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Neues VW-Werk in den USA: VW-Express hält in Chattanooga

Einst galt Chattanooga als eine der dreckigsten Ecken in den USA. Doch die 170.000-Einwohner-Metropole im Süden von Tennessee hat sich zu einem wahren Schmuckstück gemausert. Volkswagen investiert für sein neuestes Werk rund eine Milliarde Dollar.

Mit gigantischem Aufwand wollte Chattanooga das Image einer verdreckten Produktionsmetropole loswerden. Gerade auf die Autoindustrie hatten es die Entscheidungsträger von Stadt, County und Bundesstaat abgesehen. 

Doch mehrfach wurde man bei Vergaben kurz vor der Ziellinie schmerzlich abgefangen. Einmal entschied sich Mercedes, sein Werk für Mercedes ML-, GL- und R-Klasse doch lieber in Tuscaloosa zu bauen. Noch knapper war es beim Autogiganten Toyota. Nachdem man gegenüber der Städtekonkurrenz lange Zeit in Front gelegen hatte, wurde man bei der Standortvergabe für die neuen Werke von Toyota Tundra und Toyota Highlander seit dem Jahrtausendwechsel zweimal abgefangen.

Ein VW-Werk in Chattanooga konnten sich die Verantwortlichen nicht vorstellen

Das sollte beim Großprojekt Volkswagen nicht noch einmal passieren. Doch als nach monatelangen Planungen am 16. Mai 2008 eine hochrangige Gesandtschaft von VW an der Biegung des Flusses Tennessee die gigantische Fläche im Süden von Chattanooga besichtigte, war das ganze eigentlich schon vorbei, bevor es begonnen hatte. Allzu wenig konnten sich die Verantwortlichen unter Produktionsvorstand Dr. Jochem Heizmann vorstellen, dass hier auf dem Gelände des ehemaligen Munitionslagers ein Hightech-Park für das neue VW-Werk entstehen sollte. Der Besichtigungstermin in den hügeligen Wäldern nahm nach freundlicher Begrüßung ein abruptes Ende - die Volkswagen-Armada reiste nach wenigen Minuten auf einem zugewucherten Hügel wieder ab.

Vorerst sprach alles für ein VW-Werk in Battlecreek oder Huntsville

Viel sprach in diesem Moment dafür, dass die Hauptkonkurrenten Huntsville oder Battlecreek die zukünftige Heimat für das neue VW-Werk sein würden. In dem Werk für rund 2.000 Arbeiter soll die neue Mittelklasse-Limousine für den amerikanischen Markt produziert werden.

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Mit schwerem Gerät wurde die Baufläche für das VW-Werk Chattanooga begradigt

In Panik, die dritte Vergabe in drei Jahren zu verlieren und Chattanooga damit den erhofften Rückenwind zu nehmen, ging der verantwortliche Gouverneur des US-Bundesstaates Tennessee, Phil Bredesen, aufs Ganze. "Die haben am nächsten Tag damit angefangen, eine Fläche von 1.340 Acres abzuholzen, damit man sich das Gewerbegebiet besser vorstellen konnte," kann Bauleiter Thilo Brockhaus das ganze bis heute noch nicht fassen, "und das ohne jeden Auftrag. Unglaublich." Bagger und schweres Baugerät rollten an, holzten ab und brachten die hügelige Landschaft des ehemaligen Produktionslagers innerhalb von zwei Monaten auf Vordermann. "Hier wurde sieben Tage die Woche, rund um die Uhr mit schwerem Gerät gearbeitet", berichtet Brockhaus, "so etwas habe ich noch nie erlebt."

Die ganze Region feierte das OK. für den Bau des VW-Werkes in Chattanooga

Keine Frage: Chattanooga ging volles Risiko. Man wollte den Auftrag, man wollte das neue VW-Werk um jeden Preis an den verwaisten Tennessee-River holen. Nahezu im Tagesrhythmus schickte man aktuellen Zustandsberichte und Luftfotos nach Wolfsburg, wo man vom Tatendrang der amerikanischen Südstaatler sichtlich beeindruckt war. Über Nacht hatte sich das abgeschriebene Chattanooga auf Platz eins der Setzliste zurückgespielt. Als die Lokalpostille Chattanooga Times Free Press am 15. Juli 2008 mit einer Sonderausgabe vermeldete, dass Volkswagen sich zugunsten der Cho-Cho-Stadt entschieden hatte, feierte eine ganze Region.

Chattanooga ist stolz über die Zusage von VW

Die Sonderausgabe der Tageszeitung hängt zusammen mit der Druckplatte nach wie vor im Büro von Bürgermeister Ron Littlefield. Der grauhaarige Mayor wurde kürzlich für seine zweite Amtszeit bestätigt - der Erfolg bei der VW-Vergabe war dabei nicht ganz unwichtig. "Wir sind natürlich nach wie vor froh und stolz, dass Volkswagen sich für Chattanooga entschieden hat", erzählt der 63-jährige Mayor mit einem Lächeln auf den Lippen. Auf seinem Schreibtisch liegt als Gedankenstütze eine Ausgabe der Huntsville Times. Hier wird auf der Titelseite die Entscheidung zugunsten von Chattanooga beweint.

