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Opel Rekord P1

Die Mittelklasse-Limousine der 50er Jahre

Oldtimer Rekord P1 1960 Foto: Wolfgang Wilhelm 21 Bilder

Es war einmal eine Zeit, in der Premium ein Fremdwort war und man durch den Kauf eines Autos mit Blitz zeigte, dass man es geschafft hatte. Unterwegs in der Heckflosse von Opel, dem Rekord P1 aus den späten Fünfzigern.

06.09.2009 René Olma

Die Leute verdrehen den Hals, wenn der schwarze Wagen mit dem weißen Dach über die Straßen von Bad Dürkheim rollt. Auch fast 50 Jahre nach seiner Erstzulassung zieht der Opel Rekord 1700 P1 die Blicke auf sich. Doch eine Kleinigkeit hat sich geändert: Gilt die Bewunderung heute vor allem dem nahezu perfekten Zustand des Oldtimers, war das Augenmerk der Passanten damals wohl mehr auf die Insassen gerichtet.

Der Opel Rekord P1 - das Auto für die aufsteigende Mittelschicht

In einer Zeit, in der das Gros der Autofahrer im VW Käfer unterwegs war, galt die Rüsselsheimer Mittelklasse als Beleg für den gesellschaftlichen Aufstieg. Opel, das war die Marke für erfolgreiche Selbstständige und Handwerker, kurz der Wagen der aufstrebenden Mittelschicht. Auch der Vater des Formel 1-Fotografen Wolfgang Wilhelm hatte es damals zu etwas gebracht. Und so stand eines Tages ein Opel Rekord vor der Tür. "Mein Vater hat ihn für 3.500 Mark mit 75.000 Kilometern auf dem Tacho gekauft", erinnert sich Wilhelm mit fast wehmütigem Gesichtsausdruck. "Eigentlich war an unserem Auto immer irgendwas kaputt." Kein Stoff für Schwärmereien also, sollte man meinen.

Kaufgrund für den Opel Rekord P1: Emotionen

Doch die Verbindung zwischen dem Jungen und dem Familienauto lässt sich durch profane technische Macken nicht trüben: "Meine Schulaufgaben habe ich immer auf der Rückbank gemacht." Die Familie blieb der Marke dann trotz aller Schwächen der Ersterwerbung lange Jahre treu. Erst 1975 hat die Liaison ein Ende, die Eltern setzen fortan auf Fiat. Den italienischen Autos gehört eigentlich auch die Sammelleidenschaft von Wilhelm, zahlreiche Lancia und Fiat lassen daran keinen Zweifel aufkommen. Doch allzu dogmatisch geht er sein Hobby nicht an, er lässt sich nicht zuletzt von Emotionen leiten. Vor fünf Jahren werden die Kindheitserinnerungen an Nachmittage im Fond des Familien-Opel zum Auslöser für die Suche nach einem Opel Rekord.

Die Suche nach dem Opel Rekord P1 gestaltete sich schwierig

In der Schweiz entdeckt Wilhelm ein Exemplar im Topzustand und möchte es sofort kaufen. Aber an diesem Wochenende ist Ehefrau Anita mit von der Partie, die auf weitere Neuerwerbungen grundsätzlich ein wenig allergisch reagiert. "Doch wehe, ich will ein Auto wieder verkaufen, dann ist sie dagegen", scherzt der gegängelte Gatte. 9.000 Euro soll das gute Stück kosten, und so vertagt der Fotograf die Entscheidung über das Wochenende. Ein Entschluss mit Folgen: Der Opel hat inzwischen einen anderen Besitzer gefunden. Aber Wilhelm hat Glück im Unglück, sechs Monate später entdeckt er das Schmuckstück in einer Anzeige wieder. Jetzt allerdings für 14.000 Euro. So viel sei der Opel nun einmal wert, meint der Verkäufer lakonisch zum beachtlichen Aufschlag auf seinen einstigen Einkaufspreis.

Der Opel Rekord P1 hatte erst 59.000 Kilometer auf dem Kilometerzähler

Wilhelm winkt schweren Herzens ab und sucht weiter. Er wird wieder fündig, doch als er das angebliche Schnäppchen - für 5.000 Euro erstanden - eingehend untersucht, folgt die Ernüchterung. "Der war sein Geld nicht wert." Notgedrungen schlägt Wilhelm dann doch beim schwarzen Rekord mit dem weißen Dach zu. Wie sich herausstellt, keine schlechte Investition. Erst knapp über 59.000 Kilometer ist er seit der Erstzulassung am 1. Oktober 1960 gelaufen und wirkt fast wie neu. Mit seinen charakteristischen Heckflossen und den Panoramascheiben repräsentiert er den Stil der späten Fünfziger, der speziell bei den Tochterfirmen der großen US-Autokonzerne vom amerikanischen Design geprägt wird.

Viel Platz im kleinen Opel Rekord P1

Erstaunlich kompakt sind hingegen die Abmessungen des betagten Mittelklasse- Zweitürers: Mit 1,62 Meter Breite ist er sechs Zentimeter schmaler als ein aktueller Agila. Auf der durchgehenden vorderen Sitzbank mit schweißtreibendem rot-weißem Vinyl-Bezug kommt trotzdem keine Beklemmung auf. Die großflächigen Fenster und dünnen Dachsäulen sorgen für einen großzügigen Raumeindruck. Opel versprach 92 Prozent Rundumsicht. Öffnet man das optionale "Frischluft-Kurbeldach", stellt sich Cabrio-Feeling ein. Innen locken reichlich Chromzierrat, ein breiter Bandtacho, Drehknöpfe mit Klartext-Beschriftung und das Original- Radio unter dem Olympia-Schriftzug. Modische Details unterscheiden ihn klar vom betont schlichten, damals bereits über 20 Jahre alten VW Käfer.

55 PS reichten für die Opel-Reiselimousine

Wenn der Fotograf das Auto betrachtet, leuchten seine Augen noch heute wie die eines Kindes unterm Weihnachtsbaum. Auch technisch ist der Opel Rekord P1 ein Kind seiner Zeit. Ein 1,7-Liter-Vierzylinder mit mageren 55 PS und ein Dreiganggetriebe mit Lenkradschaltung reichen in den fünfziger Jahren selbst bei einer fünfsitzigen Reiselimousine völlig aus, die schunkelweiche Federung dürften allerdings nur erprobte Seefahrer unbeschadet wegstecken. Vor allem beim Verzögern macht sich der Entwicklungssprung der vergangenen Jahrzehnte deutlich bemerkbar, wenngleich der Rechtsdrall beim scharfen Bremsen wohl nicht zuletzt auf die lange Standzeit zurückzuführen ist. Wilhelm fehlte bislang nur die Zeit für einen gründlichen Check. Wenn der Motorsport-Fotograf von seinem Opel redet, liegt eine Leidenschaft in seiner Stimme, die nachdenklich macht. Ob in 50 Jahren wohl ein Opel Insignia (der Opel Insignia Sports Tourer im Fahrbericht) in der Lage ist, ähnliche Emotionen zu wecken?

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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