Wer die Nordschleife am Nürburgring kennt, weiß, dass 24 Stunden verdammt lang sein können. Für Mensch und Material geht es in der Grünen Hölle an die Grenzen der Belastung, oft auch darüber. Die sächsische Variante heißt Pausaer Trabant-Rennen und ist quasi die Blaue Hölle. Was 2005 aus einer Bierlaune am Stammtisch begann, ist von ehemals 16 auf heute 83 Teams und zu einer großen Veranstaltung gewachsen. 20 Jahre nach dem Mauerfall hält eine treue Fangemeinde die blaue Zweitaktfahne hoch. Mit viel Liebe und Sachverstand bereiten sie ihre Rennpappen auf die harte Herausforderung vor.
Ausschließlich luftgekühlte Trabis werden zum Rennen zugelassen
Fast 70 Kilometer von Zwickau entfernt, der Geburtsstätte aller Trabis, liegt der kurvige Rennkurs mitten im Vogtland. Eine Art Kartbahn auf Gras, im Gewerbegebiet am Rande des fast 4.000 Einwohner zählenden Pausa. Weil am Freitag vor dem Renntag heftiger Regen den befestigten Wiesenkurs in ein Fango-Bad verwandelt, fällt das Qualifying buchstäblich in den Matsch. Die Startaufstellung für Samstag wird deshalb per Los entschieden. Die Regeln der "Acht Stunden von Pausa" sind einfach: Das Startgeld beträgt bescheidene 130 Euro, mindestens drei Fahrer bilden eine Mannschaft und bewegen ausschließlich luftgekühlte Trabis so oft wie möglich um den Kurs. Motortuning ist verboten, Getriebe, Fahrwerk und Achsen dürfen jedoch der rauen Rennstrecke angepasst werden. Wer am Ende des Tages die meisten Runden auf der Uhr hat, gewinnt.
Die Vorbereitungen beginnen für manche Teilnehmer erst sechs Wochen vor dem Start, wie Benny Säuert vom "Team 82" berichtet. Dessen ehemals beigegraufarbener Sachsenring-Oldie, Baujahr 1962, ist unter der dicken Schmutzschicht kaum noch zu erkennen. Der 35-jährige Teamchef hat ihn erst kürzlich beim Bauern für zwei Flaschen Bier und das heilige Versprechen "Der fährt bald wieder" aus dem Hühnerstall gezogen. Den vom Reglement vorgeschriebenen Überrollkäfig haben Benny und seine Freunde nach Feierabend eingeschweißt. Bis auf Fahrersitz und Armaturen ist das Interieur völlig gestrippt. Nur wenige hundert Euro und einige Arbeitsstunden später ist das abgespeckte Gerät rennfertig. Auch vor dem Start geht es eher locker zu: Bei den "Holzköpfen" fließt aus einem zur Bar aufgeschnittenen Trabi im Teamzelt frisch gezapftes Bier, die Stimmung ist euphorisch. "Wir fahren auf Sieg, der Sekt ist kaltgestellt", verkündet der Schleizer Benny mit breitem Lachen über dem schmalen Ziegenbart die Taktik für Mannschaft 82.
Maximal 26 Serien-PS darf der Trabant-Motor laut Reglement leisten
Ganz ehrgeizige Starter scheinen dagegen mit den Vorbereitungen schon direkt nach dem vierten Rennen im vergangenen Jahr angefangen zu haben, wie die selbstbewussten Jungs von Pro Raid Racing. Ihre blaue Rennpappe sieht schon im Stand richtig schnell aus. A- und C-Säulen des Wagens 42 sind wie die gesamte Karosserie aus Gewichtsgründen gelocht. Selbst die zierlichen Plastiktürgriffe wurden zur Erleichterung perforiert. Aber auch technisch haben die Jungs vom HMC Gera sich für dieses Jahr offensichtlich vorbereitet wie Sigmund Jähn 1978 auf den ersten deutschbemannten Ausflug ins All: Eine Platte aus Aluriffelblech unter dem Frontblech schützt empfindliche Teile wie Auspuff und Krümmer dahinter. Das Fahrwerk wurde überarbeitet: Die Glocke, der neuralgische Anlenkpunkt des hinteren Längsträgers, ist in eine solide Rohrkonstruktion eingeschweißt.
