Pistenraupe: Pisten-Bully im Selbstversuch

Pistenbully

Ski und Rodel gut? Dann haben die Pistenraupen-Piloten einen ordentlichen Job gemacht. Wir haben uns selbst durch Hebel und Knöpfe gekämpft und versucht, das alpine Kettenmonster zu bändigen. Es wehrte sich heftig.

Die Uhr schlägt vier. Bald wird es dunkel im Kühtai. Der Wind bläst eisig und treibt die ersten Skifahrer ins warme Hotel oder zum Germknödel-Wettessen in die nächste Hütte. Doch wenn sich Fuchs und Skihaserl gute Nacht sagen, ist im Pulverschnee-Paradies keineswegs tote Hose. Ein Insektenstaat von Raupen wuselt durch die weiße Pracht und pflügt das Chaos wieder gerade, das tausende Skifahrer und Snowboarder fabriziert haben. Schließlich wirbt der höchstgelegene Wintersportort Österreichs mit bestens präparierten Abfahrten.
 

Neun Tonnen, durch die Ketten fein verteilt

Jeden Abend müssen Konrad Witsch und seine Kollegen von den Bergbahnen Kühtai mehr als 40 Pistenkilometer auf Vordermann bringen. Sobald der letzte Lift den Betrieb einstellt, geht es los. Die Schicht dauert meistens bis halb elf, Überstunden sind keine Seltenheit. Witschs Arbeitsgerät ist ein Kässbohrer Pisten-Bully. Der P300 misst von der Frontschaufel bis zum Planierschild mehr als zehn Meter und bringt in voller Montur neun Tonnen auf die Waage. Eigentlich müsste er ja im lockeren Pulverschnee versinken wie ein Stein. Doch auch wer im Physikunterricht immer nur die Kreide geholt hat, weiß: Wenn man das Gewicht gut genug verteilt, gibt’s kein Problem. Die riesigen Kettenbänder verteilen neun Tonnen so großflächig, dass pro Quadratzentimeter nur das Gewicht eines Hühnereis auf dem Schnee lastet.

Der 330 PS-Diesel treibt voran

Wir starten den Selbstversuch. Über die 1,5 Meter breiten Ketten erklimmt man den Kommandostand der Raupe. Die Augen werden groß: So viele Knöpfe! Immerhin hat der Kässbohrer Pisten-Bully eine Art Lenkrad. Es sieht aus wie das Steuerhorn einer Cessna. Die Heizung läuft auf vollen Touren, der Jagertee dampft im Getränkehalter und 330 Diesel-PS brummeln erwartungsfroh vor sich hin. Konrad Witsch, der Tiroler mit dem wettergegerbten Gesicht und Pistengeräteführer aus Leidenschaft, wacht auf dem Beifahrersitz. Witsch ist außerdem Schneemeister und kümmert sich um die Schneekanonen im Kühtai.
 
"Na hopp, aufi geht’s", ruft Witsch. Für unsere ersten Fahrversuche hat er einen flachen Hang gewählt, auf dem sich gerade keine Skifahrer befinden – sicher ist sicher. Die linke Hand umgreift das Steuerhorn, mit dem man die Ketten bedient. Eine Pistenraupe lenkt wie ein Panzer nach rechts oder links, indem die Ketten mit unterschiedlichem Tempo bewegt werden. Die rechte Hand ruht auf den zwei wichtigsten Hebeln der Raupe: Einer steuert die Frontschaufel, der andere die Walze und das Planierschild am Heck. Die Fräswelle zermahlt den Schnee samt Eisbröckchen so fein, dass das Planierschild nur noch glätten muss. Fertig ist die perfekte Skipiste. 

Doch so weit sind wir noch lange nicht. Beim Tritt aufs Gaspedal bockt die Raupe auf und fährt ruckartig an. Der erste Zug am Steuerhorn ist viel zu heftig – der Bully dreht sich fast auf der Stelle. "A bisserl mehr Gefühl", mahnt Konrad Witsch. Die Raupe braucht nur ganz sanfte Ausschläge am Steuer, um in die Kurve zu gehen. Gleichzeitig muss man aufpassen, dass sich die Frontschaufel immer in der richtigen Position befindet und sich weder zu tief noch zu flach in den Schnee frisst. Auch das harmonische Verzögern will gelernt sein: Sobald man vom Gas geht, steht der Bully wie eine Eins - fast ohne Bremsweg.
 
Nach ein paar Runden hat man den Dreh schließlich raus und wird mutiger. "Tritt ruhig amoal voll durch", ermuntert Konrad Witsch. Doch bei Vollgas gehen die Mundwinkel trotz 330 PS schnell nach unten. Die Beschleunigung ab Schrittgeschwindigkeit ist für Tempo-Freaks ziemlich enttäuschend, und mehr als 23 km/h sind nicht drin. Selbst die neuesten Pistenraupen-Modelle schaffen kaum mehr als 30 Sachen. Aber die Schneepanzer sind ja nicht gerade für Ampelrennen gedacht.
 
Immer wichtiger wird auch bei Pisten-Bullys der Verbrauch. "Je nach Fahrweise schluckt die Raupe zwischen 20 und 25 Liter pro Stunde. Wenn du den Motor immer zwischen 1.100 und 1.200 Umdrehungen hältst, verbrauchst du am wenigsten", sagt Konrad Witsch. Pro 100 Kilometer süffelt die Raupe trotzdem mehr als 200 Liter weg – und ist damit im Königreich der Kettentiere immer noch ein Sparfuchs. Ein Leopard 2-Panzer genehmigt sich locker das Doppelte.

Bis zu 60 Grad Neigung sind möglich

Nach einer Stunde Planieren und Pirouetten Drehen überlassen wir das Steuer wieder dem Profi, Konrad Witsch hat schließlich noch Dutzende Pistenkilometer vor der Brust. Selbst steile Hänge schrecken einen Pisten-Bully nicht ab – Neigungen bis zu 60 Grad sind möglich, wenn der Untergrund fest genug ist. Zur Not ziehen sich die Raupen mit einer Seilwinde selbst am Hang hoch und lassen sich zum Planieren langsam herab.
 
Der Alpin-Panzer feiert übrigens bald seinen 40. Geburtstag. 1969 ging das erste "Raupenfahrzeug zum Präparieren von Skiabfahrten" von Kässbohrer in die Serienproduktion.

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Sebastian Viehmann, press-inform

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