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Opel Astra Cabriolet

Kein Old- oder Youngtimer, sondern Alltimer

Opel Astra Cabriolet Foto: Hardy Mutschler 6 Bilder

Das Astra Cabriolet von Opel ist nicht Oldtimer, nicht Youngtimer, einfach nur Alltimer. Seine Stunde könnte noch kommen, meint Klaus Westrup und berichtet über persönliche Erfahrungen mit einem 14 Jahre alten Exemplar.

07.09.2009 Klaus Westrup Powered by

"Das ist ja mal ein hübsches Cabrio", bemerkt die Ehefrau angesichts des ersten Testwagens. Hinter dem Kompliment steckt eine unterschwellige Kaufdrohung. Opel ist Mitte der neunziger Jahre in einer schweren Qualitätskrise, und so geht die Antwort leicht über die Lippen. "Es ist aber ein Opel!" "Macht nichts", kommt das imagebereinigte Kontra, "er würde mir auch gefallen, wenn er von Lada wäre."

Wir kaufen einen im Januar 1995, die Opel-Krise hat ihren Höhepunkt erreicht. Händler Svante Späth aus dem badischen Bad Rappenau erzählt unter der Hand, dass sich Opel-Fahrer am Stammtisch für ihre Wagenwahl rechtfertigen müssen. Die Farbwahl ist einfach, denn attraktive Farben gibt es nicht. Schwarz scheidet aus, zu modisch, Weiß ist noch nicht in. Ein metallisches Grün wirkt wie Kuhfladen, ein rötlicher Metallic-Ton passt zur Haustür.

Welche Ausstattung? Das sogenannte Elektro-Komfort-Paket mit elektrisch einstellbaren Spiegeln, Zentralverriegelung, Diebstahlwarnanlage und elektrisch betätigtem Faltdach kommt nicht in Frage - zu teuer, wahrscheinlich störanfällig. Ledersitze, das qualitativ hochwertigere und nobler aussehende Stoffverdeck sollen ruhig sein, auch um den Wohnküchen-Charakter des braven Astra-Interieurs zu entschärfen. Die schlicht gestylten Leichtmetallräder mit der 195er-Bereifung gehen ebenfalls durch. Im Übrigen: kein Radio - womöglich der Gipfel des Individualismus.

Die Wahl des Motors fällt auf den 1,6-Liter mit 71 PS

Bei der Motorfrage plädiere ich für den kleinen 1,6-Liter mit zunächst 71 PS. Einwände, das immerhin 1.150 Kilo schwere Cabrio könne damit untermotorisiert sein, werden argumentativ entkräftet, der Porsche 1500 Super hatte schließlich auch nur 70 PS, die spätere "Dame" mit 1,6 Liter Hubraum sogar nur 60. In einem Kurztest des 1,6-Liter-Cabrios schrieb ich, dass dieser Astra genauso temperamentvoll ist wie der alte Einstiegs- Porsche und mit 170 km/h sogar ein bisschen schneller. Es liegt am guten cW-Wert von nur 0,33, bei Offen-Autos außergewöhnlich. Auch in der Beschleunigungselastizität ist der Sechzehnhunderter nicht schlechter als der einstige Zweiliter, der später durch einen brummigen 1,8-Liter-Vierventiler mit ebenfalls 115 PS ersetzt wird. Die Übersetzung macht den Ausgleich. Der Kleine ist richtig übersetzt, der Große zu lang.

Die Überführungsfahrt steht an, Abholort ist Rüsselsheim. Ich habe schon lange kein neues Auto mehr gekauft, freudige Erregung macht sich breit. Andererseits auch ein wenig Beklemmung. Neue Autos müssen nicht zwangsläufig störungsfrei sein, ein Opel vielleicht erst recht nicht. Ein älterer Mann in grauer Werkskluft übergibt den rötlich schimmernden Astra, erklärt vorsorglich, wo die Gänge liegen, es sind immerhin fünf. Dann hinaus in den ungemütlichen Januartag, es regnet, kein Cabrio-Wetter. Ein paar Ampeln, dann Autobahn Richtung Stuttgart. Alles funktioniert, sogar der Scheibenwischer. Komisch, sage ich mir, dass man über Opel so schlecht redet. Dieser hier läuft. Wir fahren Einfahrtempo 100, das neue Auto soll es gut haben.

