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Oktoberfest

Veterama 2006

Foto: Hardy Mutschler 16 Bilder

Vom Scheunenfund Peugeot 301 bis zum Salonlöwen Rolls-Royce Silver Spirit reichten die Okkasionen auf der Veterama. Ein Rundgang.

17.01.2007 Powered by

TorschluSSpanik zum Saisonende. Wer jetzt kein Liebhaberauto hat, kauft sich keines mehr. Die Veterama, im goldenen Oktober geparkt, ist an appetitlich offerierten Klassikern und Youngtimern reich wie Keller und Speicher an Erntedank. Rund 80 Versuchungen wie etwa Taunus 12M P4, Rekord C, Mercedes Strichacht oder VW 1600 TL warten auf Käufer, sogar zwei Rolls-Royce.

Es ist Samstagmorgen. Kollege Sebastian Renz und ich sind Teil des Getümmels. Unsere Garagen sind schon gut gefüllt – rein beruflich ist unsere Mission, das Angebot hier in Mannheim einmal genau unter die Lupe zu nehmen. Wir haben verschiedene Vorlieben, uns trennt eine Generation in der Straßenbild-Sozialisation. Die Achtziger prägten ihn, die Siebziger mich. Sebastian mag Volvo und VW, vor allem die Busse T1 bis T3, Opel und Land Rover. Ich liebe Mercedes, BMW, Audi, Opel und Ford. Das macht es spannend, unsere Schnittmenge liegt irgendwo zwischen Volvo und Audi. Den 80 GL für 3900 Euro finden wir beide zu teuer.

Im Gespann mit Fotograf Hardy Mutschler, der dokumentiert und bisweilen auch kritisch kommentiert, schlendern wir durch die Reihen. Es hat geregnet, die Wege sind aufgeweicht, die Autos tragen Wasserperlen auf dem Lack. Sie glitzern in der Sonne und werden bis zum nächsten Guss nie ganz trocknen.

Dem kurzen Land Rover 88 Benziner von 1973 für 3800 Euro mit Hardtop macht das nichts aus. Sein Lack ist so stumpf, dass überhaupt nichts abperlt, allenfalls Sand im Wüstensturm. Sebastian fühlt sich vom rustikalen Charme des Arbeitsgeräts magisch angezogen. Sein Besitzer Alexander O’Kelly ist Autohändler und Land Rover-Spezialist. Im Gespräch beschönigt er nichts, nennt offen die Schwachpunkte wie die defekte Synchronisierung des zweiten und dritten Gangs und den schlechten Lack, der die Zuteilung eines H-Kennzeichens beim TÜV verhindert.

Es folgt eine kurze Probefahrt durchs Gewühl. Weiter hinten lichtet sich das Feld, dort parken noch sporadisch die Neuankömmlige, dort ist genügend Auslauf, um den Landy bis in den dritten Gang zu bringen. Sebastian grinst glücklich hinter dem steilen, dünnen Dreispeichenlenkrad: „Ich hätte nicht gedacht, dass sich ein Land Rover so leicht fahren lässt.“ Übermütig dreht er forsch enge Kreise, der Landy nimmt es gelassen hin. Der Motor rasselt ein wenig im Leerlauf, aber das sei normal, sagt O’Kelly. Er hat auch was für mich. Hinter dem Landy lauert der ewige 123er, nein, kein 250 wie sonst immer und beinahe bis zum Überdruss, aber ein 280 E – silberblau, Baujahr 1980 aus der Schweiz, Klima, Velours, Tempomat, knapp über 200 000 Kilometer gelaufen. Ich nehme spontan Platz im straffen blauen Sessel, drehe den Zündschlüssel und der Sechszylinder erwacht spontan zum Leben – wunderbar leise, nicht das übliche Klackern. Ein Schweizer Auto eben, mit Liebe gealtert. 2900 Euro verlangt O’Kelly für das ehrliche Auto, das lediglich am Kotflügel ein paar Rostspuren zeigt.

Sebastian und ich spielen mit dem Feuer, erkundigen uns schon nach einem Geldautomaten. Die Reaktionstemperatur, die zum Spontankauf führt, ist hier in diesem autophilen Milieu schnell erreicht. Das niedliche Ford 12M TS-Coupé aus Holland bezaubert mich, arbeite ich doch seit Jahren daran, einmal ein H-Kennzeichen-Auto zu besitzen. Leider kein Preis dran, Besitzer ist nicht beim Auto. Drüben auf dem Hänger parkt auch ein 12 M P4, leicht restaurierungsbedürftig, aber mit 1500 Euro bei guter Substanz auch ziemlich preiswert. „Ein Schnäppchen?“ ahne ich, doch Sebastian winkt ab. Der Besitzer hängt in der Tür, orgelt mit dem Anlasser, der V4 will nicht anspringen.

Da ist der große weiße Kapitän A, einsam zwischen den vielen Mercedes-Youngtimern, schon eine andere Klasse als so ein verhärmter 12M. „Souverän, leise, stark“, murmle ich vor mich hin, während ich wie in Trance die Fahrertür öffne und mich einfach hineinsetze. Kühnes Blaumetallic als Schmuckfarbe im Innenraum und ein Breitbandtacho im Cinemascope-Format lassen mich träumen.


Hier auf der Veterama gilt: Was interessiert mich mein Geschwätz von vor fünf Minuten? So schnell überholen neue Favoriten die alten, wie jetzt der Kapitän, der dem eben noch probegefahrenen C-Rekord CaraVan eisig die Rückleuchten zeigt. Sebastian kann den Land Rover nicht vergessen. Eifrig sinniert er über Finanzierung und Stellplatz, da rollt von rechts ein VW 1500, in Clementine, in sein Leben – „aus zweiter Hand, 5500 Euro“. Sebastian ist entzückt, aber der Preis turnt ihn ab, und auch die Tuning-Räder passen nicht.

Sebastian kreist noch um den Käfer, da entdecke ich einen Rolls-Royce Silver Spirit. Dunkelblau mit hellblauem Leder, ein Rechtslenker für nur 9800 Euro. Besitzer Michael Elss lächelt nachsichtig, während ich einen Veitstanz um die alternde Diva aufführe.

Vergessen ist der 280 SE W 116 für nur 1850 Euro, für den ich mich vorhin unter einem Vorwand zum Geldautomaten schlich. Es kommt zum Äußersten, zur Probefahrt. Sebastian steigt links zu, nervös steuere ich das Flaggschiff durch die Klippen des Publikums, ein paar Auf- und Abfahrten mit maximal 50 lassen mir das Herz im Leibe hüpfen: diese Mühelosigleit, diese Gediegene, dieses feine Material ringsum. Sebastian ist ebenso begeistert, ängstlich schaut er, wohin ich fahre. Michael Elss bleibt ganz gelassen, auch als ich ihm letztlich absage. Die schönsten Lieben sind eben doch oft die Unerfüllten, auch auf der Veterama.

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