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Oldtimer-Kauf im Winter

Unter Null

Foto: Hardy Mutschler 16 Bilder

Hochnebel, Raureif, frühe Dunkelheit. Das Jahr geht zu Ende.Kein Mensch kauft jetzt noch einen Oldtimer.Was erwartet den, der dies trotzdem tut?

25.01.2007 Alf Cremers Powered by

Diesen Winter im Angebot: Mercedes-Cabrios

Winterpreise gibt es nur beim Autohaus Grünwald. Mit feinem Rotstift haben die Inhaber Peter Liebscher und Thomas Franz zwei Offene zu Beginn der kalten Jahreszeit dezent heruntergezeichnet.

Der zypressengrüne Mercedes 380 SL, ein Schweiz-Import mit wenig Kilometern und braunem Leder, kostet jetzt 19.900 statt 21.900 Euro. Und für das imposante, silberne 220 SEb-Cabriolet der Baureihe 111 verlangen die beiden Exklusiv-Autohändler nur noch 28.500 statt 36.900 Euro. Anders als der fast makellose 380er sucht das bereits geschweißte Cabriolet mittelfristig die Hilfe eines Karosseriebauers.

Motor-Klassik-Experiment


Oldtimerkauf im Winter, der Nachsaison für klassische Automobile, was erwartet da den Kunden? Reihenweise Schnäppchenpreise, viel Zeit für Verkaufsgespräche, Probefahrten und Entscheidungsfindung?

Motor Klassik wagt mit einer ausgewogenen Automobilmischung den Selbstversuch in München und Umgebung.


Englische Winterkatzen

Die Firma M&R in Günding bei Dachau ist Jaguar-Fahrern ein Begriff. Seit 15 Jahren betreibt Klaus-Jürgen Müller zusammen mit Ehefrau Renate den kleinen, aber feinen Restaurierungs- und Reparaturbetrieb für alles, was aus Merry Old England kommt. Vom Vorkriegs-MG bis zum Jaguar XJ-S.

Gerade läuft sich ein Jaguar XK 120 in Competition-Version unter den geschickten Händen des Mechanikers brüllend warm, drüben steht ein MG TD mit abgenommener Zylinderkopfhaube. Die Werkstatt ist liebevoll mit alten Emailschildern und britischen Devotonalien dekoriert.

Klaus-Jürgen Müller vermittelt häufig Klassiker im Kundenauftrag. Seit Neuestem bereichern auch Amerikaner das Sortiment, Müller erholt sich in der lässigen Low-Tech-Atmosphäre seiner 59er Pontiac Catalina "Double Fins" von den Tücken des British Craftsmanship. Der bestechend schöne Jaguar XJ 6 4.2 der ersten Serie drüben in der Halle kommt uns als Rezensionsexemplar gerade recht. Selbstbewusste 14.000 Euro soll er kosten – kein Winterpreis für ein offensichtliches Dreier-Auto mit BMW-Außenspiegeln, dessen Schweller-Spaltmaße nicht optimal verlaufen.


"Reiz der ersten XJ-Serie"

Doch Müller argumentiert mit der Ratio des Technikers sowie mit dem Gespür des Autoliebhabers: "Gun Metal Grey mit rotem Leder, das ist doch ein Traum. Dazu die Reize der ersten Serie, die stolze Frontpartie vom 420, das wunderbare Instrumentenbrett mit den vielen Uhren und Kippschaltern. Zudem ist es ein seltener Viergang-Stickshift mit Overdrive."

Zielsicher trifft der nach Bayern eingewanderte, eloquente und dabei witzige Hesse den empfindlichen Nerv des Limousinen-Fans, der erwartungsvoll zur Probefahrt drängt. "Die rot lackierten Nockenwellengehäuse sind nur ein Schönheitsfehler", räumt Müller bei der Ölstandskontrolle ein.


Über acht Liter Motoröl müssen warm werden

Draußen ist es knapp über null, behutsam zieht er den Choke, spontan springt der Langhuber an und fällt in einen gleichmäßigen Lauf bei 1500 Touren. Weiße Rauchschwaden entkommen den beiden Auspuffrohren. Nach kurzer Warmlaufprozedur, immerhin zirkulieren 8,25 Liter Öl im majestätischen Sechszylinder, geht es auf die Landstraße.

