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Oldtimer unter Wasser

Nasse Gräber

Foto: Paul Munzinger 24 Bilder

Ob im Roten Meer, der Philippinischen See oder dem Pazifik: Überall findet man Friedhöfe mit Autos, LKWs oder Motorräder unter den Wellen. Paul Munzinger tauchte für uns ab.

14.03.2007 Powered by

Fast magisch zieht es Taucher aus aller Welt zur englischen Thistlegorm im Roten Meer, die seit über 45 Jahre am Eingang des Golfs von Suez auf ewig begraben liegt. In einem großen Geleitzug warteten die Engländer im Oktober 1941 in der Straße von Gubal auf ein Zeichen, endlich ihre hoch brisante Ladung im Hafen von Tawfiq löschen zu können. Doch es kam anders: Das schwimmende Waffen-, LKW-, Motorrad- und Eisenbahnarsenal, das für den Nachschub in Nordafrika bestimmt war, hatten deutsche und italienische Fernaufklärer längst entdeckt, denn der Konvoi war nur schwer zu übersehen.

Die Thistlegorm im Roten Meer
Der Angriff in den frühen Morgenstunden kommt für die Seeleute völlig überraschend. Einige liegen in Hängematten an Oberdeck, denn unter Deck ist es kaum auszuhalten. Die Uhr zeigt 1:30 Uhr, 6. Oktober 1941. Einige Seeleute vernehmen gerade noch ein Brummen, dann jagt schon ein Bomber im Tiefflug über sie hinweg. Doch niemand will an den Feind glauben, auch niemand im Kreuzer HMS Carlisle, der Wache halten soll. Man ist zwar in Alarmbereitschaft, doch nicht in Feuerbereitschaft.

Bevor die Heinkel über die Thistlegorm fliegt, klinkt sie die beiden Zweitonnenbomben aus: Getroffen! Eine riesige Explosion folgt, Chaos an Bord, Tod, Feuer, Detonationen. Denn die Munition, Minen und Bomben gehen natürlich alle in die Luft. Das schwer getroffene Schiff klappt wie ein Taschenmesser zusammen und versinkt Überlieferungen zufolge recht schnell.

Von Cousteau dokumentiert
Als erster tauchte Cousteau mit seinem Calypso-Team im Jahre 1956 ab und fand das Schiff "fast unversehrt“ vor: Die 131 m lange und 18 m breite Thistlegorm ruht imposant auf etwa 28 m Tiefe aufrecht im Sand und ist mittlerweile "das Wrack" im Roten Meer, quasi das Mekka für Wrack-Enthusiasten. Der Taucher-Run war so stark, dass die ägyptische Regierung den Schiffsfriedhof bald als Denkmal unter Schutz stellte. Doch einige Sammler konnten es trotzdem nicht lassen. An den Lastwagen von Ford, Bedford und Tilling Stevens und den drei verschiedenen Motorradtypen BSA, Norton und Matchless wurde geschraubt und gesägt. Selbst die Lokomotiven, Schlepptender und Panzer, die noch an Oberdeck stehen, waren nicht mehr sicher.

Natürlich ist es unter Strafe verboten, aber manche scherten sich einen Teufel drum und gingen mit Plastiktüten und Schraubenschlüsseln bewaffnet zum Tauchgang. Verantwortliche Tauchführer schauten einfach weg. Seit ein paar Jahren aber wird den Tauchern nun genauer auf die Finger geschaut. Das ist auch gut so. Denn das Schiff ist bis heute schauriger Attraktionspunkt der Region und jeder will zumindest einmal den Eintrag Thistlegorm im Logbuch haben. Tagtäglich suchen etliche Taucherschiffe den Top-Spot auf. Dennoch hat das Wrack absolut nichts an Faszination eingebüßt, es ist ein Adrenalinspot! Mehr noch: Je länger man sich mit der Geschichte und der Ladung beschäftigt, umso interessanter wird alles.

