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Otto Kilpert

Traumberuf Kleinschnittger-Testfahrer

Foto: Fact, Archiv 15 Bilder

Von 1950 bis 1957 war Otto Kilpert Kleinschnittger-Testfahrer. Er testete alle 1998 gebauten F-125 und sorgte mit einem Monoposto für Furore.

27.01.2009 Bernd Woytal Powered by

Testfahrer in einer Firma, die ein 2,9 Meter langes Wägelchen mit einem knatternden 6-PS-Zweitakt-Motor baute, das regt heute fast jeden zum Schmunzeln an. Auch Otto Kilpert lächelt, aber nicht, weil er sich darüber amüsiert. Er übte diesen Beruf tatsächlich aus. "Es war die schönste Zeit meines Lebens", schwärmt der 77-Jährige mit ungebrochener Begeisterung.

Pioniergeist in den Aufbruchjahren nach Kriegsende

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zog der Konstrukteur Paul Kleinschnittger im Sauerland die Produktion eines winzigen Kleinwagens auf, der in diesen schlechten Zeiten perfekt die Bedürfnisse nach einer günstigen Motorisierung erfüllte. Die Stadt Arnsberg verpachtete Kleinschnittger das passende Gelände, ein ehemaliges Wehrmachtsareal, noch übersät mit Bombentrichtern.

Kleinschnittger mangelte es zwar an Geld, er konnte sich aber gut vermarkten. Die Stadt Arnsberg brachte er auf seine Seite, weil er die Schaffung von 400 Arbeitsplätzen versprach, was er jedoch nie einlöste. Mehr als 150 wurden es nicht. Und zu finanziellen Mitteln kam er, nachdem sich acht Werksvertreter aus ganz Deutschland für jeweils 10.000 Mark in die Firma eingekauft hatten und dafür je 50 Fahrzeuge verkaufen durften. Zum Zeitpunkt dieses Deals standen gerade erst fünf Autochen auf den Rädern. "An denen habe ich fast alles gemacht", erinnert sich Otto Kilpert.

Kilpert hatte in einer Werkstatt mit Adler-Vertretung den Beruf des Kraftfahrzeughandwerkers erlernt. Als die Aufträge zurückgingen, wurde er entlassen. 14 Tage später stellte er sich bei Kleinschnittger vor, wo er am 28. April 1950 die Arbeit aufnahm - Stundenlohn eine Mark. So gehörte Kilpert von Anfang an zum Personal, und er erlebte die sprunghafte Nachfrage nach dem F-125 genannten Minimobil aus erster Hand. "Oft standen die Kunden bereits vor dem Werkstor und warteten, bis ihr Auto endlich fertig war."

Produktion unter primitivsten Bedingungen

Auf Rollböcken wurden die Wagen montiert. Die Karosserien erhielten ihre Form, indem Arbeiter das Alu-Blech über Holzformen mit Gummiklatschen trieben, die von einem Geröll-Förderband stammten. Die Karosse war übrigens das einzige Teil, das im Kleinschnittger-Werk hergestellt wurde, alles andere kam aus anderen Quellen.

Bevor die kleinen Roadster das Werk verließen, bis September 1950 waren es immerhin schon 100 Exemplare, prüfte Otto Kilpert alle Funktionen. "Ich fuhr ums Werk herum, über Wiesen und durch Wälder." Doch das war schon bald nicht mehr so ohne weiteres möglich. In der Nachbarschaft siedelten sich neue Betriebe an, und die Anbindung an die Bundesstraße durch eine neue Brücke ließ den Verkehr ums Werk drastisch ansteigen.

Der Verkauf lief gut, die Kasse füllte sich. Und so ließ Kleinschnittger von einer Straßenbaufirma eine asphaltierte Werkseinfahrbahn bauen, die sich über 400 Meter mit vier fast rechtwinkligen Kurven um das Werksgelände zog. So kam Kilpert zu einem neuen Betätigungsfeld. "Ich bin dann mit jedem Auto immer links herum gefahren, 15 Kilometer." Manchmal gab es unterwegs einen Kolbenklemmer. Kein Problem: "Dann nahm ich schnell den Zylinder runter, entfernte die Schleifspuren mit einer Art Wetzstein - und weiter ging’s."

