem Mainachmittag 2002, die typischen Zirruswolken sind am Himmel aufgezogen, man ahnt die nahe Alpenkette. Es ist eine Stimmung, die gedanklich nach Süden zieht - am liebsten, sagt Busch und zieht an der Marlboro, in einem Cabriolet. Er liebte sie seit jeher, die Offenen, und er liebt sie noch. Mit dem SSK-Nachbau hat er Alpenpässe bezwungen, mit dem viersitzigen Mercedes Stuttgart aus den Dreißigern fährt er bis Barcelona und Monte Carlo, mit dem Ford A bis Neapel. Am wohlsten, sagt er mir noch kürzlich am Telefon, fühle er sich mit einem Lenkrad zwischen den Fingern.

Das letzte Gespräch liegt erst ein paar Monate zurück. Er ist krank, schon lange, aber er klingt wie immer. Doch was er sagt, lässt nichts Gutes hoffen. Es fehle einfach die Kraft, den Beitrag für Motor Klassik zu schreiben, seiner letzten und wichtigsten journalistischen Oase. "Der Mensch ist erst richtig tot, wenn niemand mehr an ihn denkt", sagte einst Bertold Brecht. Wir denken an ihn.

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