Erprobung am Nürburgring : Entwicklungsfahrten in der Grünen Hölle

Arjeplog, Arizona, Afrika und - ja genau: Adenau. Sucht man auf dem Globus die Brennpunkte der Automobilentwicklung, landet man früher oder später auch in jenem kleinen Städtchen in der Eifel, vor dessen Toren der Nürburgring in das Vulkangestein gebaut wurde.

Denn die legendäre Strecke ist nicht nur die Spielwiese von Rennfahrern und anderen PS-Besessenen, sondern auch Stammplatz der Entwickler. Jahre bevor neue Modelle in Serie gehen, legen die Prototypen und Erlkönige hier in der "Grünen Hölle" der legendären Nordschleife und auf den einsamen Straßen im Niemandsland zwischen Köln, Koblenz und Trier ihre Reifeprüfung ab.

Porsche, BMW, Mercedes und Aston Martin testen in der Grünen Hölle

"Egal ob Kleinwagen oder Sportmodell, für uns ist der Nürburgring fester Bestandteil jedes Entwicklungsprojekts", sagt Opel-Chef Hans Demant, dessen Karriere hier als Mitarbeiter im Fahrversuch begann. "Nirgendwo auf der Welt findet man solch unterschiedliche Fahrsituationen auf einer Strecke. Und nirgendwo sonst werden die Prototypen so stark belastet, wie auf dieser 20,8 Kilometer langen Buckelpiste mit ihren 74 Links- und 73 Rechtskurven", gerät der Manager ins Schwärmen. Nicht umsonst entspreche eine Runde auf der Nordschleife 200 Kilometern in der Wirklichkeit: "Ein Auto, das sich hier bewährt, dem kann auch keine andere Straße etwas anhaben."

Außerdem wissen die Entwickler nach Jahrzehnten Testalltag genau, wie sie die Messergebnisse interpretieren müssen, erläutert Wolfgang Schuhbauer. Er prügelte früher für Jaguar Prototypen durch die "Grüne Hölle" und ist jetzt für Aston Martin tätig. Den Begriff prägte einst der britische Rennfahrer Jackie Stewart, der die Strecke wegen der vielen Waldabschnitte so nannte. "Wir machen hier deshalb auch Tests mit der Kühlung und wissen später genau: Wenn die Temperatur nach zwei Runden Nordschleife in Ordnung ist, beginnt das Auto auch in Dubai oder dem Death Valley nicht zu kochen", sagt Schuhbauer.

Dass Porsche, Aston Martin, BMW oder Mercedes ihre Sportwagen auf der Nordschleife "eichen", verwundert kaum. Doch wer während der Testsaison am Streckenrand steht, sieht auch viele getarnte "Otto Normal"-Fahrzeuge. So hat die Fiat-Gruppe eigens ein Testzentrum am Nürburgring errichtet, in dem auch Kompaktmodelle wie der Fiat BravoKleinwagen wie der Alfa Mito oder Limousinen wie der Lancia Thesis erprobt wurden. "Wir haben hier einen Brückenkopf unserer globalen technischen Entwicklung, an einer der aussagestärksten Teststrecken der Welt", sagt Giorgio Desperati, der das Zentrum leitet. 

Streng geheim: Prototypen-Erprobung in der Eifel

Weil sich die Vorzüge des Rundkurses längst herumgesprochen haben, leben die Dörfer ringsherum mittlerweile weitgehend von der Autoindustrie. In vielen Gewerbegebieten stehen mal mit Flaggen gekennzeichnet und mal dezent getarnt Entwicklungswerkstätten und Testcenter, sagt Renault-Sprecher und Nürburgring-Kenner Thomas May-Englert. An den wenigen Tankstellen sieht man bisweilen mehr Prototypen als Serienfahrzeuge, Kurierdienste übernehmen die interkontinentale Logistik für Ersatzteile und sogar die Abschleppdienste haben sich auf die spezielle Kundschaft eingestellt: Falls mal ein Erlkönig schlappmacht, rücken sie mit Spezialtransportern an, die das Inkognito der Prototypen wahren.

Viele Stellen der Nordschleife können problemlos eingesehen werden, und an der Zufahrt gibt es sogar ein Restaurant mit Aussichtsterrasse. Bisweilen sieht man deshalb bei einem Ausflug in die Eifel mehr Neuheiten als beim Besuch einer Automesse. Dennoch macht die Branche um ihre Arbeit am Ring ein großes Geheimnis. Damit sich Profis und Amateure nicht in die Quere geraten, haben Hersteller und Zulieferer den sogenannten Industriepool gegründet, für den die Strecke oft tage- oder wochenweise gesperrt wird. Schon bei Fragen nach unverfänglichen Details wie der Anzahl der Firmen und Fahrzeuge pro Jahr machen die Unternehmen dicht: "Die Veröffentlichung jeglicher Daten über Erprobungsaktivitäten wird ausnahmslos abgelehnt", blockt ihr Koordinator Karl Taprogge in München ab. 

Landstraßen und Autobahnen als Testareal

Doch es ist nicht die Rennstrecke allein, die es den Entwicklern angetan hat. "Wir finden hier gleich drei wichtige Bereiche für unsere Arbeit", sagt Aston-Martin Testchef Wolfgang Schuhbauer. Neben der Nordschleife rühmt er die vielen meist menschenleeren Landstraßen und die Autobahn ohne Tempolimit. "Mindestens zwei dieser Bereiche sucht man in England vergebens", sagt Schuhbauer und spricht damit auch seinen Kollegen aus den USA oder Asien aus dem Herzen. Manche Hersteller allerdings scheuen die lange Anreise, die Zaungäste und die Beschränkung auf die Industriewochen. Deshalb hat zum Beispiel Honda sechs Kilometer der Nordschleife auf dem eigenen Testgelände in Japan kurzerhand nachgebaut.

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dpa

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