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Opel-Betriebsratschef Klaus Franz im Interview

"Opel ist die Marke aus dem Volk für das Volk“

Klaus Franz Foto: Opel 144 Bilder

Opel Aufsichtsratsvize und -Betriebsratschef Klaus Franz spricht mit auto motor und sport-Redakteur Harald Hamprecht über die Zukunft der Marke, der europäischen Werke und des Modellportfolios.

02.12.2009 Harald Hamprecht

Herr Franz, Sie haben vehementen Widerstand gegen die Pläne von GM  zur Sanierung von Opel angekündigt. Warum?
Klaus Franz: Erstmal muss GM die Informationspflicht erfüllen, uns umfassend zu informieren: GM Europe-Chef Nick Reilly hat uns Arbeitnehmervertretern nur ein paar Charts gezeigt, die nie den Charakter eines Business-Plans hatten, der weder von einer Regierung noch den Arbeitnehmern akzeptiert werden würde. Und es wird keine Arbeitnehmerbeiträge für windige Sachen geben.

Aber der GM-Plan lehnt sich doch offensichtlich an den Magna-Plan an - und den haben Sie unterstützt.
Klaus Franz: Wir haben uns zuvor für Magna ins Zeug gelegt, weil wir mit Magna die größte Perspektive gesehen haben. Dank eines industriellen Konzepts, das uns in Sachen Produkt, Mitarbeiter und Unternehmen eine Zukunft gibt. Dass unsere Mutter uns jetzt nicht verkaufen möchte, können wir nicht mehr ändern, aber inhaltlich bleiben unsere Forderungen bestehen. All das, was mit Magna vereinbart war, fordern wir weiterhin. Sei es nun hinsichtlich des Produktportfolios, der Motoren und Getriebe, der Arbeitnehmerbeiträge, der Frage von Profit-Sharing und Arbeitnehmerbeteiligung. Das war alles abschließend vereinbart - übrigens in jedem einzelnen Schritt mit dem Segen von GM. Und wenn GM diesen Plan eins zu eins übernimmt,  sind wir auch weiterhin bereit, 265 Millionen Euro jährlich als Arbeitgeberbeitrag einzubringen. GM will die gleiche Summe von uns aber nur einen Bruchteil an Zusagen vereinbaren
 
Wie?
Klaus Franz: Über Einsparungen, wie zum Beispiel den Verzicht auf Teile des Urlaubs- und Weihnachtsgeld.
 
Auf welche Vertragsbestandteile bestehen Sie?
Klaus Franz: Wir fordern mehr Autonomie innerhalb von GM, mehr Kundenfokus, damit die DNA der Marke Opel in allen Fahrzeugen in Entwicklung wiederfindet. Wir brauchen ein neues Management mit Verständnis für den europäischen Markt. Und mit ausreichend Einfluss, um sich innerhalb GM Gehör zu verschaffen. Wir brauchen Zugang zu globalen Märkten.
 
GM-Chef Fritz Henderson hat doch aber klar gesagt, dass Opel im Grunde eine europäische Marke bleiben wird.
Klaus Franz: Das weichen wir gerade auf. Wir verhandeln gerade, dass wir einen globalen Zugang dort erhalten, wo es sich rechnet.
 
Welche Märkte haben Sie da zuallererst im Auge?

Klaus Franz: Alle auf denen Opel/Vauxhall Fahrzeuge mit dem German Engineering gefragt sind.
 
Sind Sie nicht glücklich, dass die Einschnitte weniger drastisch ausfallen, als Magna es geplant hat - sowohl bei der Zahl der Mitarbeiter als auch bei der Reduktion der Kapazitäten?
Klaus Franz: Ach, das würde ich nicht überbewerten. Die 10.500 Stellen, die Magna abbauen wollte, waren doch auch erst einmal eine Planzahl, die noch nicht verhandelt war. Uns stört jetzt aber ganz stark die dramatische Umverteilung zu Lasten Deutschlands, vor allem zu Lasten unseres Stammsitzes Rüsselsheim.
 
Ist die Astra-Produktion in Rüsselsheim jetzt komplett gestorben?
Klaus Franz: Die englische Regierung besteht offensichtlich darauf, dass alle Astra Caravan in Ellesmere Port von Band laufen. Uns dagegen wurde zuvor zugesichert, dass wir in Rüsselsheim bald unsere volle Auslastung von 250.000 Einheiten fahren können - und das beinhaltet nun mal 100.000 Astra Caravan. Dies ist wegen der Auslastung und Währungsnachteilen von Großbritannien auch die betriebswirtschaftlich beste Lösung. Wir haben hier in Hessen eines der produktivsten Werke Europas - und haben es noch nie voll ausgelastet. Die Aufteilung des weitaus geringeren Volumens vom dreitürigen Astra mit Gliewice in Polen werden wir nicht akzeptieren.
 
Wieso?
Klaus Franz: Wenn der Astra Caravan nicht nach Rüsselsheim kommt, gibt es keine Arbeitnehmerbeiträge aus Rüsselsheim. So einfach ist das. Wir sitzen hier auf einem Geldsack. Von den 265 Millionen Euro, die die gesamte europäische Belegschaft aufbringen will, generiert Rüsselsheim 120 Millionen.
 
Wie genau sehen Sie Kürzungspläne in Rüsselsheim aus?
Klaus Franz: GM will 862 Menschen in der Rüsselsheimer Fertigung abbauen, daneben noch 1.100 in der Administration und 550 in der Entwicklung. Und das, obwohl zuletzt Saab ausgegliedert wurde und Rüsselsheim für ca. 300 Menschen Arbeitsvolumen übernommen. Hinzu kommt, dass noch zusätzlich rund 500 Arbeitnehmerüberlassungen mithelfen, das Arbeitsvolumen zu bewältigen.
 
