Mehr als 1.300 Kollegen hatte er in der DDR, wo jeder Trabi zum Tanken bei der staatlichen Gesellschaft Minol vorfahren musste. Nun ist Karrow der letzte, der noch Benzin unter dem großen lilafarbenen M vor gelbem Hintergrund verkauft.
Ostalgische Gefühle
Beschweren kann er sich dennoch nicht. Die Lage in Leipzig ist gut. Zudem treiben auch ostalgische Gefühle Autofahrer an Karrows Zapfsäulen. Den Stolz auf seine Sonderstellung kann Karrow nicht verhehlen. "Mehr als 400 Einträge" fänden sich zu den Stichwörtern Minol und Leipzig in den Internet-Suchmaschinen, sagt er. Radio und Fernsehen berichteten über den stämmigen, freundlichen Mann mit den grauen Bartstoppeln und seine Kunden, die sich an ihre ersten DDR-Autos und die Verbundenheit zu Minol erinnern. Wie Trabis, Rotkäppchen-Sekt und Sandmännchen steht das Symbol der Firma, der winkende Pirol ("Stets dienstbereit zu Ihrem Wohl, ist immer der Minol-Pirol") in rot-gelber Kluft, für den nostalgie-verklärten Rückblick. Karrow blättert in einem Fotoalben und zeigt verblichene Farbfotos einer Tankstelle. In der Mitte des Bildes steht ein kleiner Trabi, rechts am Rand eine Gruppe Männer, kaum zu erkennen auf dem kleinen Bild. Irgendwann in den 80er Jahren müsse das gewesen sein, sagt er. Der Job an der Zapfpistole war ein begehrter Arbeitsplatz. "Wir waren wie eine große Familie, da kam man schlecht von außen rein."
Die Familie löste sich nach der Wiedervereinigung schnell auf. Das frühere Rot-Gelb von Minol wich der Kombination lila-gelb. Die ursprünglichen Farben besetzte bereits Konkurrent Shell. Das vorläufige Ende für die Ost-Marke rückte näher, als die Firma 1993 an den französischen Benzin-Multi Elf verkauft wurde. Wenn Minol-Tankstellen schließen mussten, öffneten Elf-Stationen neu. Karrow wurde vom Angestellten zum Pächter. "Da kam die Frage, entweder Elf oder Minol, da habe ich natürlich Minol gesagt." 1998 war endgültig Schluss mit Minol - bis 2004. Da merkte der neue Besitzer Total, dass die Markenrechte ohne Nutzung des Namens verfallen.
DDR-Knusperflocken
Drei neue Minol-Tankstellen wurden eröffnet. Karrow übernahm die in Leipzig und überlebte als einziger. So groß sei der Unterschied zur "DDR-Tanke" nicht, sagt Karrow. Die Warteschlangen von früher gebe es auch jetzt wieder. "Sogar die Kanister sind wieder da." Ist er zwei Cent billiger als die Kollegen, reiche die Autoschlange bis weit auf die Straße. Ein Pendler aus dem benachbarten Halle meint beim Tanken, er komme "auch wegen der Erinnerung". Neben Minol-Benzin gibt es zur Auffrischung auch DDR-Knusperflocken oder Vita Cola. Jeder versteht das nicht. "Minol? Keine Ahnung", sagt ein junger Lieferwagenfahrer mit Sonnenbrille und Aachener Kennzeichen. "Hab ich noch nie gehört." Um Wissenslücken zu bekämpfen, gibt es inzwischen ein Buch über die Minol-Geschichte sowie eine beachtliche Sammlung von Zapfsäulen und Ölkannen samt Pappfigur des einstigen Werbestars Michael Schumacher in einem Tankstellen-Museum bei Leipzig.. Karrow plant hingegen die Minol-Zukunft. Wenn sein letzter original Overall verschlissen ist, will er lila-gelbe T- Shirts drucken lassen. Bis dahin könnte auch das Benzin so teuer sein wie früher bei Minol. Der sozialistische Einheitspreis für den Liter Super-Gemisch lag bei 1,65, allerdings in DDR-Mark.




