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Neuer Nascar-Meister Brad Keselowski

Brad Pit des Stock-Car-Sports

Brad Keselowski, Pokal 10 Bilder

Während Brad Pitt bis heute auf einen Oscar-Preis wartet, hat der Namensvetter aus der Boxengasse in nur drei Jahren den NASCAR-Olymp erobert: Meister Brad Keselowski genoss bisher einen eher zweifelhaften Ruf im Fahrerlager. Mittlerweile hat er sich als energischer Verfechter für einen harten, aber fairen Fahrstil etabliert.

30.01.2013 Gregor Messer Powered by

Dass die auf politische Korrektheit getrimmten Amerikaner so etwas noch mal erleben durften: Da stellte sich doch der neue NASCAR-Champion tatsächlich mit einem übergroßen Glas Bier in der Hand vor die TV-Kameras - genau das falsche Requisit eigentlich, um die Titelbotschaft an die US-Nation zu verbreiten. Aber Brad Keselowski war das sowas von egal: „Ich habe schon was intus“, lallte der neue Meister bierselig nach der Siegerehrung beim großen Saisonfinale in Homestead im vergangenen November, „und bin auch schon ein bisschen beschwipst.“

Racing Volkssport, keine Sache der Upper Class

Keselowski gab sich so, wie er ist: dreist und frech, ehrlich und volksnah, kumpelhaft, geradezu jovial. So, wie er die Fans im Start- und Zielbereich von Homestead mit in seine Feierlichkeiten eingebunden hatte, schien er jeden davon persönlich zu kennen. Für Brad Keselowski ist Racing Volkssport, und keine Sache der Upper Class. Dazu kennt er die Wurzeln des Sports nur zu gut.

Sein Großvater John gründete vor Jahrzehnten das Team K-Automotive Motorsport. Sein Onkel Ron bestritt zu Beginn der 70er Jahre sporadisch Rennen in der Grand-National-Serie, dem Vorläufer des heutigen Sprint Cups. Brad Keselowskis Vater Bob holte 1989 sogar den Titel in der ARCA-Serie, die mit ausgemusterten Cup-Boliden bestritten wird.

Aufbau eines NASCAR-Fahrzeugs gehört dazu

K-Automotive setzte unter Bobs Regie von 1995 bis 2003 ein Auto in der Truck-Serie ein. Irgendwann sollte auch Sohn Brad damit an den Start gehen. „Hätte mich vor zehn Jahren einer gefragt, wer von meinen beiden Söhnen Brian und Brad mehr Talent hat, so hätte ich mich für Brian entschieden“, bestätigt Patriarch Bob heute. Doch die Würfel fielen für Brad. Ehrgeizig war der Bursche mit dem markanten Vorderbiss schon immer. Und technisch versiert auch. Den Bau eines NASCAR-Fahrzeugs lernte er unter der Anleitung seines Vaters von der Pike auf.
 
2005 war es für Brad soweit: Der jüngste Keselowski debütierte in der Truck-Serie. „Damals reichte mein Blick aber bestenfalls so weit, dass ich mir erhofft hatte, vielleicht eines Tages ein Truck-Rennen zu gewinnen. Und dass ich vielleicht einmal davon leben könnte“, erzählt Brad „mehr aber nicht.“ Er verzeichnete indes nur spärliche Erfolge: Der damals 21-Jährige konnte das Familienteam nicht mit den benötigten Resultaten über Wasser halten. Mitten in der Saison 2006 mussten die Keselowskis den Truck für den Filius zurückziehen.

