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Peugeot 402 Eclipse - das erste Cabrio mit Blechdach

Der Löwe mit dem Blechdach

Peugeot 402 Eclipse Foto: Beate Jeske 15 Bilder

Die Idee zu einem Cabrio mit einem versenkbaren Blechdach ist nicht neu, sie stammt vom Pariser Zahnarzt Georges Paulin, der bereits in den dreißiger Jahren daran tüfftelte. Im Peugeot 402 Éclipse nahm die Vision 1935 erstmals in Serie Gestalt an.

11.04.2010 René Olma Powered by

Es gibt Momente am Steuer eines Oldtimers, da fragt man sich, was die Ingenieure in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich groß verbessert haben. Der Wind umströmt den Fahrer, im gemächlichen Tempo rollt der Peugeot 402 Éclipse über die Straßen am Lago d‘Orta. Grobe Steinmauern huschen vorbei. Jetzt im Frühjahr erwacht die Natur wieder zum Leben.

Der Peugeot 402 ist das erste serienmäßige Cabrio-Coupé

Das Open-Air-Feeling genießen wir dabei in einem ganz besonderen Auto: dem ersten in Serie gefertigten Cabrio-Coupé, quasi dem Urahn von 207 CC und 308 CC. Allerdings bewegte sich der 473 Mal gebaute Stammvater in einer anderen Preisliga: Rund 34.000 Franc musste man für die extravagante Art der Fortbewegung auf den Tresen des Händlers legen. Umgerechnet auf heutige Verhältnisse rund 150.000 Euro - dafür bekommt man einen offenen Porsche 911 Turbo. Montiert wurde der Peugeot 402 ausschließlich auf Bestellung, eine üppige Anzahlung verstand sich von selbst. Das können sich Autohändler heutzutage vermutlich nicht einmal in ihren kühnsten Träumen vorstellen. Aber es waren einfach andere Zeiten.

Ein Zahnarzt erfand das versenkbare Metalldach

Das zeigt die Enwicklungsgeschichte des Cabrio-Coupés, in der Designstudios keine Rolle spielen: Anfang der dreißiger Jahre tüftelte der Pariser Zahnarzt Georges Paulin ein wenig herum und entwarf eine Karosserie mit versenkbarem Metalldach. Er zeigte die Zeichnungen dem Peugeot-Händler Emile Darl‘Mat. Der setzte die Pläne prompt in die Tat um - auf dem Chassis eines 301. 1933 auf dem Pariser Automobil-Salon wurde das Ergebnis der Öffentlichkeit präsentiert.

Die Chefetage von Peugeot fand Gefallen am neuartigen stofflosen Dachkonzept und ließ im eigenen Karosseriebetrieb La Garenne-Colombe nahe der Seine-Metropole gleich ein eigenes Modell entwickeln - zunächst auf Basis von 401 und 601 und nur in geringen Stückzahlen. Im Oktober 1935 präsentiert man dann anlässlich der Vorstellung des neuen 402 eine Version mit elektrisch betätigtem Stahldach und einer durchgehenden Sitzbank für drei Passagiere. Ein Jahr später erscheint schließlich das Serienmodell unter den Namen 402 Éclipse, das auf zwei Sitzbänken fünf Insassen unterbringt.

Beim Tritt auf das Bremspedal tut sich erschreckend wenig

Auf den elektrischen Antrieb für das Dach wurde allerdings verzichtet. Unser Exemplar, eine LE-Version, wurde am 31. Mai 1937 in der französischen Hauptstadt erstmals zugelassen. Mit erstaunlich wenig Spiel in der Lenkung lässt sich das 5,19 Meter lange Schiff über die Landstraßen dirigieren. Bodenwellen absorbieren die zentrale Querfeder vorn und die blattgefederte Starrachse hinten erstaunlich souverän. Doch während man auf der breiten Sitzbank vor sich hin sinniert, rollt der Peugeot einer S-Kurve entgegen, die augenblicklich die Fortschritte im Automobilbau demonstriert. Denn beim Tritt auf das Bremspedal tut sich erschreckend wenig, die Verzögerung erfolgt auf dem Niveau der Vorkriegszeit. Dabei verfügt unser Exemplar sogar über eine nachgerüstete hydraulische Bremse von Lockheed. Offensichtlich waren die serienmäßig verbauten, mechanisch betätigten Stopper selbst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht für jeden Geschmack ausreichend.

