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Porträt Rainer Böhringer

Stern-Gespräch

Foto: Beate Jeske 17 Bilder

Rainer Böhringer hat das Handwerk des Restaurierens im Mercedes- Benz-Museum gelernt. Motor Klassik besuchte sein Familienunternehmen und erfuhr, worüber selbst Experten mal stolpern können.

08.05.2008 Malte Jürgens Powered by

Für die ernsteren Fälle hält der Meister ein unübertreffliches Patentrezept bereit: schwäbischen Unernst. Voller Zuneigung streicht Rainer Böhringer zum Beispiel über das matte und rissige Goldmetallic des siechen Sechshunderters, der da als warnendes Beispiel automobiler Vergänglichkeit in einer Ecke des properen Schauraums lagert: "Ich nenne ihn meine japanische Kirschblüte - weil an ihm der Rost so besonders schön blüht. Und weil er mal einem japanischen Tenor gehört hat."

Ein königliches Wrack aus Japan

Wie es kommt, dass die Kirschblüte jetzt im Restaurierungsbetrieb Böhringer-Wiltberger in Plüderhausen nahe Stuttgart ihre Wurzeln schlägt? Der KFZ-Meister muss schon wieder lachen: "Das war mit viel Schweiß verbunden. Der Mercedes kam aus Japan per Spedition. Eines Tages klingelt das Telefon, und ein verzweifelter Spediteur jammert, er bekäme ihn nicht mehr aus dem Container heraus. Wir also hin - da lag er so platt auf dem Bodenblech, wie ein 600er nur liegen kann. Die Luftfederung war in die Knie gegangen, und wir konnten mit Hebeln wie beim Pyramidenbau und einem Gabelstapler sehen, wie wir das Auto in meine Halle verfrachten."

Damit ging das Kirschblüten-Drama in die zweite Runde. Im Cockpit heftete als einziges Dokument ein Zettel, der einige fernöstliche Schriftzeichen trug. Unleserlich für Böhringer. "So einen Restaurierungsauftrag", lacht er, "hatte ich vorher auch noch nicht erhalten." Nach dem Check und ersten Überschlagsrechnungen zierten den Kostenvoranschlag deutlich mehr als eine halbe Million Euro. Seitdem haben sich die japanischen Besitzer nicht mehr gemeldet. Jetzt liegt er eben da.

Auch ein Profi muss manchmal Lehrgeld bezahlen

Zwischen den blitzsauberen 107-Roadstern, den Pagoden, den Heckflossen S-Klassen und dem Adenauer steht noch ein zweiter technischer Reinfall.

"Den grauen 190 SL", schmunzelt Böhringer, "habe ich vor Jahren mal zusammen mit einem 300 SL in Venezuela gekauft. Ich flog rüber, schaute mir die Autos an, zahlte und wartete auf den Container. Was dann ankam, waren nicht meine Autos, sondern zwei Ruinen. Durch den Boden des 300 SL war die Straße zu sehen, der Motor fehlte, und der 190er war nicht viel besser. Im Zuge dieses Geschäfts habe ich dann erfahren, wie schwierig es ist, in Venezuela zwei kaputte alte Autos zurückzugeben. Also habe ich sie behalten."

Der 1949 geborene Schwabe hatte 1964 seine Lehrzeit begonnen, bei Daimler- Benz und einem bis heute legendären Ausbilder: Emil Kern. Dem nämlich oblag das Instandhalten der Museums-Autos. Und als er mitbekam, wie intensiv sich der neue Stift für die alten Fahrzeuge interessierte, avancierte Böhringer rasch zu Kerns Adjutant. "Der war noch von der alten Schule und hat wirklich alles selbst gemacht", erinnert er sich, "zum Beispiel Lenkräder, Blechteile, Scheinwerfer - einfach alles. Da habe ich das Handwerk wirklich gelernt."

Jahre später traf der einstige Lehrbub seinen alten Meister wieder, auf der Veterama in Mannheim. Als Böhringer ihm erzählt, dass er sich 1983 mit einem Restaurierungsunternehmen selbständig gemacht hatte, gratuliert ihm Kern: "Endlich bist du da, wo du hingehörst."

Der Lehrzeit war die Ausbildung zum Meister gefolgt. Dann kamen die Auslandsjahre, in denen Böhringer als Instruktor weltweit Mercedes-Mechaniker schulte, später die Ausbildung zum KFZ-Sachverständigen. Letztlich der Schritt in die Selbständigkeit.

