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Plymouth-Dakar

Ich geb Gas

Foto: James Cheadle 12 Bilder

Kein Auto teurer als 144 Euro, kein Service, keine Unterstützung. Wer bei der knapp 7.000 Kilometer langen Plymouth - Dakar Challenge an den Start geht, muss ein verdammt harter Hund sein.

10.10.2008 Michael Schröder Powered by

Stell dir vor, du stehst in der Sahara. Vor deinen Augen breitet sich nichts als Sand aus. Endlos bis zum Horizont. Dann, in der Ferne, plötzlich eine gewaltige Staubfahne. Im nächsten Moment erkennst du die Silhouetten von mindestens zwei Handvoll Autos, die sich dir und deinem modernen, Sahara-tauglichen Geländewagen auf der Wellblechartigen Piste rasch nähern. Aber hoppla - was bitteschön soll das denn? Vor dir kommen nicht die erwarteten Offroader zum Stehen, sondern irgendwelche schrottreif anmutende Gurken, denen man nicht einmal die Fahrt zum Supermarkt an der nächsten Ecke zugetraut hätte - daheim in Deutschland.

Du schaust dich um, erwartest ein Filmteam mit laufenden Kameras, das mit diesem optisch überaus verwegen daherkommenden Trupp die nächste Mad-Max-Folge dreht. Doch die Burschen, die aus diesen Autos steigen - überaus freundliche, vom Kopf bis zu den Füßen verstaubte und verschwitzte Gestalten - erzählen eine andere Geschichte. Sie seien auf der Suche nach dem ultimativen Kick. Und würden eine rund 7.000 Kilometer lange Rallye fahren. Aber nicht irgendeine und schon gar nicht die Dakar, die Mutter aller Wüstenrennen.

Wichtig ist nur das Ankommen

"Das ist doch nur eine millionenschwere PR-Schau, bei der du als Normalsterblicher ohne riesiges Budget nicht den Hauch einer Chance hast", erklärt Paul Osborn aus Bath in England, dessen biederer 74er Hillman Hunter nun neben einem 2CV und diversen Lada parkt und unter der Last eines mit Ersatzreifen und Kanistern voll beladenen Dachgepäckträgers mächtig tief in den Federn hängt. Ihre Rallye würde zwar auch Dakar im Namen tragen, aber inzwischen nicht mehr in der Hauptstadt des Senegal, sondern in Gambias Kapitale Banjul enden - 500 Kilometer weiter südlich.

Osborne ist einer von 250 Startern der "Plymouth-Dakar Challenge." Eine Rallye mit Autos, die man allenfalls in der letzten Reihe eines Fähnchenhändlers vermuten würde? "Darin liegt ja gerade der Reiz", erklärt Ulrich Timmermann aus Remscheid, der mit Kumpel Andrej Wilcke einen VW Golf, Baujahr 1988, bewegt. Bei dieser Rallye gäbe es keine Prüfungen und keine Platzierungen. Jeder sei auf sich allein gestellt, es sei nur wichtig anzukommen.

Wie und womit man sich auf den Weg von der englischen Hafenstadt Plymouth durch Frankreich, Spanien, Marokko, Westsahara, Mauretanien den Senegal und schließlich Gambia macht, sei völlig egal. Sofern man sich zumindest der Form halber den (wenigen) Spielregeln unterwirft: Der Wert des Autos darf maximal 100 Pfund (144 Euro) betragen, die Umbaukosten oder Tuningmaßnahmen dürfen 15 Pfund (22 Euro) nicht überschreiten, alle Wagen müssen links gelenkt sein und werden am Zielin Banjol für wohltätige Zwecke versteigert.

Teilnehmer kämpfen gemeinsam

Dass sich längst nicht alle haargenau an diese Vorschriften halten, mindert den Spaß nicht im Geringsten. "Unser Golf hat 750 Euro gekostet",erklärt Timmermann. "Aber wenn du im Sand fest steckst, hilft dir trotzdem jeder." Der Kopf hinter diesem Event, der 44-jährige Börsenmakler Julian Nowill aus Exeter, sieht das Ganze ohnehin recht gelassen. "Rules are made to be broken!“ Regeln sind da, um gebrochen zu werden. Ihm ginge es hauptsächlich um den Spaß an einem grandiosen Abenteuer. Damit scheint er in der Youngtimer-Szene einen Nerv getroffen zu haben: Über 8.000 Bewerbungen waren es vor der letzten Ausgabe dieser Rallye, die seit 2003 regelmäßig durchgeführt wird.

Nowills Tipp für denjenigen, der noch auf der Suche nach einem geeigneten Fahrzeug ist: Lada 1500. Der sei einfach ungemein robust. Die meisten Mercedes kämen allerdings auch regelmäßig in Banjul an. "Autos mit Allradantrieb bleiben dagegen unerwartet oft mit Defekten auf der Strecke." Die größten Hürden unterwegs? Sand und Hitze. Klar. Aber schlimmer noch seien die Schikanen der unzähligen korrupten Polizisten und Grenzbeamten. "Ohne Bestechung geht da nichts, und die wissen alle genau, wann und wo sich unsere Schrottkarawane befindet", erklärt Timmermann. Sein Golf hielt übrigens durch. Und brachte bei der Auktion am Ende der Rallye in Gambia umgerechnet 1.600 Euro ein.

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