Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Pausaer Trabant-Rennen

Acht Stunden im blauen Zweitakt-Nebel

Pausaer Trabant-Rennen Foto: Peter L�ders 11 Bilder

Ein Mal im Jahr treffen sich dut­zende Motorsport-Enthusiasten und Fans zum Pausaer Trabant-Rennen.

01.08.2009 Powered by

Wer die Nordschleife am Nürburgring kennt, weiß, dass 24 Stunden ver­dammt lang sein können. Für Mensch und Material geht es in der Grünen Hölle an die Grenzen der Belastung, oft auch darüber. Die sächsische Variante heißt Pausaer Tra­bant-Rennen und ist quasi die Blaue Hölle. Was 2005 aus ei­ner Bierlaune am Stammtisch begann, ist von ehemals 16 auf heute 83 Teams und zu ei­ner großen Veranstaltung ge­wachsen. 20 Jahre nach dem Mauerfall hält eine treue Fan­gemeinde die blaue Zweitakt­fahne hoch. Mit viel Liebe und Sachverstand bereiten sie ihre Rennpappen auf die harte Her­ausforderung vor. 

Ausschließlich luftgekühlte Trabis werden zum Rennen zugelassen

Fast 70 Kilometer von Zwickau entfernt, der Geburtsstätte aller Trabis, liegt der kurvige Rennkurs mitten im Vogtland. Eine Art Kartbahn auf Gras, im Gewerbegebiet am Rande des fast 4.000 Einwohner zäh­lenden Pausa. Weil am Freitag vor dem Renntag heftiger Regen den befestigten Wiesen­kurs in ein Fango-Bad verwan­delt, fällt das Qualifying buchstäblich in den Matsch. Die Startaufstellung für Sams­tag wird deshalb per Los ent­schieden. Die Regeln der "Acht Stunden von Pausa" sind einfach: Das Startgeld beträgt bescheidene 130 Euro, mindestens drei Fahrer bilden eine Mannschaft und bewegen ausschließlich luftgekühlte Trabis so oft wie möglich um den Kurs. Motortuning ist verboten, Getriebe, Fahrwerk und Achsen dürfen jedoch der rauen Rennstrecke angepasst werden. Wer am Ende des Tages die meisten Runden auf der Uhr hat, ge­winnt.  

Die Vorbereitungen beginnen für manche Teilnehmer erst sechs Wochen vor dem Start, wie Benny Säuert vom "Team 82" berichtet. Dessen ehemals beigegraufarbener Sachsen­ring-Oldie, Baujahr 1962, ist unter der dicken Schmutz­schicht kaum noch zu erken­nen. Der 35-jährige Teamchef hat ihn erst kürzlich beim Bau­ern für zwei Flaschen Bier und das heilige Versprechen "Der fährt bald wieder" aus dem Hühnerstall gezogen. Den vom Reglement vorgeschriebenen Überrollkäfig haben Benny und seine Freunde nach Feierabend eingeschweißt. Bis auf Fahrer­sitz und Armaturen ist das In­terieur völlig gestrippt. Nur wenige hundert Euro und einige Arbeitsstunden später ist das abgespeckte Gerät rennfertig. Auch vor dem Start geht es eher locker zu: Bei den "Holzköpfen" fließt aus einem zur Bar aufgeschnittenen Trabi im Teamzelt frisch gezapftes Bier, die Stimmung ist eupho­risch. "Wir fahren auf Sieg, der Sekt ist kaltgestellt", verkündet der Schleizer Benny mit breitem Lachen über dem schma­len Ziegenbart die Taktik für Mannschaft 82.

Maximal 26 Se­rien-PS darf der Trabant-Motor laut Reglement leisten

Ganz ehrgeizige Starter schei­nen dagegen mit den Vorberei­tungen schon direkt nach dem vierten Rennen im vergan­genen Jahr angefangen zu ha­ben, wie die selbstbewussten Jungs von Pro Raid Racing. Ihre blaue Rennpappe sieht schon im Stand richtig schnell aus. A- und C-Säulen des Wa­gens 42 sind wie die gesamte Karosserie aus Gewichtsgrün­den gelocht. Selbst die zier­lichen Plastiktürgriffe wurden zur Erleichterung perforiert. Aber auch technisch haben die Jungs vom HMC Gera sich für dieses Jahr offensichtlich vorbereitet wie Sigmund Jähn 1978 auf den ersten deutsch­bemannten Ausflug ins All: Eine Platte aus Aluriffelblech unter dem Frontblech schützt empfindliche Teile wie Auspuff und Krümmer dahinter. Das Fahrwerk wurde überar­beitet: Die Glocke, der neural­gische Anlenkpunkt des hin­teren Längsträgers, ist in eine solide Rohrkonstruktion eingeschweißt.  