Das VW-Werk Chattanooga schafft zwischen 15.000 und 20.000 neue Stellen

In den letzten Jahren hat sich Chattanooga mächtig gemausert. Die Arbeitslosigkeit sank auf rund zehn Prozent. "Wir wollen sie in der nächsten Zeit gerne halbieren", hofft Mayor Ron Littlefield, "Untersuchungen haben ergeben, dass uns das neue Werk alles in allem zwischen 15.000 und 20.000 neue Arbeitsplätze in der ganzen Region bringt." Auch Volkswagen ist mit seiner Lokalwahl nach wie vor überaus zufrieden. "Ich habe vorher die Baustellen unserer neuen Werke in Indien und Russland betreut", erklärt Bauleitert Thilo Brockmann, "aber so professionell war noch keiner. Wir haben hier wirklich eine Fünf-Sterne-Baustelle. Innerhalb kürzester Zeit wurde das alles andere als einfache Gelände geebnet. Dafür sind hier Tag für Tag über 350 Riesenbagger unterwegs gewesen. Man hat immer den Eindruck: die wollen wirklich."

2.000 Beschäftigte arbeiten täglich an der Entstehung des VW-Werkes in Chattanooga

"Eine eigene Automobilproduktion made in America ist ein wichtiges Kernelement unserer Wachstumsstrategie auf dem US-Markt. Trotz der derzeitigen Situation auf den Weltmärkten gilt: Der US-Markt wird sich erholen und für diesen Moment ist Volkswagen gerüstet", so Volkswagen-Produktionsvorstand Dr. Jochem Heizmann, "mit unserem neuen Werk in Chattanooga setzen wir ein deutliches Zeichen für Volkswagen, für die Automobilindustrie und für den Bundesstaat Tennessee." Der gute Ersteindruck hat sich nach der positiven Vergabenachricht nicht gewandelt. Tag für Tag arbeiten rund 2.000 Arbeiter daran, dass neue VW-Werk Chattanooga aufzubauen. Die Stützpfeiler für die aufwendige Lackiererei stehen bereits und die meisten Erschließungen sind gemacht.

VW-Werk Chattanooga soll ab Anfang 2011 produzieren

Die Produktion startet ab Frühjahr 2011 mit einer jährlichen Kapazität von bis zu 150.000 Fahrzeugen. Auf dem rund 6,4 Quadratkilometer großen Areal werden Gebäude für Karosseriebau, Lackiererei, Montage sowie für die Verwaltung errichtet. Kernmodell wird eine US-Mittelklasselimousine nach Vorbild des VW Jetta sein, der Jagd machen soll auf Toyota Camry und Chevrolet Impala. 30 Prozent aller Fahrzeuge sollen zudem mit der Clean-Diesel-Technologie unterwegs sein. "Das Werk ist ein wesentlicher Baustein unserer Wachstumsstrategie. Volkswagen bleibt nicht länger Importeur, sondern wird lokaler Automobilhersteller in diesem Markt", so Werksleiter Frank Fischer, "damit geht ein wichtiger Imagewandel einher, die Markenbekanntheit steigt und mit ihr auch der Absatz." Bis 2018 will man in den USA wieder mehr als 750.000 Fahrzeuge verkaufen und an alte Erfolge aus den 80er Jahren anknüpfen.

VW-Werk Chattanooga in perfekter Lage

Doch nicht nur der Enthusiasmus der Chattanooga-Verantwortlichen hat dafür gesorgt, dass das VW-Werk für die neue Mittelklasselimousine hier entsteht. "Die Lage der neuen Fabrik ist perfekt. Wir haben direkte Anschlussmöglichkeiten an die großen Highways und können die Anlieferungen von den Personentransporten trennen. 80 Prozent aller Fahrzeuge werden nach Süden über eine der beiden Bahnlinien abgewickelt. Der Rest geht über Lastwagen", erklärt Organisator Thilo Brockmann, der mit seiner Frau und den zwei Kindern bereits seit Monaten in Chattanooga wohnt. Natürlich geht es bei einer derartigen Vergabe nicht ohne direkte und indirekte Subventionen durch Stadt und Land. Auch hier scheinen sich Chattanooga und der County nach allen Regeln der Finanzkunst attraktiv gemacht haben.

Chattanooga ist Partnerstadt von Hamm in Westfalen

Vergleichsweise zäh verläuft hingegen die Ansiedlung von Zulieferfirmen. "Wir sind mit einigen im Gespräch", so Chattanoogas Bürgermeister Ron Littlefield, "aber bislang hat sich nur die spanische Firma Gestamp angesiedelt. Einige Firmen werden ihre Komponenten wohl aus der Nähe von Tuscaloosa und Spartanburg hierhin bringen." Doch nach dem aufopferungsvollen Entgegenkommen der Stadt dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis im Industriepark weitere Firmen andocken. Eine Affinität zu Deutschland hat Bürgermeister Littlefield nicht nur durch den hellblauen VW Bus, den er zu seiner Studentenzeit fuhr oder seine Frau, die sich jahrelang nur für ihren gelben Beetle begeistern konnte. Seit mehr als 35 Jahren hat Chattanooga eine Städtepartnerschaft mit dem westfälischen Hamm. Wenn das einmal keine guten Vorzeichen sind.

Von am 5. Juli 2009
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