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Puch 240 GD in den Alpen

Alpines Offroad-Abenteuer im G-Modell

Steyr Puch 240 GD 13 Bilder

Versorgung der 2.443 Meter hoch gelegenen Wiesbadener Hütte im Montafon lautete der Auftrag - ein Job für ein Auto ohne Furcht, in diesem Fall einen Puch 240 GD. Am Steuer: Redakteur Michael Schröder.

25.05.2012 Michael Schröder Powered by

Punkt neun Uhr steht die Fracht bereit. Vier Kartons voller Nudeln, Müsliriegel und Süßwaren sowie drei Fässer Bier - wertvolle Verpflegung für ausgelaugte Bergsteiger, die vom Gipfel des markanten 3.312 Meter hohen Piz Buin zurückkehren. Oder für Wanderer, die sich nach der Ankunft in der Wiesbadener Hütte ebenso erschöpft fühlen dürfen wie einst Reinhold Messner nach seiner Besteigung des Mount Everest.

Der Alleskönner G wirkt wie eine Festung

Hüttenwirt Heinrich Lorenz begutachtet am Westufer des Silvretta-Stausees das Verzurren der Fracht im Puch 240 GD, hätte sich insgeheim jedoch etwas mehr Ladekapazität gewünscht, als sie die kurze Version des G-Modells im Gepäckraum und auf der Rückbank aufbietet. Aber das Zeug muss rauf, alles was heute noch geht, denn morgen beginnt die Sommersaison (20 Juni). Der Weg sei nicht zu verfehlen, erklärt Lorenz - links der Fels, rechts der Abgrund. Ob er an den besonders kniffligen Stellen auf uns warten soll? 

Natürlich nicht, lautet die Antwort, Fotograf Hardy Mutschler und ich geben uns souverän. Lorenz' Blicke lassen vermuten, dass er dem Auto die Strecke zutraut, im Zweifel wird's der G schon richten. Dann verschwindet der Österreicher auf dem schmalen Wanderweg inmitten einer grandiosen Bergkulisse. Sein Vehikel: ein vollbeladener Transporter des italienischen Herstellers Caron. Vierradantrieb (klar), insgesamt 24 Vorwärtsgänge, 45 Grad Lenkeinschlag und ein zentrales Gelenk im Rahmen, damit alle Räder stets Bodenkontakt haben. Bei diesem Anblick verfällt selbst ein gestandener Unimog in tiefe Depression.

Die ersten Meter im Puch stimmen jedoch zuversichtlich. Das H-Kennzeichen prangt wie eine Auszeichnung vorn links über der Stoßstange. Für eine 30-jährige Bauzeit, in denen es sehr vielen Autos misslungen ist, sich im Gelände mit einem G-Modell zu messen, egal, ob ein Puch-Emblem oder der Mercedes-Stern dessen unverwechselbares Gesicht ziert. Wie eine Festung steht er da, ein Alleskönner, der seit 1979 bei der Steyr-Daimler-Puch AG (heute Magna Steyr AG) in Graz gefertigt wird. Und uns nun zu verhöhnen scheint, weil wir nicht mit mehr als mit diesem Spazierweg aufwarten können, um ihn ernsthaft aus der Reserve zu locken. 

Im Gelände ist das österreichische G-Modell glücklich

Der Puch G240 GD braucht schweres Gelände, um den Fahrer vollends glücklich zu machen. Nach einer siebenjährigen Entwicklungszeit und zahlreichen extremen Tests darf man ein gewisses Maß an Souveränität jedoch getrost zur Schau tragen. So lang hatte es gedauert, bis man sich bei Mercedes, dem Lieferanten der Achsen und Motoren, sowie bei Puch, wo das Allradsystem erdacht wurde, endgültig sicher war, ein nahezu konkurrenzloses Fahrzeug fürs Gröbste geschaffen zu haben. Rund 90 Prozent der bis heute in Graz produzierten G-Modelle tragen den Namen Mercedes-Benz. Die in Österreich, in der Schweiz sowie im Osten Europas angebotenen, baugleichen Versionen wie unser 240 GD hören auf Puch.