Zur Vorbereitung hat Fahrer Matthias schon mal die Wende geübt - mit der Handbremse im Drift um enge Kurven. Das Glück ist mit den Tüchtigen, bei der Auslosung am Vorabend zog Fortuna für das Team von Kfz-Meister Hie­misch den ersten Startplatz. Am Abend vor dem Rennen herrscht im Fahrerlager hek­tische Betriebsamkeit. Noch um 23 Uhr raufen ölver­schmierte Hände die Haare, grübeln gerötete Augen über ausgebauten Zweizylinder-Aggregaten. Maximal 26 Se­rien-PS darf der Motor laut Reglement leisten. Samstag ist Renntag. Pünkt­lich um zehn Uhr strahlt der Himmel mit zweitaktge­tränkten, blauen Nebelschwa­den um die Wette. Die Trabant­flotte röchelt nervös wie eine verkalkte Moccadur-Kaffeemaschine der PGH Elektrome­chanik Berlin-Kaulsdorf. 83 Zwickauer Zwerge stehen bereit, darunter sogar zwei Universal, wie der Kombi heißt. Letzte Handgriffe der Mechani­ker. Wird die Lichtmaschine halten?

Ge­übte Fahrer lassen ihre Trabis über den Sprunghügel fliegen

Das Rennen beginnt, und die tapferen 600-ccm-Motörchen jaulen im Zweitakt wie räudige Schrottplatzköter beim Anblick eines nächtlichen Einbrechers. Der Ehrgeiz mancher Piloten ist schneller als ihr Auto, die beste Rundenzeit liegt bei drei Minuten und 30 Sekunden. Ge­übte Fahrer lassen ihre Trabis über den Sprunghügel fliegen wie weiland Otto Lilienthal aus Anklam seinen Segelgleiter. Obwohl laut Regelwerk verbo­ten, bleiben Feindberührungen in der Hektik des Renngesche­hens nicht aus. Wenn sich die Umlaufbahn zweier Trabant kreuzt, klingt es, als würde ein mit rostigen Schrauben ge­füllter Ikea-Schrank umkippen.

Im Laufe der Materialschlacht sehen die meisten der einst­mals stolzen Zweitürer aus wie gerupfte Hühner. Motorhau­ben, Kotflügel und Türpanele aus baumwollverstärktem Phe­noplast fallen reihenweise ab wie überreife Kirschen vom Baum, bei manchen löst sich gar das Plastedache vom Stahlblechrahmen. Dennoch: Hunderte von Zuschauern jubeln am Streckenrand. Hier redet keiner von Umwelt­schutzzonen und zugehörigen Plaketten. Jung und alt feuern die tollkühnen Helden am dünn umschäumten Vierspeichen­lenkrad begeistert an. Das Pu­blikum feiert den Rennverlauf so frenetisch, als hätte Fußballer Jürgen Sparwasser ge­rade noch einmal das entschei­dende 1:0 für die DDR gegen die BRD im Spiel bei der Fuß­ball-WM 1974 geschossen.

Der goldfarbene Pokal ist größer als ein Trabant-Motor

Nach acht Stunden ist der Jux vorbei. Erstaunlich viele Teams halten bis zum Schluss durch, kommen in die Wertung. Das fünfte Pausaer Trabant-Rennen endet für Team "200 Puls eins" nach 103 Runden. Doch die Rennleitung disqualifiziert am Abend der Preisverleihung die Mannschaft, die mit zwei weiteren Trabis angetreten ist, weil sie andere Wagen behin­dert haben soll. Auch die Pi­loten auf Rang zwei und drei des Zieleinlaufs werden nach einer technischen Überprüfung wegen unerlaubten Motor-Dopings auf die Plätze verwiesen.  Dennoch brodelt an diesem Samstagabend die Stimmung im Festzelt.

Ganz Pausa tanzt im Zweitakt. Zu den Klängen von Queens "We are the Champions" steigt Team "Scheune eins" mit der Start­nummer 54, das kurz nach 18 Uhr eigentlich auf dem vierten Platz die Zielflagge sah, als Sieger auf die flache Büh­ne. Der goldfarbene Pokal ist größer als ein Trabant-Motor, die Freude der Mannschaft auch. Die Anmeldungen für die nächste Blaue Hölle liegen längst vor.  

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Empfehlungen aus dem Netzwerk
Autokredit berechnen
Anzeige