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Peugeot 404-Kauf in Frankreich

Linie 404

13 Bilder

Einen Klassiker im Ausland zu kaufen garantiert besondere Erlebnisse - erst recht, wenn die Familie mit von der Partie ist. Notizen einer Reise zum Erwerb eines 42 Jahre alten Peugeot 404.

09.02.2007 Ulrich Bethscheider-Kieser Powered by

Das neue Familienmitglied

Es gibt bekanntlich viele Möglichkeiten, einen Klassiker zu kaufen. Man geht beispielsweise zum Händler an der nächsten Ecke. Oder man stöbert auf einer Fachmesse oder im Kleinanzeigenteil. Oder man reist in das Land, in dem das Auto hergestellt wurde. Und weil eine solche Reise alleine weniger Spaß macht, fährt gleich die ganze Familie mit. Schließlich geht es beim Oldtimerkauf gewissermaßen um ein neues Familienmitglied. Das sollte man auch gemeinsam kennenlernen.

Unser neues Familienmitglied heißt Peugeot 404, hatte ursprünglich einen französischen Pass, wurde im Februar 1964 gebaut und zuletzt in der französischen Stadt Annecy gefahren. Über das Internet haben wir zusammengefunden. In seiner Heimat ist der 404 bislang bestens behütet. Sein bisheriger Besitzer hat ihn als Kriminalpolizist auf dem Gelände der Gendarmerie deponiert.

Erste Begegnung auf der Hof der Gendarmerie

Philippe wartet am frühen Morgen auf uns. Während er die Papiere bereithält, inspiziert die Familie den neuen alten Wagen. Luca erobert gleich mal den Fahrersitz, während Daniela und Magdalena im weich gepolsterten Fond Probe sitzen. Mittelarmlehne umgeklappt, Seitenscheibe runtergekurbelt und ins dicke Polster geflätzt - es sieht ganz so aus, als hätten die Damen bereits ihren Platz für die über 500 Kilometer lange Rückreise eingenommen.

Nach einer genauen Kontrolle des guten Stücks erklärt Philippe die Funktion des hakeligen Tankverschlusses, der sich beim 404 gut versteckt hinter dem hinteren Kennzeichen befindet. Überraschenderweise hat er noch ein paar Ersatzteile in den Kofferraum gepackt. Die originalen, in Wagenfarbe lackierten Lampenringe sind ebenso dabei wie zwei grässliche Aufsteck-Kopfstützen aus braunem Kunstleder. Sorgfältig kratzt der Gendarm noch einen kleinen Aufkleber von der Frontscheibe, der ihm die Zufahrt zum Gelände der Gendarmerie gewährte, dann öffnet sich für uns die große Schranke der Polizeistation zur ersten gemeinsamen Ausfahrt.

Unterwegs in Linie 404

Gut, dass wir der Polizei nicht noch mal begegnen - es gäbe allen Grund dazu. Denn die Stadt Annecy, gut 30 Kilometer südlich von Genf gelegen, erfreut ihre Besucher nicht nur mit einer mittelalterlichen Innenstadt und einer malerischen Lage am See, sondern auch mit einer skurrilen Verkehrsführung.

Wo sonst wird der Verkehr in manchen Straßen auf der linken Seite geführt, während rechts, durch einen Bordstein getrennt, die Linienbusse entgegenkommen? Prompt erwischen wir die Busspur. Macht nichts, dann sind wir halt die Linie 404. Zusteigen will an der folgenden Haltestelle zum Glück niemand.

Ein Experte prüft den Klassiker

Als erstes Etappenziel steht ein Werkstattbesuch in der Garage Pothain im Stadtteil Cran Gevrier an. Die Damen ziehen sich derweil lieber zum Shopping zurück. Aus gutem Grund: Die Altstadt lockt mit Boutiquen und Geschäften. Die können eben interessanter sein als eine Werkstatt.

Gilles Pothain hat sich freundlicherweise bereit erklärt, dass wir den 404 vor der Heimfahrt in seiner Werkstatt einem kurzen Check unterziehen. Als die Limousine auf der Hebebühne steht, stellt er mit einem schnellen Blick anerkennend fest: "Der ist gesund." Schön zu hören.

Dann fängt Pothain an, munter über die typischen Schwachstellen des 404 zu referieren. Das Hinterachsdifferenzial, das ein spezielles pflanzliches Öl benötigt, die zahllosen Schmiernippel an der Vorderachse, Verschleiß an der Zündanlage… Ob er denn schon häufig an einem 404 geschraubt habe? "Mon dieu", sagt er und lacht. Er scheint die 404 nicht mehr zählen zu können, an die er jemals Hand angelegt hat.

Anerkennung von Jung und Alt

Die beiden Damen haben derweil ihre Shopping-Tour beendet, die Ausbeute ist klein genug, um Platz im Kofferraum zu finden. Auf der Fahrt durch die Stadt fällt auf, dass auch ein braver 404 Aufsehen erregt und im französischen Straßenbild selten geworden ist: Da ist jener Senior, der an der Tankstelle im Vorbeigehen "Schönes Auto" rüber ruft. Oder die junge Französin, die beim Anblick der Limousine spontan den Daumen in die Höhe streckt.

Am Stadtrand von Annecy folgt ein kurzer Stopp an einem Zeitschriftenladen. "Ist das Ihr 404?" fragt der Ladenbesitzer, und, ohne eine Antwort abzuwarten, sprudelt die Erinnerung aus ihm heraus: Der 404 sei das erste Auto gewesen, das er gefahren sei, erklärt er. Als 14-Jähriger durfte er den Wagen des Vaters immer in die Garage fahren.

Falschluft auf der Autobahn

Bis zu unserer Garage liegt noch ein weiter Weg vor uns. Auf den ersten Metern der Nationalstraße erklingt unter der Motorhaube bei höherem Tempo ein schlürfendes Geräusch, als würde der Vierzylinder kräftig Falschluft ziehen. Beim Blick unter die Motorhaube zeigt der dicke Ansaugschlauch direkt am Vergaser einen Riss. Werkzeug haben wir zwar dabei, Klebeband aber nicht - dann muss halt die nächste Tankstelle herhalten, die erst jenseits der Grenze zur Schweiz kommt.

Auf der Schweizer Autobahn zieht der 404 gemütlich mit Tempo 90 bis 100 seine Bahn, als sei er nichts anderes gewohnt. Das gute Stück soll bei seiner ersten großen Ausfahrt seit Langem nicht allzu sehr gestresst werden. Und ankommen wollen wir schließlich auch. Kaffeepausen werden zur Verschnaufpause für die Dame mit dem Löwen am Kühlergrill.

Neues Heim für altes Eisen

Der Tag neigt sich schon dem Ende entgegen, als mit der Grenze zwischen Schweiz und Deutschland das nächste Etappenziel bevorsteht. Weil sich die deutschen Zöllner allerdings intensiv mit einem tiefer gelegten Mercedes der W124-Reihe beschäftigen, schenkt dem 404 niemand Beachtung. Schade eigentlich.

Um 21.30 Uhr erreicht der Peugeot samt müder Besatzung sein Ziel, Endstation für Linie 404. In der heimischen Garage darf er sich von dem Marathon erholen. Dort zeigt er nebenbei besondere Wirkung. Weil die Garage über dem Keller einen direkten Zugang zum Haus hat, riecht es schon nach kurzer Zeit im gesamten Treppenhaus typisch muffig nach Oldtimer. Der 404 setzt Duftmarken im neuen Heim. Na dann: Herzlich willkommen.

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