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Prototypen-Erprobung

Wintermekka der Autotester

press-inform 25 Bilder

Es ist bald wieder soweit. Der Dezember hält Einzug und das verschlafene Arjeplog erwacht zu seiner fünften Jahreszeit – einer Art automobiler Karneval. Der jüngst wiedergewählte Bürgermeister Fransson reibt sich die Hände. Die Autotester kommen zurück – wie Zugvögel.

17.11.2010

Jedes Jahr zu Winteranfang ist es soweit. Arjeplog, das 3.100-Seelen-Nest in Nordschweden erweckt zum Leben. Die Temperaturen sind beständig unter null Grad Celsius und die hübsche Seenlandschaft bereitet sich auf ihre Hauptsaison vor.  Auch wenn die Autoindustrie seit Monaten mit Blick auf dem Boden durch die Weltwirtschaft schleicht. Testfahrer und Entwicklungsteams kommen kaum zur Ruhe. Zu groß ist der Druck, technische Innovationen und neue Autos auf den Markt zu bringen. Im finnischen Rovaniemi oder dem nordschwedischen Arjeplog, beides unweit vom Polarkreis, sagen sich Fuchs und Elch gute Nacht. Mehr als drei Viertel des Jahres verirren sich allenfalls ein paar Angler und Naturfans an den Polarkreis. Doch wenn die Autoindustrie kommt, beginnt für gut drei Monate die fünfte Jahreszeit – ein Karneval der anderen Art. Für Thomas Hopper und Christian Billig, beides Entwicklungsingenieure bei BMW, ist es nicht der erste Winter in der schmucklosen, aber beruhigend schönen Winterlandschaft. Hopper hat es in diesen Wochen mit dem BMW X6 Hybrid zu tun, Billig erlebt bereits seinen zweiten Winter mit seinem neuesten Zögling, dem neuen BMW X1.  "Wir liegen bei der Entwicklung des X1 sehr gut in der Zeit", so Billig, "baulich ist alles festgezurrt. Jetzt geht es um die Feinabstimmung. Die Software können wir bis wenige Wochen vor Marktstart noch ändern." Beide Fahrzeuge sollen 2009 auf den Markt kommen und so haben die Entwicklerteams im streng gesicherten Artic Driving Center nordöstlich von Rovaniemi in diesen Tagen alle Hände voll zu tun. 

Wintertest-Mekka für die Autoindustrie

Arjeplog gilt in den Wintermonaten als weltweit wichtigste Region für Autotests. Hier in Lappland sind die Winter kalt, kalkulierbar und der Schnee trocken. Das mögen die Tester. Innerhalb von wenigen Tagen wird die zugefrorene Seenlandschaft zum Testmekka von A wie Alfa bis V bis Volvo. "Es gibt kaum einen Hersteller, der im Winter nicht hier ist", erzählt Wilhelm Cordes, Leiter des örtlichen BMW-Stützpunktes, "die Möglichkeiten für Autotests sind ideal." Das verschlafene Örtchen ist für rund drei Monate der mittlerweile alles andere als geheime Szenetreff der Autoindustrie. Auf den verschneiten Straßen rund um Slagnäs, Arjeplog oder Rovaniemi sieht man fast mehr bis zur Unkenntlichkeit verunstaltete Prototypen als Privatfahrzeuge der Bewohner. Hier ein verkleideter Fiat-Kleintransporter, da der neue Opel Meriva mit Schiebetüren und ein paar Meter weiter wird an der Shell-Tankstelle gerade der fast fertige Porsche Panamera betankt.

Eigene Wochenzeitung

Bürgermeister Bengt-Urban Fransson und das lokale Verlegerpärchen Illona und Johan Fjellstörm sind in Arjeplog die Konstanten. Die in die Jahre gekommenen Alt-Hippies Illona und Johan sind für Autotester und Einwohner gleichermaßen die zentrale Anlaufstelle. "Wir bringen unsere Wochenzeitung mittlerweile seit fast 20 Jahren raus", erzählt Illona Fjellstörm, "anfangs wussten die Autotester nichts über die Leute hier. Umgekehrt war es nicht anders." Kurzerhand kam das Paar auf die Idee, zur Winterzeit einen wöchentlichen Newsletter mit den Neuigkeiten aus der Region herauszubringen. Die Arjeplog Times feiert so Ende Dezember ihre jährliche Auferstehung und erscheint dann rund drei Monate.