Der Jaguar fährt sich mit seinem sanften Motor und der präzisen Schaltung fast so agil wie ein BMW 528, rollt aber satter ab. Aus der Fahrerperspektive wirkt die stattliche Limousine beinahe zierlich, ist bestens übersichtlich. Im roten Salon des 4.2 Litre erlebt man noch alte Jaguar-Tugenden, der Wagen ist so herrlich anders. Die Probefahrt hat Überlänge – schade, das Auto muss zurück.

Seltener Außenseiter mit guten Genen

Der VW K 70 steht blitzsauber in der Waschhalle. Alfred Hörl legt gerade das Fensterleder beiseite. Er hat ihn hübsch gemacht für den Fototermin. Das war doch nicht nötig, weil die atlanticblaue Mittelklasse-Limousine sowieso im Topzustand glänzt – keinerlei Rost, nirgends. Der zweite Lack strahlt mit der großzügigen Verglasung um die Wette. Er ist nicht perfekt, man sieht es an den Kanten der Hauben und Türen. Erst spät haben wir das konsequente Design des K 70 begriffen. Es stammt von Claus Luthe und hat viel mit dem NSU Ro 80 gemeinsam. Nebenan im Showroom parkt ein weißer Ford Taunus 15 M P6. "Verkauft", sagt er, "für 3.500 Euro". Hörl hat ein Herz für Außenseiter.

Den K 70 hat er von einem Rentner, der ihn kaum fuhr, 61.000 Kilometer in 34 Jahren.Will er ihn wirklich hergeben? 4.555 Euro, beileibe kein Winterpreis, eher ein Ausloten der Möglichkeiten, ein Schmerzensgeld für die Trennung. Alfred Hörl ist ein groß gewachsener, sympathischer Mann Mitte vierzig. Er wuchs mit bürgerlichen Autos wie der Badewanne, dem VW 1600 TL oder dem Audi 100 auf. Er genießt es, ein seltenes Auto zu fahren. Der K 70 ist auf seinen Namen zugelassen. Sein Betrieb war früher eine VAG-Werkstatt mit Tankstelle.


Herrliches Raumgefühl und seltene Ausstattung

Hörl hat Freude am Fachsimpeln über den K 70, kenntnisreich hält er mit. Bittet zum Einsteigen, das feine Velours der Sitze ist schon ein wenig ausgeblichen und der Schaltknauf nicht original. "Ein einfach herrliches Raumgefühl", schwärmt er, während die Fahrertür satt ins Schloss fällt. "Kein Leichtbau wie bei Audi 80 und Passat", fährt er fort. "Ich weiß nicht, ob ich ihn wirklich wegtun soll. Einen so guten krieg ich nie mehr wieder."

Der moderne OHC-Motor hat diesen typischen heiseren NSU-Klang. Hörl bewegt den K 70, seinen K 70, behutsam wie einen Testarossa in der Warmlaufphase – für ihn ist er ebenso wertvoll: "Schiebedach und Nebelscheinwerfer, wann haben Sie das letzte Mal einen K 70 gesehen?"

Drüben in der Lagerhalle steht tatsächlich eine Badewanne in Blassgrün, auch ein BMW 635 CSi der ersten Serie kann inzwischen als Rarität gelten und der sowjetische GAZ-69 M-Jeep von der NVA sowieso. Alle sind zu verkaufen. Auch der üppige silberne Mercedes 300 SEL 3.5 von einem Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate soll weg, für knappe 11.000 Euro. Der schafft immerhin die Überleitung zum nächsten Kandidaten, einen 350 SE in Topzustand für 13.900 Euro. Auch das ist kein Winterpreis.


