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Auktion statt Insolvenz

Opel-Händler versteigert sich selbst

Versteigerung Autohaus Nowak Foto: press-inform 12 Bilder

Nach mehr als einem halben Jahrhundert wirft das Opel-Autohaus Nowak das Handtuch. Doch statt in die Insolvenz zu geraten, gestaltet das Familienunternehmen sein Ende selbst. Das komplette Autohaus kommt in einer spektakulären Auktion Stück für Stück unter den Hammer.

14.06.2009

Der deutsche Mittelstand stirbt einsam. Wenn Ende Juni, nach mehr als fünf Jahrzehnten im Verler Opel-Autohaus Paul Nowak für immer die Lichter ausgehen, wird sich kein Politiker mit kühnen Rettungsplänen vor die Fernsehkameras schieben und einen Topf voller Staatsgelder ausschütten. Das Ende des Familienunternehmens ist beschlossene Sache, und viele Mitarbeiter- der dienstälteste ist seit mehr als drei Jahrzehnten an Bord - suchen sich in aller Stille neue Jobs. Schon jetzt sind die Ausstellungsräume verwaist, in der Werkstatt ist ein einsamer Mechaniker bei der Arbeit, eine fast gespenstische Stille liegt über dem Autohaus.

Das Opel-Autohaus gibt es seit 53 Jahren

"Ich fühle mich wie bei einer Beerdigung. Zurzeit gibt es noch so viel zu organisieren, das lenkt mich ab. Wenn alles vorbei ist, werde ich vielleicht in ein tiefes Loch fallen", sagt Geschäftsführerin Claudia Nowak. Das Traditionsunternehmen, das seit 53 Jahren Autos mit dem Opel-Blitz am Kühler verkaufte, ist ein Beispiel unter vielen. Die Autobahn A2, an der das ostwestfälische Städtchen Verl liegt, ist nicht nur wegen der vielen schweren Unfälle, sondern auch wegen eines schleichenden Händler-Sterbens berüchtigt. Claudia Nowak kann aus dem Stegreif ein halbes Dutzend großer Autohäuser an der A2 nennen, die in die Insolvenz geschlittert seien. Oft sind es Familienunternehmen, die seit Jahrzehnten existiert haben.

Kfz-Gewerbe im ersten Quartal 2009 mit 350 Insolvenzen

Das Statistische Bundesamt verzeichnete in Deutschland von Januar bis März fast 350 Insolvenzen im Kfz-Gewerbe, ein Fünftel mehr als im ersten Quartal 2008. Bei den Handelsbetrieben betrug der Zuwachs sogar ein Viertel. 177 Unternehmen mit fast 1.800 Beschäftigten verloren eine seit Jahren tobende Rabattschlacht, in der die Abwrackprämie nur kurzfristig die Fronten verschoben hat. Denn je kleiner und billliger das Auto, desto geringer ist die Gewinnspanne für die Händler.

Die Kriegskassen der Autohändler sind leer

Auch im Autohaus Nowak schwebte das Schreckgespenst Insolvenz wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Mitarbeiter. "Der Automarkt im Kreis ist dicht. Die Käufer sind nur noch auf Rabatte aus, die Kriegskassen der Händler sind einfach leer. Die Prognose für uns war denkbar schlecht", sagt Claudia Nowak. Lange habe man mit der Entscheidung gehadert. "Da ist auch die ein oder andere Träne geflossen. Doch irgendwann kam der Punkt, an dem wir gesagt haben: Dann machen wir eben Schluss", so die Unternehmerin.

Opel-Autohaus gleich Sonnenstudio

Ein denkwürdiger Besuch bei der Bank bestärkte sie in ihrer Entscheidung. "Dort sagte man mir: Als Opel-Händler steht ihr für uns auf der gleichen Stufe wie ein Sonnenstudio - nicht kreditwürdig. Sie brauchen erst gar keinen Antrag zu stellen", erzählt Nowak. Dennoch habe die Opel-Krise eher wenig mit dem Entschluss aufzugeben zu tun gehabt, sagt die Unternehmerin. Auch mit einer anderen Marke hätte man sich wahrscheinlich so entschieden.

Opel-Autohaus und Inventar wird am 20.Juni versteigert

Bevor irgendwann vielleicht der Insolvenzverwalter an die Tür geklopft hätte, bestimmen die Verler das Ende ihres Opel-Autohauses mit einer spektakulären Auktion selbst. Abgesehen vom Grundstück und den Gebäuden kommt am 20. Juni das komplette Autohaus unter den Hammer: Rund 25 Gebrauchtwagen, mobile Lagerhallen, die komplette Werkstatteinrichtung inklusive Hebebühnen und Prüfständen, Schreibtischen und Computermonitoren. Und natürlich die großen Opel-Signets, Prospekte und Betriebsanleitungen, Modellautos, T-Shirts, Schlüsselanhänger und Feuerzeuge.

Viele Opel-Oldie-Teile kommen unter den Hammer

Einer der bekanntesten Versteigerer Deutschlands wird die Gebote entgegennehmen. Detlef Jentsch hat 1989 Schlagzeilen gemacht, als er das Inventar einer kompletten Wohnsiedlung zur Auktion brachte. Während Jentsch durch das Autohaus läuft und mehr als 20.000 Einzelteile zu kleinen Paketen zusammenstellt, gerät er ins Schwärmen. "Ich entkerne sozusagen die ganze Firma. Allein schon das Ersatzteillager ist einmalig - 300 laufende Meter auf zwei Etagen, darunter viele Opel-Oldie-Teile", sagt der Auktionator. Er will den Besuchern der Auktion, die sich über drei Tage erstreckt, eine große Show bieten.

Opel-Erinnerungen werden versteigert

Und so hofft Claudia Nowak auf einen großen Andrang bei der Auktion - vom Opel-Händler, der eine Werkstattausrüstung zum Sonderpreis ergattern könnte, bis zu Sammlern, Fans und Schnäppchenjägern. Etwas Wehmut wird schon dabei sein, wenn Nowaks Autohaus, das sie vor einigen Jahren vom verstorbenen Vater übernommen hat, Stück für Stück in alle Winde verstreut wird. Denn es kommt nicht nur nüchternes Inventar unter den Hammer, sondern mehr als ein halbes Jahrhundert Opel-Geschichte voller Emotionen und Erinnerungen. Etwa der Opel Blitz-Feuerwehrwagen, der mit einer Zapfanlage zum mobilen Durstlöscher umgebaut wurde, eins der ersten Opel-Fahrräder oder der weiße "Frigidaire"-Kühlschrank, der einst von der Marke mit dem Blitz produziert wurde.

Zwei Opel-Oldtimer bleiben in Familien-Besitz

Claudia Nowak ist mit der Automarke aufgewachsen, ihr Vater unterstützte Opel-Rennfahrer. Zum Dank widmeten die Piloten den Nowaks ihre Pokale. Die gehören zu den wenigen Dingen, von denen Claudia Nowak sich nicht trennen will - neben zwei wertvollen Opel-Oldtimern und dem Meisterbrief ihres Vaters. Wie hoch er den Gesamterlös der Versteigerung schätzt, sagt Auktionator Detlef Jentsch nicht. Da sei er zur Verschwiegenheit verpflichtet. Von einer Sache ist er allerdings überzeugt: "Das wird wohl nicht das letzte Autohaus sein, das unter den Hammer kommt".

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