Wie sehen die Kürzungspläne in den übrigen Werken aus?

Klaus Franz: Kaiserslautern und Eisenach sollen mit 300 Stellen davon kommen, Bochum mit 1.799, Luton mit 354, das spanische Zaragossa mit 900. Kein Abbau dagegen ist in Ellesmere Port, Österreich, Polen vorgesehen. Aber wie gesagt. Das sind alles Planzahlen die wir nicht akzeptieren.
 
Neben Deutschland wird auch Belgien stark von Kürzungen getroffen.
Klaus Franz: Ja, wenn das belgische Werk geschlossen wird, fallen 2321 Stellen weg. Wenn wir - wie vertraglich vereinbart - ab 2011 den Gamma SUV - sprich einen kleinen sportlichen Geländewagen für Opel und Chevrolet - dort von Band laufen lassen, dann fallen dort 750 Stellen weg.
 
Wie schätzen Sie die Chancen für einen Erhalt des belgischen Werkes ein?
Klaus Franz: Wir werden dafür kämpfen. Ich befürchte aber, dass GM das Werk schließen und Produktion nach Südkorea verlagern will. Das wäre ein klarer Vertragsbruch; zumal die Kollegen in Antwerpen bereits Kosteneinsparungen in Höhe von 108 Millionen in den vergangenen zwei Jahren generiert haben, um ihren Standort zu erhalten. Wenn wir den Gamma-SUV wie vertraglich vereinbart nur mit 100.000 bis 120.000 Einheiten produzieren, statt das Werk zu schließen, kann ich die Schließungskosten von rund 400 Millionen Euro vermeiden. Das entspricht so ungefähr der Summe, die wir für die Entwicklung des Gamma-SUV investieren müssten. 
 
Aber so ein Auto entwickelt sich doch nicht von heute auf morgen. Der alte Astra läuft dieses Jahr aus, der kleine SUV auf Corsa-Basis ist für 2012 geplant. Was sollen die belgischen Kollegen solange machen?
Klaus Franz: Hier müssen mit GM und der belgischen Regierung Überbrückungs Lösungen gefunden werden.
 
Wie geht es auf Produktseite weiter?
Klaus Franz: Wir müssen unser Modellportfolio abrunden. In erster Linie sehe ich da den Corsa-SUV, aber auch ein Astra Cabrio sollten wir nicht aus den Augen verlieren. Und erst recht nicht ein neues Einstiegsmodell, den Opel Mini.

Die Pläne dafür sind doch aber auf Eis gelegt?
Klaus Franz: Die kann man ganz schnell wieder auftauen. Wir brauchen dringend ein eigenes Angebot, um gegen Modelle wie den VW Up, den Fiat 500 oder die Franzosen antreten zu können. Und wir haben schon viele kreative Konzepte vorgestellt, wie Maxx, Trixx, Junior. Daneben brauchen wir eine Motorenweiterentwicklung für Downsizing, Doppelkupplungsgetriebe und Doppelturbo-Motoren.
 
Welche Modelle sind unwiderruflich gestrichen?
Klaus Franz: Kein Ersatz gibt es für den Tigra Twin Top, der dieses Jahr ausläuft.
 
Opel-Europa-Chef Nick Reilly will die Sanierung im ersten Halbjahr 2010 über die Bühne bringen. Glauben Sie an diesen Zeitplan?
Klaus Franz: Nein. Denn wir haben eine andere Philosophie: Wenn wir den Stellenabbau zeitlich über vier Jahre strecken, dann können wir zwischen 2010 und 2014 rund 10.500 Mitarbeiter abbauen, indem wir auf natürliche Fluktuation, Altersteilzeit und Rente setzen Das ist sozial verträglich und bedarf keines Cash-Abflusses. Ein Werkschließung von Antwerpen dagegen müsste von den verbleibenden Mitarbeitern bezahlt werden. Dieses Geld ist rausgeworfenes Geld, wir sollten es lieber für die Entwicklung neuer Modelle verwenden. Wir dürfen unsere Zukunftsfähigkeit nicht beschneiden.
 
Wird es betriebsbedingte Kündigungen geben, wenn die Sanierung doch schon im ersten Halbjahr 2010 über die Bühne gehen wird?
Klaus Franz: Bestehende Verträge schließen dies aus.
 
Haben Sie denn Wunschkandidaten für einen neuen Opel-Boss, der ja schon in drei Monaten gefunden werden soll?
Klaus Franz: Ja, wir haben mehrere Vorschläge gemacht. Aber diese Info kann ich heute noch nicht mit Ihnen teilen, wir wollen doch nicht schon im Vorfeld Namen verbrennen.
 
Der Verkauf von Saab an ein Konsortium um Koenigsegg ist geplatzt. Erhöht sich dadurch der Druck auf die Opel-Sanierung?
Klaus Franz: Nein, wir sind inzwischen weitgehend vollständig von Saab getrennt, da entsteht kein zusätzlicher Druck auf uns. Sollte die Marke aber liquidiert werden, hat das einen dramatischen Effekt auf die Kostenseite für GM. Und ich bin gespannt, wie der US-Konzern das in der jetzige Situation abdecken will.
 
Was ist Ihre große Vision für Opel?
Klaus Franz: Opel muss in Sachen Technologie, Design, Innovation wieder Trendsetter werden. In wenigen Jahren sehe ich uns in einigen Punkten sogar an der Spitze der Industrie, zum Beispiel bei der Demokratisierung von Technoliegen, wie etwa mit dem Adaptive Forward Lighting (AFL).Opel wird zudem immer bodenständig bleiben, denn Opel ist die Marke aus dem Volk für das Volk.

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