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Physiotherapeut Axel Nahmmacher im Porträt

Der Mann mit den goldenen Fingern

Physiotherapeut Axel Nahmmacher Foto: Rossen Gargolov 6 Bilder

An Axel Nahmmacher denkt kaum jemand, wenn ein Auto in Führung liegend die Ziellinie überquert. Der Fahrer und das Team stehen im Mittelpunkt. Doch Motorsport ist Teamsport - und ohne Menschen im Hintergrund wie den Physiotherapeuten wäre mancher Erfolg kaum möglich.

08.03.2010 Bianca Leppert Powered by

Jede Geschichte hat einen Anfang. Und ein Ende. Diese hat einen Anfang. Aber noch kein Ende. Denn daran will Axel Nahmmacher gar nicht erst denken.

Axel Nahmmacher ist rund 30 Wochenenden im Jahr unterwegs

Eigentlich sollte mit 60 Schluss sein - eigentlich. Man könnte ihn als Zigeuner bezeichnen. Oder als Süchtigen. Oder als Fels in der Brandung. Im Grunde genommen hat er von allem etwas. Seit 33 Jahren tingelt Nahmmacher in seinem Beruf als Physiotherapeut von einer Rennstrecke zur nächsten. Die Reiseroute für seinen umgebauten Lastwagen mit dem Schriftzug "Axel’s Mobile Sportler Betreuung" geben Rennserien wie der Porsche Sports Cup, die FIA GT oder das ADAC Masters vor. Rund 30 Wochenenden im Jahr verbringt er in seinem mobilen Schneckenhaus.

Darin hängen nicht etwa Spitzengardinchen, auch pfeift kein Teekessel, sondern alles ist auf die Arbeit ausgerichtet. Mitten im Raum stehen zwei Behandlungs-Liegen, wie sie aus der Praxis einer Krankengymnastik bekannt sind. Auf dem Boden liegen Teppiche mit Tiermotiven, die Wände sehen aus wie ein Puzzle aus Motorsport-Fotos. Mal zeigen sie Nahmmacher selbst im Renn-Fiesta, mal ist er gemeinsam mit seinem ehemaligen Weggefährten Stefan Bellof abgebildet. Im rechten Teil des Wagens auf gerade mal der Hälfte des Platzes hausiert Nahmmacher, wenn er unterwegs ist. Etagenbett, Kühlschrank, Kochvorrichtung - mehr braucht er zum Leben nicht.

Seine Hände sind sein Kapital

Mitten in seinem kleinen Reich steht Nahmmacher mit weißen, ausgetretenen Birkenstocks, graumeliertem Haar und ernstem Gesichtsausdruck. Er erinnert an einen Arzt. "Ich habe den Beruf Physiotherapeut erlernt, um anderen Menschen zu helfen", erzählt er und reibt sich die Hände. "Das macht mich stolz." Wie er helfen kann, ist vielfältig. Zu den Standards an der Rennstrecke gehören Probleme im Lendenwirbelbereich, an den Halswirbeln und Verspannungen. Seine Hände sind sein Kapital. Das weiß Nahmmacher nur zu gut und passt deshalb zum Beispiel beim Brot schneiden besonders auf seine Finger auf.

Aber nicht alle Probleme lassen sich mit seinen goldenen Händen lösen: "Ich bin auch oft der seelische Abfalleimer. Aber das ist ja normal, das muss ja nicht immer der Teamchef sein." Gibt es mal Ärger, ist er der Fels in der Brandung. Sorgen werden abgeladen wie beim Friseur der neueste Tratsch und Klatsch. An einem Wochenende betreut der 62-Jährige rund zehn bis 15 Kunden. Die meisten davon melden sich schon zu Saisonbeginn für das ganze Jahr an.

Von Urlaub will Nahmmacher nichts wissen

Zeit zum Durchschnaufen bleibt kaum. Dabei sieht Nahmmacher mit seinen Armani-Shorts und dem weißen Hemd aus, als käme er gerade aus dem Urlaub. "Hawaii? Das brauche ich alles nicht", sagt er, reibt sich wieder die Hände und lacht so herzhaft, das man fast erschrickt. Stattdessen würde er lieber wieder selbst ins Lenkrad greifen. 18 Jahre jagte Nahmmacher über die Rennstrecken. Erzählt er von den Bergrennen mit seinem Abarth 1.000 TC, stiert er auf die Wand, als sehe er dort die Bilder von damals wie einen Film ablaufen. "Ich habe gemerkt wie anstrengend das ist, und was mir fehlt", erinnert er sich. Die Idee für die mobile Sportlerbetreuung an der Rennstrecke war geboren. "Selbst massieren kann man sich ja schließlich nicht. Ich weiß noch genau, wie ich Klaus Niedzwiedz in Zolder wegen eines Hexenschusses behandelte. Erst arbeitete ich im Lastwagen, dann in einem Wohnanhänger, dann im Wohnmobil und nun in meinem umgebauten Lkw."

Auf seinem Weg vom provisorischen Lkw bis hin zum umgebauten Physio-Mobil betreute Nahmmacher Rennfahrer-Größen wie Stefan Bellof oder die Schumacher-Brüder. Dabei entstanden auch immer wieder Freundschaften. So zum Beispiel zu Klaus Ludwig, dessen Sohn Luca mittlerweile ebenfalls auf das Können von Nahmmacher vertraut. Auch zu Stefan Bellof hatte der gelernte Physiotherapeut eine Bindung. Nach dessen Tod dachte er daran, alles hinzuwerfen. Doch die Liebe zum Motorsport war größer. Ein paar Tage nach seinem 60. Geburtstag wurde Nahmmacher fast zum Aufhören gezwungen - Herzinfarkt. "Ich rege mich jetzt einfach nicht mehr so viel auf, weil das eh nichts bringt", sagt er. Einfach alles an den Nagel zu hängen, kam nicht in Frage. Nur seine Praxis am Tegernsee gab er auf. Nach diesem Warnschuss seines Körpers verpasste er zu Saisonbeginn lediglich ein Rennen.

Nahmmacher ist Teil der Motorsport-Familie

Was ihn antreibt, ist das Gefühl, gebraucht zu werden. Es scheint wie eine Sucht zu sein. Mittlerweile verbringt er fast mehr Zeit in seinem Physio-Mobil als zu Hause in Bayern. Er ist stolz darauf, Teil der großen Motorsportfamilie zu sein und nimmt dafür auch gern das Zigeunerleben in Kauf. "ch bin immer froh, wenn das Ende der Saison erreicht ist, kann es dann aber kaum erwarten, bis ich im Januar in Dubai beim 24h-Rennen wieder im Einsatz bin." Dazwischen wird ihm aber nicht langweilig. Im Winter betreut Nahmmacher die Eishockey-Mannschaft des SC Riessersee.

Und aufhören könne er ja sowieso nicht, meint Nahmmacher. Schließlich gäbe es momentan noch keinen Nachfolger. Zwar gibt er seine Erfahrung an Praktikant Daniel weiter, der seine Arbeit möglicherweise mal fortführen wird, aber trotzdem fühlt er sich verpflichtet, so lange weiterzumachen, wie er gesund ist. Dass diese Geschichte kein Ende haben wird, prophezeite Axel Nahmmacher einst sogar Motorsport-Reporter Rainer Braun: "Irgendwann kommst du mit dem AOK-Chopper zur Rennstrecke."

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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