Der Juwelierladen unter Münchens Autohändlern

Der Autosalon Grünwald empfängt uns mit einem prächtigen Palazzo aus Glas und Granit. Dies ist zweifellos der Juwelierladen unter den Münchner Autohändlern, direkt an Bayerns Goldküste. Exklusive Jungwagen von Jaguar, Bentley und Porsche wetteifern um die Gunst der Käufer. Drinnen im Schein diskret drapierter Spotlichter sonnen sich ein Mercedes 220 SEb-Coupe, ein Low-Mileage 500 SEC des letzten Baujahres und ein ganz später BMW 635 CSi, schwarz, Shadow-Line. Das, was wir suchen, steht im weniger glamourösen Zweigbetrieb in Schäftlarn.

Während sich der Aufbereiter unter grellem Lampenlicht dem Hochglanz-Finish eines Porsche 911 widmet, schreitet Thomas Franz entschlossen zur Mercedes-Phalanx in der vorderen Reihe. Gestatten, von links nach rechts: Pagode 280 SL, 107er-380 SL sowie die beiden S-Klassen 350 SE und 450 SE. Ein astralsilberner 350 SLC im Zustand drei minus muss leider draußen bleiben: "4.000, TÜV neu, und Sie können ihn mitnehmen", sagt Franz lässig, aber nicht verachtend im Vorbeigehen. Es ist ein Wühltisch-Auto, das nicht in den Juwelierladen passt.


Topgepflegtes aus der Schweiz

Die beiden 116er sind schon dank ihrer Metallic-Töne Silberblau und Champagner ein hübsches Paar, das man ungern trennt, beiden kommen aus der Schweiz. Topgepflegte, ungeschweißte Limousinen mit voll gestempeltem Kundendienst- Scheckheft. Der einst teurere und heute begehrtere 450 SE ist sogar mit 9.900 Euro deutlich billiger als sein schwächerer Achtzylinder-Bruder. Thomas Franz erklärt überzeugend warum: "Das H-Kennzeichen macht den 350 SE teurer. Zudem ist es ein frühes Exemplar, was manche Liebhaber honorieren. Dann hat er rund 50.000 Kilometer weniger gelaufen und innen Lederpolster statt Stoff Karo. Der 450er ist übrigens ein spätes 80er-Modell mit der Holzkonsole und allen Verbesserungen aus der Serie."

Thomas Franz ist ein Bilderbuchverkäufer, der sein Handwerk versteht, ohne zu viel zu reden. Offen, kenntnisreich und mit Wortwitz kommt er zur Sache. Auf Schwächen angesprochen, beschönigt er nichts. Er gibt zu, dass der rote BMW 3.0 Si nicht top ist, weil der Lack hier und da Blasen wirft. Er weiß, dass 13.900 Euro das Limit auch für einen nahezu perfekten 350 SE sind – und wenn er innen noch so appetitlich nach Leder duftet.


Rasender Kofferraum für 8.950 Euro

Marco Verzi, Verkaufsleiter im Autohaus Poing, einer ehemaligen Ford Dependance, kann dagegen wenig mit den beiden Oldtimern im Eck seines von Ford Focus- und Seat Leon-Neuwagen dominierten Schauraums anfangen. Ein roter Ford Escort II aus erster Hand im Bestzustand teilt sich die Nische mit einem Opel Rekord P2 Coupé. Wir haben es auf den Rasenden Kofferraum abgesehen, der 8.950 Euro kosten soll. Verzi gibt sich alle Mühe, das seltene Opel Coupé zu erläutern. Seine verbindliche Art überspielt manche Wissenslücke, so ist die zwecks milder Leistungssteigerung nachgerüstete Zweivergaser-Anlage kein Thema.

Verzi weist eindringlich auf das wertvoll mit echtem Leder ausstaffierte Interieur hin, ein Goodie, das Puristen gar nicht so schätzen. Immerhin ist es ordentlich gemacht – der Sattler schaffte es, die schmalen Pfeifen des originalen Kunstlederbezugs perfekt nachzuformen. "Ein Opel-Spezialist war schon da und hat den restaurierten Wagen als ehrlichen Dreier eingestuft", erklärt der Verkaufsleiter noch beim Hinausgehen.