Trotz des wie geölt laufenden Verkaufs verzichtete Paul Kleinschnittger nicht auf geschickt inszenierte Werbeaktionen. So hält sich bis heute hartnäckig das Gerücht, er hätte jeweils 15 fertig produzierte Wagen an seine Fiat-Limousine gebunden und sie zum Bahnhof gezogen. Tatsächlich existieren solche Fotos. "Aber das wurde nur einmal zu Reklamezwecken gemacht", stellt Otto Kilpert richtig, "anschließend waren einige der Autos kaputt." Denn die meisten der hinters Lenkrad gesetzten Werksangehörigen besaßen keinen Führerschein, und so gab es bei dieser Zugnummer etliche Karambolagen.

Wer zuletzt lacht...: Erfolge im Motorsport

Auch im Motorsport sah Kleinschnittger eine gute Werbemöglichkeit. Doch wer sollte fahren? "Da musste Otto eben dran", erzählt Kilpert, wie er neben seiner Funktion als Testfahrer zum Werksrennfahrer avancierte. Die Vorbereitung des Wagens übernahm er selbst. Er konnte auf einer guten Basis aufbauen: "Die Straßenlage war wegen des Frontantriebs und der Einzelradaufhängung sehr gut." Dennoch begrenzte er mit primitiven Holzklötzen die Federwege und montierte einen ILO-Motocross-Motor mit 150 cm3 Hubraum, den er nach Feierabend frisierte. Nach dieser Kur rannte der Kleinstwagen mit gut 12 PS an die 100 km/h. Dennoch nahm ihn die Konkurrenz nicht ernst.

Beim ersten Start, es war die ADAC Zuverlässigkeitsfahrt 1953, lachten alle über den kleinen Flitzer. Doch als er nach 500 Kilometern durch meist hartes Gelände als Erster in der Klasse bis 750 cm3 durchs Ziel ging, war das Erstaunen groß. "Und in der Firma war ich natürlich der King", lacht Otto Kilpert.

Auch bei anderen Rennen, meist Zuverlässigkeitsfahrten, bewährte sich der robuste Roadster. Für jeden Sieg zahlte Kleinschnittger 100 Mark Prämie, damals eine Menge Geld. Noch schneller war ein Monoposto, mit dem Kilpert neue Teile auf der Werkseinfahrbahn testete. Die kleine rasende Zigarre hatte es in sich.

Kilpert strahlt, wenn er daran denkt: "Shell stellte uns einen speziellen Rennsprit zur Verfügung." Der machte den ebenfalls nur mit einem getunten 150 cm3-Motor versehenen Monoposto zur Rakete, Spitze 145 km/h. Mit 22 Sekunden, was einem Schnitt von rund 65 km/h entspricht, hielt Kilpert damit auf der Einfahrbahn den Rekord.

Die flotte, vom Motorsport Club Arnsberg dokumentierte Zeit lockte Nachahmer. So entwickelte sich am Wochenende eine Art Rekordjagd, die von zahlreichen Neugierigen aus der Umgebung verfolgt wurde. Huschke von Hanstein wollte mit einem Porsche 356 Bestzeit fahren, doch er semmelte gleich zu Beginn in eines der leeren Benzinfässer am Streckenrand, die sich Kilpert als Orientierungspunkte aufgestellt hatte. Ein Werksfahrer von Messerschmitt landete mit seinem KR 200 Kabinenroller schwer verletzt an einem Betonpfosten. Auch ein Rennfahrer mit einem BMW-Motorradgespann rauschte in den Werkszaun. Der Bahnrekord blieb bestehen.

Das Ende kommt 1957

Nicht ganz so aufregend verliefen die Testfahrten mit 250er-Prototypen, die Kilpert durch ganz Deutschland führten. Der wachsende Konkurrenzdruck machte diese Neuentwicklung zwingend nötig. "Die Karosserien der drei 250er entstanden übrigens bei Westfalia und nicht bei Kleinschnittger", korrigiert Kilpert eine verbreitete Meinung.

Über seine Testfahrten verfasste er Berichte, aber alle Entwicklungsarbeit half nicht mehr. 1957 meldete das Werk Konkurs an, weil das Geld ausgegangen war. Otto Kilperts schönste Zeit ging zu Ende, doch seine Erinnerungen hält der aktive Senior auf einer Website lebendig: www.kleinschnittger-info.de

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