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Oldtimer als Kunstobjekte mit religiösen Motiven

Schräge Freilichtsammlung am Salvation Mountain

Salvation Mountain Cars, Truck Foto: Gregor Hebermehl 67 Bilder

Gottes Fuhrpark steht in der Wüste Kaliforniens: Am selbst erbauten Salvation Mountain hat der Künstler Leonard Knight alte Autos mit Fensterkitt, Patronenhülsen und religiösen Sprüchen verziert. Bilder vom schrägen Kunstpark der Erleuchtung.

02.12.2016 Gregor Hebermehl

„Bleibt auf dem gelben Weg, respektiert das Kunstwerk.“, brüllt die füllige Lady einmal mehr zu den japanischen Touristen hinüber. Der Salvation Mountain liegt in der Wüste, ganz im Süden Kaliforniens, nur 70 Kilometer von der mexikanischen Grenze und ein paar Fahrminuten vom Südostufer des umgekippten Salton Sea entfernt. Der Berg wurde 28 Jahre lang (1984 bis 2006) von Leonard Knight aus Lehm gebaut und mit Latexfarben bemalt – als religiöser Ort in der Einöde.

Sein 2014 verstorbener Erbauer lehnte noch jede Art von Spenden ab, um vollkommen unabhängig zu bleiben. Heute werden nicht nur Geld, sondern auch Latexfarben und Futter für die auf dem Gelände lebenden Katzen gerne als milde Gabe genommen. Bunt und mit einem im Automobilbau eher ungewöhnlichen Werkstoff hat Knight auch seine Autos in das Areal integriert.

Fensterkitt, Patronenhülsen und Bibelsprüche auf Autos

Ob Bibelverse, Liebesaufrufe oder Ornamente: Knight nutzte klassischen Fensterkitt, um seine Autos zu modifizieren. Den trockenen Kitt hat der Künstler dann mit Farbe überzogen. Gleich am Eingang wartet links ein alter weißer Lkw. 1939 von der Firma White gebaut, war er früher als Firetruck unterwegs, jetzt ist er eine Art Wohnmobil-Arche mit bemalten Reifen. Ähnlich auffällig umgebaut ist der Truck rechts vom Eingang. Seine am Heck vergitterte Kabine offenbart einen fortgeschrittenen Verrottungszustand. Dahinter reckt ein kleiner Schaufelbagger-Traktor seine „Love“-Schaufel in die Luft.

Salvation Mountain Cars, Ford PintoFoto: Gregor Hebermehl
Dieser Ford Pinto gehört zu den heiligen Autos am Salvation Mountain.
Diese Autos mag der Herr 41 Sek.

Die resolute Dame hat ihren Salvation-Mountain-Informationsstand direkt neben Knight‘s Jeep Grand Wagoneer aufgebaut. Fliegende Vögel hat Knight an die vorderen Kotflügel des Jeep gemalt, der Innenraum scheint inzwischen ein Lager für Farben und Baumaterialien zu sein. Nicht nur amerikanische Fabrikate stehen in Gottes Fuhrpark, auch ein Toyota Corolla Station Wagon hat es bis zum Berg des Heils geschafft. Aber das scheint nicht der Grund zu sein, warum hier so viele japanische Touristen herkommen.

Designer-Mäntelchen im Wüstenstaub

Vorbehaltlos lassen sich besonders die Japanerinnen mit ihrem gefühlt 4.000 Euro teuren Outfit in den Wüstenstaub sinken, um adrett für ein schickes Foto mit Salvation-Mountain-Hintergrund zu posieren. Auch junge Paare hoffen durch einen Besuch beim Wüstenberg offenbar auf ewige Liebe und lassen sich gemeinsam vom Selbstauslöser oder Freunden ablichten. Die Autos finden als Teil des Ensembles eher weniger Beachtung. Und Fragen kann die Berg-Wächterin nicht mehr beantworten: Gerade musste sie sich intensiv mit einem Japaner streiten, der partout nicht auf dem gelben Weg bleiben wollte. „Ich rufe jetzt die Polizei.“, schreit sie und stapft wütend in das zum Berg gehörende höhlenähnliche Hallensystem. Nur ab und zu hört man sie noch aus dem Berg rausbrüllen, zu sehen ist sie nicht mehr. Die Polizei hat sie nicht gerufen.

Salvation MountainFoto: Gregor Hebermehl
Bunter Berg: Den in der kalifornischen Wüste gelegenen Salvation Mountain hat Leonard Knight in jahrzehntelanger Arbeit erschaffen.

Am Höhlenberg leuchtet ein von einem Künstler bewohntes Airstream-Wohnmobil. Die Aluminium-Haut des Kult-Caravans ist nicht mehr zu sehen – Knight hat alles mit Farbe überzogen. Die Eingangstür ist mit „Jesus steht an der Tür und klopft.“ beschriftet. Ein üppig verzierter Ford Pinto und ein Anhänger, der an eine Gulaschkanone erinnert, komplettieren das Kunstwerk.