Cadillac - "Standard of the World"

Schon von außen ist die Transformatoren-Halle auf dem weitläufigen Gelände des Bauhofs an der Münchner Brudermühlstraße ein imposanter Anblick. Der massive Ziegelbau sieht aus wie eine Festung. Die Stahltür mit der Aufschrift Auto Expo führt ins geheimnisvolle Innere.

Reiner Königer erwartet uns in einer gewaltigen Kathedrale alter Industriearchitektur. Gedämpftes Licht fällt durchs Dach an den gefliesten Geschossen vorbei auf Königers Auto-Schätze. Königer, ein ruhig und besonnen auftretender Mann, weiß wovon er redet. Er wirkt eher wie ein Museumskurator als ein Autoverkäufer.

"Standard of the World", dieser heute vermessen klingende Slogan der berühmten amerikanischen Automobilmarke, ist sein Credo. Er lebt es, indem er Cadillac aus den USA importiert, vorzugsweise solche der Baujahre 1953 bis 1959. Die Fleetwood und Eldorado der Serien 60 und 62 haben es ihm angetan, speziell die bildschön geformten Hardtop-Coupés. "Das war die Blütezeit des amerikanischen Automobilbaus", schwärmt Königer, "beste Materialien, massives Alu, reinstes Stahlblech, fortschrittlichster Bedienungskomfort. Alles funktioniert elektrisch – Sitzverstellung, Fensterheber, das Magic Eye zum Abblenden des Innenspiegels, Klimaanlage und dazu die Luftfederung."


Mit Hair-Flair: Kay Coles Eldorado Seville Hardtop-Coupé

Der sonst so besonnen wirkende Mann ist ganz in seinem Element, nach und nach deckt er seine Schätze auf. Etwa den bestechend authentischen 58er Eldorado eines Reverend aus Arizona im unrestaurierten Originalzustand für 38.000 Euro. Oder die soeben aus Bremerhaven eingetroffene 53er Fleetwood-Limousine. Er bewundert den Auto-Designer Harley Earl: "Er war der Größte, hat sich niemals um Konventionen gekümmert – seine Dream Cars sind legendär."

Sein Favorit ist das silberne 58er Eldorado Seville-Hardtop- Coupé, unrestauriert mit 1a-Historie. Erstbesitzer war der berühmte Choreograph Kay Cole, der das Musical Hair einstudiert hat. Der Auslieferungszettel klebt noch auf dem Frontblech. Stolze 77.000 Euro Schutzgebühr verlangt Königer für diesen Traum auf vier Rädern, damit er ihn noch lange genießen kann. Andere fahrbereite Cadillac im Sortiment beginnen bereits bei 10.000 Euro. Mit Geschick bugsiert Königer das Riesenschiff aus der Lücke in der riesigen Halle. Bereits vor fünf Minuten ließ er den Motor an, langsam pumpt der Kompressor Luft in die Federbälge.


Luftgefederte 285 PS-Sänfte

Wie von Geisterhand bewegt kommt der Wagen aus den Federn. Eine Probefahrt mit Fahrerwechsel macht den Vorsprung der Amerikaner zu der Zeit deutlich. Alles geht spielend leicht – von der sehr indirekten Lenkung über das Gaspedal bis hin zum Bremsservo.

Bereits ein sanftes Antippen des riesigen Bremspedals bringt das Auto abrupt zum Stehen. Das Raumgefühl ist gigantisch, die Glitzerwelt des Instrumentenbretts imposant. Beifahrer Königer sitzt jetzt fast auf der anderen Straßenseite. Die Panoramascheiben lassen das Dach beinahe vergessen. Flüsterleise setzt sich der Wagen in Bewegung. Der Achtzylinder nuschelt nur, schüttelt sich die 50, 60 km/h gelassen aus dem Ärmel. Das Fahrerlebnis ist ganz großes Kino in Cinemascope.

Königer ist erleichtert, dass die unsägliche Welle der rosa 58er und 59er Cadillac langsam abebbt. Er würde die majestätischen Automobile nie zum Show-Car degradieren, sondern er bewundert sie als Gesamtkunstwerk.

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