Künstliche Riffe vor Dauin
Stille Zeitzeugen des 2.Weltkrieges sind ebenfalls viele Wracks auf den Philippinen. Ein grausamer Kriegsschauplatz war die Bucht von Coron, in der eine ganze Schiffsarmada liegt, ebenfalls beladen mit Fahrzeugen aller Art. Doch auch eine andere Art von nassen Gräbern ist höchst interessant im Taucherparadies: Es sind die künstlichen Riffe vor Dauin auf der Insel Negros. Hier muss nicht zwanzig Meter durchs freie Wasser abgetaucht werden, sondern recht gemütlich geht's vom Strand mit den Sea Explorers auf eigene Entdeckungstour. Rechts herum sieht man ein Autowrack plus Ersatzteillager, links herum taucht man zum Reifenriff. Aber warum bringt man absichtlich diesen Schrott unter die Wellen, etwa zum billigen Entsorgen?

Weit gefehlt, der Grund hier ist ein anderer: Über das künstliche Riff wurden zusätzlich Besiedlungsmöglichkeiten für Unterwasserfauna und Fische geschaffen, dass dabei ein formidables Tauchrevier mit einsprechender Anziehungskraft auf die Szene heraus sprang - umso besser. Ausgediente Auslegerboote, aber auch ausgeschlachtete Autos, in denen selbstverständlich keine Öl- oder Benzinrückstände mehr waren, wurden versenkt. In Nullkommanichts wurden die Skelette der Moderne von Fischen, Krebsen und Schnecken besetzt und sind nun richtige Oasen. Und: Diese Plätze fungieren heute sogar als Kindergarten der Fische und dienen somit zur Stabilisierung in Punkto Fischaufkommen. Denn wie so oft leiden viele Meersgebiete an Überfischung, nicht nur in Asien.

Seltene Geisterpfeifenfische bewachen nun einen ausgedienten Toyota Pickup, auf der Kühlerhaube grasen Nacktschnecken, im Fahrgastraum lauern Anglerfische auf Beute. Rundherum ziehen verschiedene Fischschulen umher, in die torpedoartig Makrelen im Jagdfieber einschlagen. Ein paar Meter weiter das gleiche Szenario an ausgedienten Tanks. Drinnen haben sich ein paar Schleimfische häuslich eingerichtet, draußen thront ein farbenfroher giftiger Seeigel, auf dem selbst wieder eine Garnelenfamilie in Symbiose lebt. Gleich daneben filtert ein Haarstern das nährstoffreiche Wasser, eine herrliche Weichkoralle scheint in der Blüte ihres Lebens zu stehen. Wahrlich und kaum zu übersehen: Zwischen dem "Zivilisationsmüll" lässt es sich prächtig leben!

Einen Tick noch besser im Reifenriff. Hunderte von ausgedienten Reifen wurden in einem Gemeinschaftsprojekt zwischen Deutschem Entwicklungsdienst, der Ortsverwaltung und den Tauchbasen zu einem wahren Erlebnislabyrinth versenkt. Es wurden Reifenkreuze konstruiert und abgefahrene Slicks sind nun ideales Habitat für allerlei Meersgetier. Einen kleinen Haken hat die Sache aber doch: Man muss die Tarnmeister erst einmal entdecken. Mit alten Autoantennen zeigen einem die Tauchguides Geheimnisse. Bald weiß man selbst, wie und wo man genauer hinschauen muss: auf den finster aussehenden Schlangenaal, die Anemone mit ihrer Partnergarnele, die Tarnkrabbe in der Koralle, den Himmelsgucker im Sand oder auf fressende Seesterne, um nur einige zu nennen.

Um die Insel Dauin ist ein Riesenaquarium entstanden
Dauin auf der ehemaligen Zuckerrohrinsel ist wahrlich ein Riesenaquarium geworden, auch Dank ausgedienter Fahrzeuge und deren Teile. Erstaunlich, was die Natur in einigen Jahren daraus gezaubert hat.

Truk Lagoon: Wrack- Mekka im Pazifik
Der große Luftangriff auf die japanische Flotte fand am 17. und 18. Februar 1944 statt, zwei Wochen zuvor entdeckte eine B 24 aus 20.000 Fuß die Flotte. Es waren 20 Zerstörer, 10 Kreuzer, 12 U-Boote und mehr als 50 riesige Handelsschiffe, alle voll gepackt mit Kriegsmaterial wie Panzer; LKW, Autos, ganze Flugzeuge und hunderte Tonnen an Munition und Bomben. Der Überraschungsangriff gelang, mehr als 100 Flugzeuge fielen über die Inseln her. Neun weitere Flugzeugwellen folgten und insgesamt waren es dann 450 Flieger, die sowohl die Inseln als auch die Schiffe in Schutt und Asche legten. Dreißig Stunden herrschten absolutes Chaos, es war der Gegenschlag zu Pearl Harbour.