Die Fahrzeuge sind beplankt und verklebt, so dass die meist erst in einigen Jahren auf den Markt kommenden Prototypen ihre wichtigsten Geheimnisse so lange als möglich für sich behalten. Die Testgelände der einzelnen Hersteller sind hermetisch abgeriegelt; gleiches gilt für die Eisseen, die seit Mitte November von den "Icemakers" für die Autoindustrie vorbereitet werden. "Wir arbeiten zwischen vier und acht Uhr auf den Eisflächen, damit alles für Autotests vorbereitet ist", erzählt Eismacher Mattias Jonsson, der auch schon als Testfahrer bei VW und Computerexperte in Stockholm gearbeitet hat. Jetzt geht es Nacht für Nacht mit Spezialfräsen und Poliermaschinen auf die Eisseen. "Ich freue mich jedes Jahr auf die Zeit, wenn die Autotester kommen", erzählt Bengt-Urban Fransson, "es ist einfach schön, zu sehen wie lebendig und international dann hier dann alles wird." Die Geschäfte öffnen, die Hotels reaktivieren ihr Personal und die örtlichen Tankstellen werden über Nacht zu Großkunden der skandinavischen Petrochemie.

Wo gibt es hier die freie Liebe?

Früher rieb sich auch die lokale Damenwelt die Hände über die automobilen Zugvögel. "Die Autotester blieben damals bis zu drei Monaten und waren für die örtlichen Frauen natürlich besonders attraktiv", erzählt der Bürgermeister, "das war das Ende so mancher Ehe." Chefredakteurin Illona Fjellström lacht: "Damals kamen auch Autotester aus Italien, die etwas von der freien Liebe in Schweden gehört hatten und bei uns nachgefragt haben, wo es hier so etwas gibt." Sie selbst hat es vor Jahrzehnten aus dem südafrikanischen Johannesburg nach Arjeplog verschlagen. Die Zeiten der freien Liebe sind vorbei. Die rund 2.000 bis 2.500 Ingenieure und Testfahrer, die regelmäßig in der Region arbeiten, sind mittlerweile deutlich kürzer in der Nähe des Polarkreises.

Jäger und Gejagte

Außer der Autoindustrie gibt es in Arjeplog nicht viel. Ein COOP-Markt, eine handvoll kleiner Geschäfte, die Lokalpostille "Arjeplog Times" und zwei Tankstellen. "Die Tankstellen sind unsere Achilles-Ferse", bekennt Stefan Hache, Leiter der Entwicklungsabteilung für S- und CL-Klasse von Mercedes, "irgendwann müssen schließlich auch unsere Prototypen einmal zum Tanken." Erlkönigjäger fallen in den Wintermonaten ebenfalls in Lappland ein. "Manchmal ist es schon abenteuerlich, was die machen, um an ein Foto zu bekommen", so Entwickler Oliver Jung, "da werden Straßen versperrt und Kollegen ausgebremst." Während sich in der schwedischen Region rund um Arjeplog, Arvidsjaur und Slagnäs außer den Autotestern kaum jemand verirrt, geht es in Rovaniemi auf der finnischen Seite turbulenter zu. Rovaniemi wirbt damit, der Wohnort des Weihnachtsmannes zu sein. Entsprechend groß ist der Andrang von Familien mit Kindern während des gesamten Winters. Das Santa-Claus-Dorf hat sich zu einer Touristenhochburg entwickelt. Die meisten kommen aus Asien, den USA, Südeuropa und England an den schwedischen Polarkreis.