Schwäbisches Familienunternehmen mit Vorbildcharakter

Ehefrau Konstanze schmeißt das Büro, Sohn Paul arbeitet im Betrieb voll mit, seine Brüder Lukas und Max in Stoßzeiten. Tochter Sarah, gelernte Schneiderin und Mode-Designerin, kümmert sich von Fall zu Fall um Innenraumdekore, Türverkleidungen und Sitzbezüge.

Ferner kann Böhringer auf sieben weitere Mitarbeiter vertrauen, die sich mit der gleichen Sorgfalt wie der Chef um die Kundenfahrzeuge kümmern.

Ungewöhnlich ist die Philosophie, nach welcher Böhringer sich seine Restaurierungsobjekte aussucht. "Viele Kollegen verstehen nicht, warum ich gerade dieses oder jenes Auto kaufe, aber ich sehe mir bei den selbsttragenden Autos sehr genau den Karosseriezustand an. Je weniger Blech und Lack ich da ersetzen muss, desto wertvoller ist das Auto für mich. Es geht mir darum, möglichst viel Karosseriesubstanz zu erhalten - und zwar so original wie möglich."

Diese Einstellung hat Folgen. Sandstrahlen kommt bei ihm zum Beispiel nicht in Frage: "Mit dem Strahlen geht die ganze Oberflächenspannung aus dem Blech, das kann man vergessen. Unterbodenschutz wird mit der Heißluft-Pistole, einem Spachtel und der Hand am Arm abgekratzt."

Minimal-invasive Restaurierung

Lackiert wird, wenn nötig, auch mit dem Pinsel: "Die alten Glasurit-Lacke verlaufen wunderbar, aber man muss mit einem alten Pinsel streichen. Der hat nämlich noch gestuft geschnittene Borsten, und die kurzen oben am Schaft sind das Geheimnis für einen gleichmäßigen Lackverlauf. Neue Pinsel haben exakt gleich lange Borsten, die kann man für so eine Arbeit vergessen."

Das Lackieren hat er, wie kann es anders sein, von Kern gelernt. "Der fragte mich mal: Bua, hascht a Garasch dahoim? Ich sagte ja. Darauf er: Dann streich die mal, danach kannscht du au Autos lackiere."

Ein altes Auto standardmäßig bis auf die nackte Karosserie zu strippen, schadhafte Teile großflächig zu ersetzen und dann die ganze Chose wie einen Neuwagen von Hand Stück für Stück wieder aufzubauen, liegt Böhringer weniger. Er hat den Teilersatz perfektioniert. Denn er und seine Mitarbeiter beherrschen noch die hohe Kunst, Bleche Stoß an Stoß glattflächig zu verschweißen - ohne große Materialzugabe.

In der Sprache moderner Medizin würde es heißen, Böhringer restauriert minimal-invasiv; die Löcher im Körper werden so klein wie möglich gehalten. Schadhafte Stellen etwa in tragenden Schwellerbereichen werden herausgetrennt, ein Reparaturteil wird eingesetzt, dann wird Blech-in-Blech verschweißt. Eine der Lieblingsfragen von Böhringer unter einem von ihm restaurierten Auto ist die: "Zeig’ mir mal, wo die Naht ist." Dann weidet er sich am suchenden Blick des Besuchers.

Das Restaurierer-Bekenntnis des Rainer Böhringer ist simpel: "So viel Originalsubstanz erhalten wie möglich, die hohe Kunst des alten Handwerks pflegen, alte Technik rekonstruieren und daraus lernen. Und bevor ich mit dem Restaurieren beginne, baue ich mir für jedes Auto erstmal alle die Spezialwerkzeuge, die ich voraussichtlich brauchen werde."

Auf ein Lieblingsauto will sich der Mercedes-Spezialist nicht festlegen. Da ist etwa der Healey im Keller und das gewaltige Lagonda-Coupé, neben dem VW Porsche: "Jedes Auto hat seine eigene Geschichte und seinen eigenen Reiz."

An welchem Projekt er derzeit für sich privat arbeitet? "Ich verliebe mich zu bestimmten Zeiten immer in bestimmte Autos. Momentan baue ich mir gerade eine Heckflosse auf." Emil Kern hätte es mit Vergnügen gehört.

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