Unumstritten gilt Chuuk, besser bekannt unter Truk Lagoon, als der ultimative Platz für das Wracktauchen weltweit. In der etwa 65 km breiten Lagune oberhalb des Äquators liegt eine Geisterflotte gut geschützt durch ein 250 km langes Barriereriff und zwischen zwölf bergigen Inseln. Die meisten rostenden Schiffsriesen liegen in Tiefen zwischen 20-30 Meter und wurden durch Bojen markiert.

Gäbe es nicht diese "Ship Wreck City", gäbe es hier wohl kaum Touristen. Der Grund: Weder lange und traumhafte Strände noch kulturelle oder sportliche Angebote und ganz zu Schweigen von eventuellen Gaumenfreuden erwarten die Besucher. Also nichts, was einen Jahresurlaub rechtfertigen könnte. Und die Einheimischen scheinen in eine Art fettleibige Lethargie gefallen zu sein, die eindeutig auf ihre amerikanischen Freunde zurückzuführen ist. Erstaunlich, dass sie sich sichtlich wohl dabei fühlen. Manche Madonnen in diesem Matriarchat passen schon nicht mehr ins normale 4-türige Auto. Doch kein Problem: man verfrachtet sie deshalb einfach auf die Ladefläche der Pickups.

Trotz Schutz werden die Wracks immer leerer
Im Jahre 1971 wurde die ganze Lagune des Wrackmekkas zum "Underwater Historical Monument" erklärt und darf nur noch mit einheimischen Führern betaucht werden. Gerade sie sollten darauf schauen, dass niemand von den Touristen was mitgehen lässt. Doch es ist ein offenes Geheimnis: Die Wracks werden immer leerer, denn manche Dinge lassen sich gerade an die Japaner ganz gut verklopfen.

Die Schiffe, einst Design von Menschenhand, sind heute Design der Natur. Jedes Wrack ist eine Reise in die Vergangenheit, ein Museum für sich und ein Abenteuer zugleich. Maritimes Leben hat jede dieser offenen Wassergrabstätten besetzt, jeder Tauchgang ist ein Spaziergang durch einen farbenfrohen Friedhof der Geisterflotte.

Farbenfrohe Geisterflotte
Die Namen der untergegangenen Schiffsriesen, die teilweise bis 150 Meter lang sind, tragen Namen wie Shinkoku Maru, Fujikawa Maru, Nippon Maru, Yamagiri Maru, San Francisco Maru, Fumitsuki, Aikoku Maru und viele mehr. Aber auch abgestürzte Flugzeuge liegen unter der Wasseroberfläche: Betty Bomber, Emily Fying Boat oder z. B. Kate Torpedo Bomber. All diese gehören quasi zum taucherischen Pflichtprogramm.

Zu den faszinierendsten Schiffsleichen hier zählt die San Francisco Maru, ein Passagier-Cargoschiff von fast 130 Meter Länge. Der von Kawasaki Dockyard gebaute Pott ruht auf fast 70 Metern Tiefe. Ab etwa 30 Meter wird's für Taucher interessant. Im Laderaum sind Panzerlastwagen und auf Deck stehen steuerbords zwei Panzer übereinander und ein freistehender auf Backbord. Auch einen Isuzu Lastwagen gibt's auf Deck. Tausende Glasfische bewachen die gut erhaltene Kriegsmaschinerie. Übrigens: Fast alle Wracks hatte auch wieder Cousteau entdeckt. Und sie alle sind natürlich Oasen in der Lagune und werden von Fischen umschwärmt, von kleinen friedlichen bis hin zu großen Räubern wie Grauen Riffhaien.

Leider wird der weltgrößte und schönste Schiffsfriedhof nicht auf alle Ewigkeit zu betauchen sein, denn bekanntlich sind die Kolosse aus Stahl. Und der rostet, wenn auch nur langsam. Bei einigen allerdings hat der Zahn der Zeit schon ganz schön genagt, denn Masten sind bereits zerbrochen Decksaufbauten eingestürzt. Was für Taucher heißt: Nix wie hin, bevor es zu spät ist.

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