Dem Opel Astra Cabriolet fehlt das Getriebeöl

Doch dann, nach den ersten 30 Kilometern, ein leiser Sington. Das Überwechseln vom vierten auf den fünften Gang scheint auch ein wenig schwerer zu gehen als noch in Rüsselsheim - Besorgnis kommt auf. Der fremde unbehagliche Ton wird stärker, das Radio kann es nicht sein, denn es gibt keins. Irgendetwas stimmt nicht. Der Motor? Nein. Die Kraftübertragung? Eher. Man muss nachsehen, die Überführungsfahrt endet nach 120 Kilometern in einer Opel-Vertretung. Das fremde Laufgeräusch hat an Härte zugelegt, klingt bösartig. Hebebühne, Ölstandskontrolle im Getriebe. Die Öffnung ist trocken, eine Ablassschraube wie bei allen neuzeitlichen Getrieben, nicht mehr vorhanden. Um sicherzugehen, öffnet der freundliche Meister die mit unzähligen Schrauben versehene Abdeckplatte. Vorwurfsvoll starren die blau angelaufenen Zahnräder ins Freie.

Kein Tropfen Öl im Getriebe. "Das wäre bei einer japanischen Marke nicht passiert", sage ich dem Mechaniker. Er nickt stumm. Bei Opel ist man bestürzt, vermutlich ist dieser Astra nicht der Einzige, der ohne Getriebeöl ausgeliefert wurde. Das Auto kommt zurück ins Werk, klassischer kann ein Garantiefall ja kaum sein. Der anfänglichen Verärgerung weicht Ruhe; das brave Opel-Getriebe hat 120 Kilometer ohne Schmierung durchgehalten, wie lange wird es erst mit Öl halten? Ein Angebot, das reparierte Auto per Fahrer zu überstellen, lehne ich ab. Vielleicht ist dieses Astra Cabrio das einzige Auto der Welt, das zweimal im Werk abgeholt wird - wieder mit Einfahrtempo, diesmal pannenfrei.

Die Ehefrau freut sich, an seiner Schönheit hat sich ja nichts geändert. Dass anstelle eines beigefarbenen 2 CV nun ein neues Cabrio vor dem Fachwerkhaus steht, bemerkt auch der Nachbar, der früher selbst Opel fuhr. Endlich hätten wir ein standesgemäßes Auto, kommentiert er den Neukauf. Ex-Kollege Manfred Jantke, in den Siebzigern Pressechef und Rennleiter bei Porsche, fragt bei einem zufälligen Treffen nach der privaten Motorisierung.

Das Opel Astra Cabriolet ist zuverlässig

Wir sitzen im Stuttgarter Restaurant Da Franco, und ich verrate schonungslos die Wahrheit: "Ein Astra Cabrio." Er setzt die Gabel ab, versteinert. "Wie entsetzlich", entfährt es seinen blutleeren Lippen. Die Jahre und Kilometer gehen ins Land, der Getriebe-Schock ist längst Vergangenheit, im Gegenteil macht das Auto dem alten Opel-Slogan von der Zuverlässigkeit alle Ehre. Es springt immer an, läuft und läuft, verbraucht im Sommer sieben Liter auf 100 Kilometer, im Winter acht. Das Verdeck ist nach 14 Jahren ohne Garage unansehnlich geworden, aber immer noch dicht. Die Spur musste einmal justiert werden, der Thermostat gewechselt, die Vorderachse brauchte einen neuen Spurstangenkopf.

Der einzige größere Schaden deutet sich bei Kilometerstand 93.000 durch mangelnde Heizwirkung und Wasserverlust an. Es könnte die Zylinderkopfdichtung sein. "Achten Sie drauf, ob er morgens nur auf drei Zylindern läuft", sagt Werkstattmann Peter Kühner. Schon beim nächsten Kaltstart bestätigt sich die Diagnose. Mit rund 400 Euro bleibt dies im Verlauf der zurückgelegten 120.000 Kilometer der größte Reparaturposten.

Zufriedenheit macht sich breit, bis heute. Der Opel aus den Krisenjahren ist weder durchgerostet noch hat er mechanische Probleme gezeigt. In seiner Unauffälligkeit liegt ein spezieller Reiz, auch in seiner guten Federung, dem großen 400-Liter-Kofferraum und dem bügelfreien Auftritt. Der keilförmige Nachfolger hingegen trägt diesen Charme des  armlosen und Unsportlichen nicht mehr. Wenn Astra Cabriolet, dann besser das Ur-Modell wählen. Noch ist das Angebot groß, die Preise sind unten. Das eigene gute Stück würde trotz guten Pflegezustands wohl kaum mehr bringen als die viel benutzte Abwrackprämie. "Kann man den neuen Rekord kaufen?", fragt Reinhard Seiffert anlässlich seines Tests in auto motor und sport 1963. "Es ist unnötig, aus dieser Frage ein Problem zu machen", lässt er dann den Leser wissen. "Einen Opel kann man immer kaufen." Da ist was dran.

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