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Porsche 550 Spyder Replica

Der kleine Bastard

Porsche 550 Spyder, Frontansicht Foto: Arturo Rivas 26 Bilder

Angesichts millionenteurer Ikonen blüht das Geschäft mit Replicas wie diesem Chamonix Spyder, der bis aufs Haar James Deans Porsche 550 Spyder "Little Bastard" gleicht. Ein Einblick in die vielschichtige Szene der mehr oder minder originalgetreuen Nachbauten.

08.10.2013 Dirk Johae Powered by

Der Vierzylinderboxermotor trompetet seine Klänge in die Morgenluft, seine 140 PS haben leichtes Spiel mit der nur 580 Kilogramm leichten Flunder. Mit 100 km/h geht es dahin über die Landstraße auf der Schwäbischen Alb. Der nur 1,18 Meter flache Zweisitzer vermittelt ein spielerisches Fahrvergnügen mit großer Frischluftzufuhr für den Fahrer.

Little Bastard-Replica aus Brasilien ab 30.000 Euro

Der luftgekühlte Motor, der direkt hinter der Trennwand gerade warm wird, kann jedoch speziell in den unteren Drehzahlbereichen sein wahres Ich als VW-Typ-4-Aggregat nicht verbergen. Die silberfarbene Karosserie wurde zudem aus Kunststoff und nicht aus Aluminium gebaut wie bei den originalen Porsche 550, von denen zwischen 1953 und 1957 nur 118 Stück entstanden.

Die sind, wenn sie überhaupt angeboten werden, schlicht sündhaft teuer. 2012 wurde ein Spyder aus dem gleichen Baujahr wie James Deans "Little Bastard" in den USA für umgerechnet 2,79 Millionen Euro versteigert. Damit bleibt der Spyder für viele Fans wie auch für mich ewig ein Traum. Deshalb greifen einige von ihnen auf eine Replica von Chamonix aus Brasilien zurück. Dank Importeur Michael Gehrke aus Lehrte gibt es das süße Spyder-Vergnügen ab einem Neupreis von 30.000 Euro.

Große Auswahl an Replicas

Der Chamonix Spyder ist aber nur eines von vielen Angeboten im großen Replica-Markt. Einige dieser Autos sind heute 30 Jahre und älter, haben längst selbst den Klassikerstatus erreicht. Die Welle von Oldtimer-Nachahmungen auf der Chassis- und Technikbasis eines VW Käfer begann in der Mitte der Siebziger - der berühmteste Vertreter trug stolz einen Hufeisenkühler. Hinter diesem typischen Merkmal für Bugatti verbarg sich aber nicht einer der legendären Vier- oder Achtzylinder aus der Molsheimer Manufaktur, sondern ein Kofferraum. Der Motor steckte Käfer-typisch im Heck - als Zugang musste das Spitzheck hochgeklappt werden.

Schon 1976 nahm sport auto diese Bugatti-Replica unter die Lupe. "Ein Auto für Liebhaber, denen es in erster Linie nicht um perfekten Nachbau, sondern vielmehr um originelle Fortbewegung geht", meinte Redakteur Dirk-Michael Conradt, später der erste Chefredakteur von Motor Klassik, und stellte fest: "Der AHK-Bugatti lässt allenfalls verknöcherte Bugattisten und humorlose Rationalisten erschaudern." Vier Firmen boten damals in Deutschland solche Bugatti Replicas an, die als fertiges Auto zum Preis eines neuen BMW 320 zu bekommen waren. Die Bewegung der Oldtimernachahmungen auf Käfer-Basis nahm mächtig Fahrt auf: 1979 wurde der Oldtimer-Replica-Club gegründet, der heute rund 300 Mitglieder hat.

Die Liste der rund 160 Replicas von Clubmitgliedern, die meist aus einem Bausatz selbst aufgebaut wurden, umfasst Marken und Typen von Bentley bis Super 7. Die Technik ist dabei längst nicht mehr auf VW-Basis beschränkt. Es gibt Flügeltürer-Replicas mit GfK-Aufbau und modernem Mercedes-Benz-Antriebsstrang ebenso wie MG TD mit Opel-Innereien.

