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Patek Philippe Klassiker

Reine Formsache

Patek Nautilus 2009 Foto: Patek Philippe 4 Bilder

Uhren der Genfer Manufaktur Patek Philippe wandelten sich vom Provokateur zum Klassiker - die 1976 lancierte Nautilus prägt bis heute das Bild der Luxusuhr im Stahlgehäuse.

25.03.2009 Martin Häußermann

Erinnern Sie sich noch? Die Eltern hatten es geschafft. Sie zogen in einen repräsentativen Bungalow im Grünen, das Badezimmer war orange gekachelt, Vater fuhr Mercedes, BMW oder Audi der oberen Mittelklasse, am Handgelenk baumelte eine Schweizer Golduhr, und Melina Mercouri trällerte im Radio: "Ein Schiff wird kommen …"

Die Genfer Manufaktur Patek Philippe nahm das wörtlich. Sie ließ 1976 ein U-Boot vom Stapel laufen. "Nautilus" hieß die Kreation des freien Uhrendesigners Gérald Génta, der statt der üblichen, immer flacher werdenden Golduhr einen vergleichsweise wuchtigen Zeitmesser in Edelstahl entwarf. Eine Uhr wie ein Bullauge. Links ein Scharnier, rechts zwei Schrauben, die den achteckigen Glasrand mit dem massiven Gehäuseunterteil verpressten. Damit war das Uhrwerk bis 120 Meter Wassertiefe geschützt. Vor mehr als 30 Jahren eine sehr achtbare Leistung. Doch die Uhrenfachwelt rieb sich aus ganz anderen Gründen die Augen. Patek Philippe verlangte für das stählerne Monument am Handgelenk mehr als die meisten Wettbewerber für ihre zarten Goldührchen. Shocking.

Doch Tabubrüche waren in dieser Zeit ja in Mode

Junge Frauen trugen in kurzen Minis und kniehohen Stiefeln ihre Reize ungeniert zur Schau, was ihre Mütter im braven knielangen Kleid der Verzweiflung nahe brachte. Junge Männer machten ihre seitengescheitelten Väter mit langen Mähnen rasend. Die Provokation von Patek Philippe war nicht so spontan, sondern wohl kalkuliert, wie Inhaber Philippe Stern heute verrät: "Wir haben registriert, dass sich in der Gesellschaft ein Wandel vollzieht." Erfolgreiche Manager und wohlhabende Unternehmer wurden auch in ihrer Freizeit aktiv - sie spielten Tennis, segelten oder gingen einfach joggen. Für all diese sportlichen Aktivitäten waren die teuren, eleganten Uhren dieser Zeit alles andere als geeignet. Das weiche Gold verkratzte leicht, und die flachen Gehäuse waren nicht gerade Muster an Wasserdichtheit. 

Luxusuhren in Stahl

Die Zeit war reif für Luxusuhren in Stahl. Audemars Piguet hatte 1972 mit der Royal Oak vorgelegt, und IWC brachte seine Ingenieur SL praktisch zeitgleich mit der Nautilus auf den Markt - alle drei Uhren waren Génta-Entwürfe. "Unsere Uhr wurde am Anfang sehr skeptisch betrachtet", räumt Philippe Stern heute ein, "erst Anfang der achtziger Jahre wurde sie zum Erfolg." Doch der hielt dafür an. Was unter anderem daran zu sehen ist, dass die Nautilus seither formal unverändert ist. Die anfangs kritisierte Breite von 42 Millimetern erwies sich als Verkaufsargument für das Urmodell, von Liebhabern "Jumbo" genannt. Um auch Menschen mit schmaleren Handgelenken als Kunden zu gewinnen, stellte Patek 1981 eine Variante mit 37,5 Millimeter Breite vor, die nach der Einstellung der "Jumbo" im Jahr 1990 lange die einzige Sportuhr im Sortiment der Genfer Manufaktur blieb. Genau bis 1998, als die Aquanaut der Öffentlichkeit präsentiert wurde. In vieler Hinsicht die kleine Schwester der Nautilus. Technisch, weil mit dem Automatikkaliber 330 SC das gleiche Uhrwerk eingesetzt wurde. Gestalterisch, weil das Gehäusedesign auch auf einem Achteck beruht. Die Politik von Patek Philippe, Stahlmodelle nur in homöopathischen Stückzahlen auf den Markt zu bringen, hat auch die Aquanaut nicht grundsätzlich verändert. Den Grund erläutert Inhaber Philippe Stern: "Weil wir nur eine begrenzte Kapazität an Werken haben, schalen wir diese natürlich lieber in Gehäuse aus Gold und Platin ein." So sind stählerne Nautilus-Modelle fast nicht in den Auslagen der Konzessionäre zu sehen. Die sind für Juweliere durchlaufende Posten: heute geliefert, morgen beim Kunden. Die Entwicklung vom Enfant terrible zum Kultobjekt ist längst vollzogen.

Ein solches Kultobjekt hat Aufmerksamkeit verdient

Zum 30. Geburtstag im Jahr 2006 überarbeitete Patek Philippe die Nautilus-Kollektion und fügte noch neue Varianten hinzu. Für Puristen: die klassische Nautilus mit drei Zeigern und Datum, die Thierry Stern, Juniorchef von Patek Philippe, als "das neue Original" bezeichnet. Das trifft den Nagel auf den Kopf, entspricht das Modell mit der Referenznummer 5711/1 (13.300 Euro) doch weitgehend dem Vorbild von 1976. Proportionen und Grundform sind gleich geblieben, sie ist nur um einen knappen Millimeter gewachsen. Ein Fortschritt ist das Sichtfenster im Boden, das einen Blick auf das feine Automatikwerk erlaubt. Was den Uhrenfreund im Allgemeinen und den Patek-Liebhaber im Besonderen freudig erregt, ist der Nautilus Chronograph. Die Designer haben perfekte Arbeit geleistet und die Chronographen-Drücker harmonisch ins 44 Millimeter breite Gehäuse integriert. Darüber wird nun ein feines Uhrwerk gesteuert, das Connaisseurs mit der Zunge schnalzen lässt. Die Nautilus ist der einzige aktuelle Chronograph, den Patek Philippe in Stahl baut. Dass er mit rund 28.750 Euro mehr kostet als viele Golduhren, findet heute kaum ein Uhrenliebhaber noch schockierend.

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