Beginn einer wunderbaren Feindschaft

Brad bekam dennoch Chancen, immer wieder. Zu offensichtlich war sein Talent. Mal ersetzte er einen gesperrten Fahrer, dann offerierte ihm Publikumsliebling Dale Earnhardt Jr. ein Cockpit in seinem Nationwide-Team für die zweite NASCAR-Liga. 2009 folgte Keselowskis Debüt im Sprint Cup. Kalt wie Hundeschnauze nutzte der hager wirkende Twen seine Chancen, und dies mit unterlegenem Material in unterfinanzierten Teams. Bereits bei seinem fünften Cup-Rennen im Hochgeschwindigkeits-Tempel von Talladega schlug er zu - mit eiserner Härte und knallharter Abgebrühtheit. Als er beim Sprint zur Ziellinie an der Stoßstange von Leader Carl Edwards nagte, versuchte dieser ihn zu blocken. Aber nicht mit Keselowski: Das resultierende Touché beförderte Edwards spektakulär und in hohem Bogen in den Fangzaun - Keselowski siegte. Das Manöver wurde schlagartig zum Youtube-Hit - und markierte den Beginn einer wunderbaren Feindschaft.
 
Denn Edwards fackelte nicht lange, um sich zu revanchieren: 2010, im Oval von Atlanta etwa, schickte Edwards den aufstrebenden und meist respektlosen Keselowski nicht minder koppheister in die Wand. Wieder und wieder krachte es zwischen den Kontrahenten. Nicht nur im Cup. Auch in der Nationwide-Serie fuhren sie sich vehement in die Karre. „Das regele ich jetzt auf meine Weise“, zitterte 2010 Vater Bob nach Brads Crash auf der Zielgeraden in St. Louis vor Wut. „Edwards wird meinen Jungen nicht umbringen, dafür sorge ich!“

Mal wird Keselowski Pferdegesicht genannt, mal nur BK oder auch nur Kes. Ein Spitzname setzte sich indes schon früh durch: „Bad Brad“. Edwards blieb nicht der einzige Sparringspartner mit negativen Erinnerungen. Auch Kyle Busch - Künstlername: „Rowdie“ - und besonders Denny Hamlin starteten so manchen Shitstorm gegen Keselowski.

Rivalitäten auf der Piste klären

Den NASCAR-Oberen war dies alles wurscht, haben doch die Verantwortlichen um Rennleitungs-Boss Robin Pemberton schon 2010 die Parole ausgegeben: Soll doch jeder seine Rivalitäten auf der Piste klären, wie er will. Was freilich die Legitimation zum Revanche-Foul bedeutet. Und davon machte „Bad Brad“ Keselowski in seinen Lehrjahren oft genug Gebrauch.
 
Wer Keselowski in seinen ersten NASCAR-Saisons als Großmaul eingeschätzt hat, lag nicht mal daneben. Grandios sein Auftritt 2010 bei der Fahrervorstellung im Kurzoval von Bristol. „Brad Keselowski, Fahrer des Penske Racing-Dodge“, stellte er sich noch brav vor. Und dann das: „Kyle Busch ist ein Arsch.“ 160.000 NASCAR-Fans trauten ihren Ohren nicht, fanden die Aktion aber klasse. „Ich habe vorher den NASCAR-Geistlichen gefragt, ob ich sowas sagen darf. Und der hat gemeint: „Klar darfst du das sagen, das Wort steht ja auch in der Bibel“, rechtfertigte sich Keselowski.
 
Der Mann aus Michigan war schon immer einer, der gesagt hat, was er denkt. Wer ihn das erste Mal erlebt, weiß sofort: Einen Rhetorik-Kurs hat der Typ nie besuchen müssen. Im Klappe-Aufreißen steht er einigen anderen NASCAR-Piloten nicht nach. Aber ein einfältiger Bleifuß-Prolet ist der Junge gewiss nicht. Hat ihn die politisch oftmals unkorrekte Offenheit in seiner Karriere je behindert? Keselowski denkt nicht lange nach und sagt: „Immer offen und ehrlich zu bleiben - das ist doch großartig.“

Das neue System hilft dem Sport nicht weiter

Kann aber auch teuer sein. Im November 2011 kommentierte er den Wechsel vom altgedienten Vergaser auf eine modernere elektronische Einspritzung, wie sie seit der Saison 2012 zum Einsatz kommt, für NASCAR-Verhältnisse ungewohnt kritisch: „Ganz ehrlich: Das neue System hilft dem Sport nicht weiter, wir sparen dadurch keinen Sprit. Und wir haben von einer 50 Jahre alten Technologie auf eine 35 Jahre alte Technologie gewechselt. Ich weiß nicht, was das bringen soll.“ Für die kecke Aussage verdonnerte ihn die NASCAR-Organisation zu einer drastischen Strafe: 25.000 Dollar.
 
Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Keselowski tief in die Tasche greifen musste. Auch nach dem vorletzten Rennen seiner Meister-Saison in Phoenix war er erneut mit 25.000 Dollar fällig. Grund: Während einer Rennunterbrechung griff er zum Smartphone und twitterte Botschaften an die Fans aus seinem Dodge heraus. Elektronische Geräte sind an Bord eines NASCAR-Autos jedoch verboten - und darunter fallen eben auch Smartphones.
 
Dabei war Keselowski zu Saisonbeginn beim Daytona 500 noch genau deswegen der Liebling der NASCAR-Organisation: Den spektakulären Feuerunfall von Juan Pablo Montoya mit einem Streckenfahrzeug nutzte Brad Keselowski während der Rennunterbrechung ganz cool zum Twittern. Damals drückten die NASCAR-Bosse noch ein Auge zu, denn letztlich sorgte Keselowski so für einen unerwartet großen Popularitätsschub: Innerhalb dieser zwei Stunden gewann Brad Keselowski rekordverdächtige 145.000 neue Follower.

Vom Nascar-Underdog zum König

2012 war eine Saison, in die Keselowski als Underdog gestartet war, aber aus der er als König hervorging. Sein Aufstieg in den vergangenen drei Jahren lässt sich mit dem der ganz Großen vergleichen. Bereits 2010 holte er den Titel in der Nationwide-Serie. Den ersten Cup-Titel erkämpfte er bereits im dritten Jahr; das hat vor ihm nur Jeff Gordon geschafft. Und die Super-Legende Dale Earnhardt, der einst sogar nur zwei Jahre zum ersten Titel benötigt hatte.
 
Nach dem Rausschmiss von Kurt Busch bei Penske Racing Ende 2011 musste sich Keselowski als neues Alpha-Tier etablieren. Das gelang ihm schneller und besser als erwartet. Mit Teamchef Roger Penske, dem Doyen des US-Automobilrennsports, steht Keselowski fast täglich in Kontakt, meistens per SMS. Ständig schreiben Keselowski und sein Crew Chief Paul Wolfe lange Listen mit Verbesserungsvorschlägen. „Diese Listen“, schwört Penske, „haben uns deutlich besser gemacht.“ Und nahezu täglich taucht Brad Keselowski in der Werkstatt auf, um im Tagesgeschäft mit anzupacken.
 
Brad Keselowski hat für Penske Racing - die schon nahezu alles und überall im Automobilsport gewonnen haben - endlich den ersten NASCAR-Titel geholt. Nach 23 Jahren. „Er ist ein Fahrer, der mitdenkt“, charakterisiert Roger Penske seinen Champion, „und das ist in diesem Sport heutzutage sehr wichtig. Er ist sehr intelligent. Und er hat einen viel weiteren Blick als die meisten.“
 
Der 28-Jährige wird trotzdem immer wieder für seine harte Gangart kritisiert. Wie beim drittletzten Saisonrennen in Texas, als er sich mit Jimmie Johnson ein erbittertes Gefecht lieferte, inklusive einer kurzen Feindberührung in der letzten Runde. Ex-Champion Tony Stewart, selbst ein Hardliner am Lenkrad, vermutete bei Keselowski daraufhin sogar „Todessehnsucht“.