Chamonix Spyder seit 1987 im Angebot

Dichter ans Original als die Replicas auf Käfer-Basis rückt der Chamonix Spyder, der seit 1987 angeboten wird. Die Karosserieform entspricht bis auf Details genau dem ursprünglichen Aufbau, welcher einst bei Wendler in Reutlingen gebaut wurde. Am von mir gefahrenen Exemplar waren sogar an den vorderen Kotflügeln die Plaketten des schwäbischen Karosseriebauers angebracht - wie beim Original. Auch die Motor-Getriebeanordnung sowie der Leiterrahmen entsprechen dem Ur-550.

Noch einen Schritt weiter geht Lynx Motors in Südostengland. Der in St. Leonhards on Sea angesiedelte Jaguar-Spezialist lässt originalgetreue Kopien der Jaguar-Rennsportikonen C- und D-Type entstehen. 1968 begann die Firma mit Restaurierungen, entdeckte aber schnell, dass es auch Sammler gibt, die sich mit einer Nachfertigung zufriedengeben. Bereits 1974, zwanzig Jahre nach dem ersten Sieg eines D-Type beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans, stellte Lynx die erste Kopie des offenen Rennsportwagens auf die Räder und präsentierte die Kopie auf der London Motor Show.
Lynx stützt sich bei seiner Arbeit auf ein umfangreiches Archiv, kennt sich deshalb mit den historischen Modellen und ihrer Technik wahrscheinlich mindestens so gut aus wie die mittlerweile zum indischen Tata-Konzern gehörende Sportwagenmarke Jaguar selbst.

FIA akzeptiert Nachbauten

Einen Schub bekam das Geschäft mit solchen Kopien oder Continuation Cars durch die liberale Regelung des Weltmotorsportverbands FIA. Bei historischen Rennveranstaltungen wie dem AvD-Oldtimer-Grand-Prix zum Beispiel werden nämlich nicht nur authentische Autos mit Geschichte akzeptiert, sondern auch Nachbauten. Als einzige Bedingung muss die Technik exakt der des historischen Originals entsprechen.

So werden vom Rechteinhaber der Rennwagenschmiede Chevron weiter B16 oder B19 gebaut und eingesetzt. Auch vom ursprünglich 1969 gebauten Lola T70 Mk3B gab es immer wieder Kleinserien vom Hersteller selbst, die als Continuation Cars vermarktet wurden.

Auch ein Ford GT 40 muss kein authentisches Auto aus den 1960er Jahren sein. Vom englischen Spezialisten Gelscoe gibt es "exact copies", für die ein Technischer Wagenpass der FIA (HTP) ausgestellt werden kann. Mit diesem Dokument erhalten die Gelscoe-GT 40 einen Passierschein für Oldtimerrennen. Ebenso akribisch genau fallen die Kopien von Bugatti-Rennwagen der Typen 37, 35 oder 51 aus, die von Pur Sang in Argentinien gebaut werden. "Die sind so perfekt, dass selbst Fachleute sie nur an winzigen Details noch bemerken können", beklagt ein Vorkriegsexperte.

Hauptgrund für den Trend zur Kopie auch hier: Authentische Autos sind kaum zu finden und wenn, dann nur zu astronomischen Preisen, die für begehrte Raritäten immer weiter nach oben klettern.

Fälschungen immer verbreiteter

Bedenklich wird es erst, wenn solche nahezu perfekten Kopien als echte Autos mit Geschichte ausgegeben werden. "Solche Fälschungen werden zu einem immer größeren Problem", weiß Norbert Schröder. Der Sachverständige leitet das neue Kompetenzcenter des TÜV Rheinland. Dabei geht es aber nicht immer nur um den Wertzuwachs durch eine Täuschung, sondern auch um die Straßenzulassung eines solchen Autos: Ein Pur Sang-Bugatti bekommt das H-Kennzeichen nur als authentischer Klassiker aus den 1920er oder 1930er Jahren.

Reine Geschmackssache dagegen sind Replicas mit Kunststoffkarosserie wie der Chamonix Spyder. Rechtlich angreifbar sind nur die originalgetreuen Markenzeichen der Hersteller auf dem Nachbau.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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