Zur Vorbereitung hat Fahrer Matthias schon mal die Wende geübt - mit der Handbremse im Drift um enge Kurven. Das Glück ist mit den Tüchtigen, bei der Auslosung am Vorabend zog Fortuna für das Team von Kfz-Meister Hiemisch den ersten Startplatz. Am Abend vor dem Rennen herrscht im Fahrerlager hektische Betriebsamkeit. Noch um 23 Uhr raufen ölverschmierte Hände die Haare, grübeln gerötete Augen über ausgebauten Zweizylinder-Aggregaten. Maximal 26 Serien-PS darf der Motor laut Reglement leisten. Samstag ist Renntag. Pünktlich um zehn Uhr strahlt der Himmel mit zweitaktgetränkten, blauen Nebelschwaden um die Wette. Die Trabantflotte röchelt nervös wie eine verkalkte Moccadur-Kaffeemaschine der PGH Elektromechanik Berlin-Kaulsdorf. 83 Zwickauer Zwerge stehen bereit, darunter sogar zwei Universal, wie der Kombi heißt. Letzte Handgriffe der Mechaniker. Wird die Lichtmaschine halten?
Geübte Fahrer lassen ihre Trabis über den Sprunghügel fliegen
Das Rennen beginnt, und die tapferen 600-ccm-Motörchen jaulen im Zweitakt wie räudige Schrottplatzköter beim Anblick eines nächtlichen Einbrechers. Der Ehrgeiz mancher Piloten ist schneller als ihr Auto, die beste Rundenzeit liegt bei drei Minuten und 30 Sekunden. Geübte Fahrer lassen ihre Trabis über den Sprunghügel fliegen wie weiland Otto Lilienthal aus Anklam seinen Segelgleiter. Obwohl laut Regelwerk verboten, bleiben Feindberührungen in der Hektik des Renngeschehens nicht aus. Wenn sich die Umlaufbahn zweier Trabant kreuzt, klingt es, als würde ein mit rostigen Schrauben gefüllter Ikea-Schrank umkippen.
Im Laufe der Materialschlacht sehen die meisten der einstmals stolzen Zweitürer aus wie gerupfte Hühner. Motorhauben, Kotflügel und Türpanele aus baumwollverstärktem Phenoplast fallen reihenweise ab wie überreife Kirschen vom Baum, bei manchen löst sich gar das Plastedache vom Stahlblechrahmen. Dennoch: Hunderte von Zuschauern jubeln am Streckenrand. Hier redet keiner von Umweltschutzzonen und zugehörigen Plaketten. Jung und alt feuern die tollkühnen Helden am dünn umschäumten Vierspeichenlenkrad begeistert an. Das Publikum feiert den Rennverlauf so frenetisch, als hätte Fußballer Jürgen Sparwasser gerade noch einmal das entscheidende 1:0 für die DDR gegen die BRD im Spiel bei der Fußball-WM 1974 geschossen.
Der goldfarbene Pokal ist größer als ein Trabant-Motor
Nach acht Stunden ist der Jux vorbei. Erstaunlich viele Teams halten bis zum Schluss durch, kommen in die Wertung. Das fünfte Pausaer Trabant-Rennen endet für Team "200 Puls eins" nach 103 Runden. Doch die Rennleitung disqualifiziert am Abend der Preisverleihung die Mannschaft, die mit zwei weiteren Trabis angetreten ist, weil sie andere Wagen behindert haben soll. Auch die Piloten auf Rang zwei und drei des Zieleinlaufs werden nach einer technischen Überprüfung wegen unerlaubten Motor-Dopings auf die Plätze verwiesen. Dennoch brodelt an diesem Samstagabend die Stimmung im Festzelt.
Ganz Pausa tanzt im Zweitakt. Zu den Klängen von Queens "We are the Champions" steigt Team "Scheune eins" mit der Startnummer 54, das kurz nach 18 Uhr eigentlich auf dem vierten Platz die Zielflagge sah, als Sieger auf die flache Bühne. Der goldfarbene Pokal ist größer als ein Trabant-Motor, die Freude der Mannschaft auch. Die Anmeldungen für die nächste Blaue Hölle liegen längst vor.