Mit den 58 PS kann man noch heute glücklich werden

Doch unabhängig von der Art der Stopper: Unter einem Bremskraftverstärker verstand man noch den kräftigen Tritt auf das Pedal. Ab Werk gab es hydraulische Bremsen übrigens im 402 erst für das letzte Produktionsjahr 1948/49. Auf den ersten Schreck folgt dann gleich der zweite: So entspannt, wie das elegante Cabrio-Coupé auf Geraden seinen Kurs hält, so stur wehrt es sich gegen das Einlenken in enge Kurven. Nur mit großem Krafteinsatz am Lenkrad lässt es sich davon abhalten, die Straße in Richtung Abhang zu verlassen. Mit den 58 PS, die der Vierzylinder aus 1.991 Kubikzentimer Hubraum holt, kann man indes noch heute glücklich werden. Gerade in einem Cabrio reichen sie zum entspannten Cruisen auf Landstraßen, und mehr als Tempo 110 erreicht der Oldtimer ohnehin nicht. Immerhin zieht der wassergekühlte Motor schon bei niedrigen Drehzahlen kräftig an. Bereits bei Stadttempo kann der dritte und somit höchste Gang eingelegt werden.

Die Blechkapuze des 402 besteht aus einem Stück

Gewechselt werden die Übersetzungen wie bei Ente und R4 mittels Krückstockschaltung. Wer sich ausreichend Zeit beim Gangwechsel lässt, kommt sogar ohne Zwischengas aus. Beim Rangieren streifen allerdings die Knöchel am Schaltknauf, und das Schaltschema ist zumindest gewöhnungsbedürftig: Wo man den ersten Gang vermuten würde, also vorn links, befindet sich der Rückwärtsgang. Die erste Fahrstufe liegt hinten links, der zweite und dritte sind in der rechten Ebene angeordnet.

Auch die Dachkonstruktion ist noch nicht so raffiniert und ausgetüftelt wie in modernen Hardtop-Cabrios. Schließlich besteht die Blechkapuze des 402 aus einem Stück, das sich nicht handlich zusammenfalten lässt. Entsprechend groß fallen der Heckdeckel und der Platzbedarf im Kofferraum aus, zumal auch ein ausladendes Gestänge untergebracht werden muss. Und statt eines Drucks auf die Dachtaste erfordert die Metamorphose Teamarbeit.

Das Dach lässt sich nur zu zweit öffnen

Denn zunächst müssen die beiden klobigen Schrauben gelöst werden, die die Heckklappe hinter den Sitzen fixieren. Nun ist der Blick frei auf den zerklüfteten Gepäckraum, in dem sich auch noch das Reserverad breit macht. Danach müssen die Seitenscheiben heruntergekurbelt und die beiden Schrauben über der Frontscheibe gelöst werden, um das Dach anheben und im Kofferraum verstauen zu können. Ein Prozess, der nur zu zweit geht, da sich die Konstruktion sonst verkantet und streikt. Kurz vor Erreichen der Ruheposition lässt man los, das Verdeck fällt ins Schloss. Jetzt nur noch den Heckdeckel schließen - fertig. Aber Vorsicht: Mangels Griff besteht die Gefahr, sich bei allzu schwungvollem Zuklappen die Finger einzuquetschen. Am Ufer des Orta-Sees kommt während dieser Aktion das Leben zum Stillstand. Ob Bar-Besitzer oder Straßenkehrer: Die autobegeisterten Italiener umringen den Klassiker. Dass er aus dem Nachbarland stammt, tut der Faszination keinen Abbruch. Schließlich bietet der Peugeot reichlich interessante Details, angefangen beim markanten Löwenkopf auf der Motorhaube und den hinter dem Kühlergrill versteckten Scheinwerfern bis hin zu den hinteren Radlaufabdeckungen mit stilisierten Löwenköpfen.

Im Cockpit informiert ein großes Rundinstrument von Jaeger über Geschwindigkeit, Spannung, Spritvorrat und Öldruck sowie Uhrzeit. Die vordere Sitzbank lässt sich sogar verschieben. Was man beim Blick auf das Art Déco-Design vergisst: Zu seiner Zeit war der 402 ein geradezu avantgardistisches Auto, was ihm den Beinahmen "Ligne Fuseau Sochaux" einbrachte. Heute fragt man sich wohl eher, wie die Zeitgenossen sich durch diese Form an an eine Rakete (Fuseau) erinnert fühlen konnten. 70 Jahre sind eben doch ein lange Zeit.

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