Kein Hippie-Leben

So bunt der Salvation Mountain auch sein mag, er ist kein Ort für klassisches Hippieleben. „Keine Drogen und kein Alkohol.“, fordern mehrere Schilder. Selbst wenn demnächst in Kalifornien der Marihuana-Konsum auch für nichtmedizinische Zwecke freigegeben wird, wünscht man sich am Salvation Mountain offenbar den eher nüchternen Betrachter. 2002 erklärte die kalifornische Senatorin Barbara Levy Boxer (Demokraten) den Berg zum „Nationalen Kulturgut“. Mitte der 1990er Jahre waren mehrere regierungsseitige Versuche gescheitert, das Kunstprojekt zu schließen. Ein paar Meter weiter in Slab City herrscht ebenfalls eine gewisse Ordnung – ein Schild warnt: In Slab City gilt das gleiche Recht wie außerhalb von Slab City. Und auch dort hat der „Herr“ Autos stehen – in East Jesus.

Slab City ist gar keine Stadt, eher eine weitläufige Camping-Fläche ohne Strom- und Wasseranschluss. Hier hat die US-Armee vor Jahrzehnten eine Basis aufgegeben. Die verbliebenen Betonplatten (Slabs) gaben dem neu entstandenen Winter-Zufluchtsort ihren Namen. Denn: Immer mehr Menschen kamen während der kalten Jahreszeit aus dem Norden in den mollig warmen Süden. Und nur einen Steinwurf vom Salvation Mountain entfernt funkelt der Bedazzled Truck (geflochtener Truck) in der Sonne. Tausende Getränkedosen-Verschlüsse formen Ornamente und auf der Ladefläche stehen drei Ventilatoren im Wind. Über den Ventilatoren thront ein Lenkrad und wartet vielleicht auf einen göttlichen Eingriff. Das „zu verkaufen für 100 Dollar“-Pappschild ist Teil des Kunstwerks und nicht als Verkaufsofferte für den kaum noch wiederzuerkennenden Ford Ranger gedacht.

Salvation Mountain Cars, Slab City, Bedazzled Truck, Ford RangerFoto: Gregor Hebermehl
Nur einen Steinwurf vom Salvation Mountain entfernt: Der Bedazzled Truck (geflochtener Truck).

Jesus‘ Fuhrpark

Eine Minute Fahrt weiter nördlich endet der Asphalt vor einem Wegweiser: Rechts geht es zur Bibliothek, links nach East Jesus. Und die Erbauer von East Jesus dachten sich anscheinend: Jesus braucht Autos. Sein Honda Civic Sedan, der jetzt per Nummernschild „Mutagen“ heißt, ist überzogen mit Schaltkreisen. Und was nach Patronengurten aussieht, erweist sich bei näherer Betrachtung als Anhäufung hunderter rostiger Kohlendioxid-Patronen, wie sie beispielsweise in Wassersprudlern zum Einsatz kommen.

Außerdem warten zwei sich wild paarende VW Käfer, ein abgebrannter Mercedes W116 und ein in fetziger Blitzoptik bemalter Nissan Pathfinder in East Jesus auf Jünger. Und das Hippie-Auto schlechthin, der VW Bulli, ist auch da. Verziert mit bunten Schrotpatronen-Hülsen soll er mit seinen kleinen Außen-Laternen vielleicht die Erleuchtung bringen.

Im Reich der Aluminiumhüte

Auf der Rückfahrt nach fünf Minuten bietet sich ein Stopp in Niland an – wenn überhaupt, dann ist der Ort als Eisenbahn-Knotenpunkt für Güterzüge bekannt. Kurz in den Laden, Getränke kaufen – schnell, schnell, schließlich geht gleich die Sonne unter und es wollen noch die blubbernden Mud Volcanoes (Schlamm-Geysire) am Südufer des Salton Sea besucht werden. Aber lohnt sich das? Auf Nachfrage meint ein Mann, der mit seinen Einkäufen aus dem Laden kommt, noch nie von diesen „Mudpots“ gehört zu haben. Er betont, dass er in der Gegend wohnt und alles kennt. Du zeigst ihm Deine handgeschriebene Notiz: „Bubbling Mud Pools“. Der Mann, Ende 50, beige Stoffhose und ein weißes Hemd, das eine Wäsche vertragen könnte, ist wie elektrisiert: „Ahhh, ob Sie es glauben oder nicht, hier gibt es jede Menge Spione. Wir nennen sie ‚Hogs‘ (Schweine). Diese Spione wollen nicht, dass fremde Leute in diese Gegend kommen. Deshalb verbreiten sie falsche Informationen über dieses Gebiet. Gut, dass Sie mir den Zettel gezeigt haben – jetzt weiß ich, dass die Desinformationskampagne begonnen hat.“

Leider lacht der Mann nicht und Du weißt: Du hast heute den falschen angesprochen. Du antwortest mit einem knappen „hm“. Aber es ist noch nicht vorbei: „Ich weiß auch, dass die Deutschen nicht den zweiten Weltkrieg begonnen haben. Ich habe alles darüber gelesen, ich weiß Bescheid.“ Du antwortest nur noch „okayyy“. Doch Du bekommst ungefragt geheime Informationen: „Washington war es.“ Dann geht der Mann zu seinem SUV, verstaut die Einkäufe und braust davon. „Wunderliche Menschen hier“, denkst Du Dir, „was für eine Aluhut-Gegend.“. Dann ab in Deinen Pick-up, 30 Minuten durch die tiefste Dunkelheit Richtung Norden, links immer das Ufer des jetzt nicht mehr sichtbaren Salton Sea. Vor Dir schlängelt sich das leuchtend gelb reflektierende Mittelstreifenband entlang und Dir kommen während der gesamten Fahrt nur zwei Autos entgegen. Das entspannt.

Alle Heiligen Autos rund um den Salvation Mountain finden Sie in unserer Bildergalerie.

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