Die Tage des „Bad Brad“ sind gezählt

Eine Woche später in Phoenix setzte Jeff Gordon mit einem Foul an Clint Bowyer ein bemerkenswertes Highlight für Zweikampfhärte. Darauf gab Keselowski ein Statement, mit dem er sich Respekt im Fahrerlager verschaffen konnte: „Es kotzt mich an, dass ich fertiggemacht werde, weil ich hart fahre, ohne aber dabei einen Crash zu verursachen. Und dann sieht man sowas, von den gleichen Leuten, die mich kritisieren. Du berührst einen und giltst sofort als absoluter Verbrecher. Schön, wir zahlen es dem Gegner auf der Strecke heim und lächeln noch darüber. Aber das ist nicht das, was unser Sport braucht. Wir brauchen taffes Racing von Leuten, die alles geben. Und keine Typen, die Probleme mit ihren Aggressionen haben.“ Ein Wandel vom Saulus zum Paulus? Die Tage des „Bad Brad“ scheinen jedenfalls gezählt zu sein.
 
In der neuen Saison tritt Keselowski mit einem anderen Hersteller an. Penske Racing hat bereits im vergangenen Februar den Wechsel von Dodge auf Ford verkündet. Dabei war Dodge der erste Hersteller, der im vergangenen Frühjahr ein Modell der neuesten Generation der NASCAR-Fahrzeuge vorgestellt hatte. Nun, mangels Team, steigt Dodge aus.
 
Die Boliden der sechsten Generation lösen das Car of Tomorrow ab, das seit 2007 zum Einsatz gekommen war. Fast zwei Jahre lang haben die NASCAR-Techniker das neue Auto entwickelt. Eine verbesserte Rahmenstruktur im Dachbereich sowie eine Reduzierung des Gewichts von rund 1.650 auf nunmehr 1.570 Kilogramm zählen zu den Neuerungen. Vor allem aber bieten die Autos nun wieder den Look ihrer Serien-Pendants. Das soll die Identifikation für potenzielle Neuwagenkäufer erhöhen.
 
Erstmals bereitet Penske Racing seine Triebwerke nicht mehr selbst vor. Die Motoren kommen nun von Ford-Entwicklungspartner Roush-Yates. Neu wird für Keselowski auch der Teamkollege sein: Joey Logano. Der 22-Jährige fuhr in den vergangenen drei Jahren bei Joe Gibbs Racing. Auch bei Loganos Verpflichtung konnte Keselowski seinen stärker werdenden Einfluss im Team geltend machen. Er war es, der Logano das Meeting mit Roger Penske ermöglichte, und er war es, der auf Logano als Teamkollege drängte. „Joey zählt zu den Top-Talenten. Wenn wir gut zusammenarbeiten, sind wir stärker“, sagt Keselowski.

Mit strategischem Nachteil in die Zukunft

In einem Punkt bleibt das Penske-Team aber auch in Zukunft im Nachteil, denn die Truppe aus Mooresville wird auch im kommenden Jahr nur zwei Fahrzeuge einsetzen, während die etablierten Gegner wie Roush, Hendrick oder Gibbs deutlich mehr Wagen an den Start bringen - ein klarer strategischer Nachteil.
 
In der abgelaufenen Saison hat Brad Keselowski dennoch 12.106.255 Dollar an Preisgeld nach Hause gefahren. In seiner Rolle als NASCAR-Meister sieht er die zusätzliche Verantwortung offenbar nicht als Belastung. „Hinsichtlich 2013 hoffe ich, dass wir uns in unserem Sport noch stärker als Einheit präsentieren. Jetzt, wo ich Champion bin“, verkündete er bei der Meisterfeier in Las Vegas den versammelten Mitgliedern des NASCAR-Zirkus, „möchte ich euer Anführer sein.“ Bleibt nur zu hoffen, dass sich der bald 29-Jährige weiter die eine oder andere politische Unkorrektheit - wie etwa einen losen Spruch - leisten wird.

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