Erlkönige interessieren die Leute nicht

Zurück nach Nordfinnland, ein paar Autostunden weiter östlich. Arjeplog war weitgehend unbekannt und wurde Anfang der 70er Jahre durch Zufall von der Autoindustrie entdeckt. "Es gab Firmen, die im 500 Kilometer nördlich gelegenen Kiruna getestet haben und denen bei einem Tankstopp die Landebahn auf einer Eisfläche auffiel", erzählt Bürgermeister Fransson. Was 1973 begann und sich durch das starke Engagement von Firmen wie Bosch und Mercedes-Benz vor rund 30 Jahren fortsetzte, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Im Winter sind fast alle hier. Hersteller wie Fiat, BMW, Kia, Mercedes, Audi und Opel gehen ebenso auf Straßen und Eisseen rund um Arjeplog auf Erprobungstouren wie die großen Zulieferer von Delphi, Bosch oder Continental. Dazu kommen die Reifenhersteller, die die neuesten Profile und Gummimischungen testen. "Nein, eine Häufung von Unfällen haben wir hier noch nicht feststellen können", erzählt Fransson, "wir haben drei Polizisten, die in Arjeplog stationiert sind – zumindest tagsüber und in der Woche." Wenn eine Armada von dunkel verklebten Prototypen über die Hauptstraße fährt, dreht sich kein einziger Bewohner von Arjeplog um. Bengt-Urban Fransson: "Die Leute hier wissen, wie wichtig die Autoindustrie für sie ist. Nur als in den 90er Jahren einmal eine handvoll Rolls Royce vor dem COOP-Laden stand, haben sich doch einige umgedreht."

Ohne Autotester wären wir hier nichts

Bürgermeister Bengt Urban Fransson lehnt sich an seinem Schreibtisch zurück und blickt in die Vergangenheit: "Die letzte Mine hat hier im Jahre 2002 geschlossen. Wir bemühen uns langsam, einen Tourismus aufzubauen. Einfach ist das nicht. Ohne die Autoindustrie wären wir hier einfach nichts. Im Sommer sind die Hotels daher zumeist geschlossen. Im Winter sind wir dagegen komplett ausgebucht." In der Testhauptsaison zwischen Ende Januar und Anfang März bevölkern mehr als 2.000 Testfahrer und Entwicklungsingenieure das kleine Örtchen. Auf der anderen Seite gibt es gerade einmal 600 Hotelbetten. Viele müssen auf die 170 Privatquartiere ausweichen und machen dies nicht einmal ungern. Die Testfahrer haben hier zumeist eine Sechs-Tage-Woche und zirkeln zehn Stunden am Tag Spuren in den Schnee. Getestet werden in erster Linie die immer wichtiger gewordenen Regelsysteme der Autos, aber auch Kaltstartverhalten, Motor- und Getriebekonfigurationen. "Wir sind sozusagen der erste kritische Kunde und überprüfen die Eigenschaften der Fahrzeuge", erzählt der warm eingepackte BMW-Entwicklungsingenieur Oliver Jung am Steuer eines getarnten Prototypen. Rund drei Wochen fühlt er den neuen Modellen auf den Zahn. Wenn alles im Zeitplan ist, geht es zurück nach München oder als krassen Gegensatz vielleicht zur Heißlanderprobung in den Süden Afrikas oder nach Nevada.

Was fehlt ist ein Flughafen

Pro Saison bringen die Autofirmen 450 Millionen Kronen, umgerechnet rund 45 Millionen Euro, in die 13.000 Quadratmeter große Kommune. Was Arjeplog fehlt, ist ein Flughafen. "Die Entwicklungsabteilungen fahren einen Teil der Prototypen auf eigener Achse hier hoch. Das sind mindestens 2.300 Kilometer in drei bis vier Tagen", so BMW-Koordinator Wilhelm Cordes, "die wechselnden Teams fliegen dann mit einem Industriecharter ins 80 Kilometer entfernte Arvidsjaur und dann geht es weiter in unser Testcenter." Die Teams der Autotester sind ebenso groß wie vielfältig. "Bei uns sind täglich rund 200 bis 250 Leute auf dem Testgelände", erzählt Bernd Löper, Entwicklungsverantwortlicher für die Brennstoffzellenfahrzeuge bei Mercedes-Benz. Gerade die alternativen Antriebskonzepte erleben in Lappland derzeit ihren zweiten heißen Winter.

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