Der rollt ab jetzt in den extrem kurzen Gängen des zugeschalteten Untersetzungsgetriebes unaufhaltsam bergan. Auf einmal verfügt das Auto über die Selbstsicherheit einer Zahnradbahn, keine Spur mehr von der Drehmomentschwäche des 72 PS starken Diesels, dem die Anfahrt über die kehrenreiche Silvretta-Hochalpenstraße so arg zu schaffen machte. 

Selbst das zusätzliche Gewicht einer Handvoll Schüler, die mit ihrer Klasse auf Wandertag sind und sich für ein paar Meter auf der hinteren Stoßstange bei Schrittgeschwindigkeit eine Mitfahrt ergaunern, lassen unseren G nicht ernsthaft aus dem Tritt kommen. 

Im nächsten Moment verschwindet der türkis schimmernde Stausee aus dem Blickfeld, endet mit dem Handynetz endgültig die Zivilisation. Mangels Wendemöglichkeit gibt es nur noch eine Fahrtrichtung - bergauf, durch ein Tal schräg am Hang direkt auf die verschneiten Bergriesen Piz Buin und Silvrettahorn zu. Im offenen Puch drängt sich dieses kolossale Panorama der Besatzung ungehindert von allen Seiten auf. Selten habe ich die Alpen an so einem perfekten Tag erlebt wie heute, kann mich an dem Gebotenen nicht satt sehen.

Joker des Puch G 240: zwei Differenzialsperren

Gut acht Kilometer sind es vom bereits 2.030 Meter hochgelegenen Stausee bis zur Wiesbadener Hütte, der Weg legt dabei 413 Höhenmeter zurück. Werte, die theoretisch niemanden beeindrucken. Praktisch sieht die Sache dann doch irgendwie anders aus. Nämlich dann, wenn die in den Felsen gehauene Strecke sich als nur wenige Zentimeter breiter als das Auto entpuppt (was er gefühltermaßen die meiste Zeit tut). Offensichtlich verlangt der Berg für einen sorgenfreien Anstieg ein Opfer, den linken Außenspiegel beispielsweise. Der Abgrund auf der Beifahrerseite dürfte inzwischen über hundert Meter tief sein. Aussteigen scheidet an solchen Passagen aus.

Felsabsätze, tiefe Rinnen oder Schneereste sorgen zusätzlich für eine demütige Haltung am Steuer, die Steigung besonders in den engen Kehren tut ihr übriges. Die Trasse beeindruckt jedoch ausschließlich Fahrer und Fotograf, nicht aber das Auto. Auf diesen Metern bewährt sich ein altes wie simples Rezept: viel Bodenfreiheit im Verbund mit üppig profilierten Reifen, in diesem Fall nicht serienmäßige, aber höchst imposante 235er, die die Bezeichnung "Mud Terrain" tragen und sich mit dem Grund förmlich verzahnen. 

Bei Bedarf ließen sich - sozusagen der letzte Joker - zwei Sperren zuschalten, die zu je 100 Prozent auf die Differenziale von beiden Achsen wirken. Dann würde dieser tapfere Puch Hardy und mich vermutlich sogar bis zum Gipfelkreuz des immer näher kommenden Piz Buin tragen. Doch obwohl sich der G ordentlich abrackert, scheint er noch lange nicht an seine Grenzen gekommen zu sein. Schier unglaublich, wozu 72 PS bei einem immerhin 1.900 Kilo schweren Auto plus Besatzung in der Lage sind. Die Differenzialsperren wird der Puch an diesem Tag auch nicht mehr brauchen. Schade eigentlich.

Allmählich gewöhnen Hardy und ich uns an das Reisetempo knapp über Schrittgeschwindigkeit, fühlen uns durch das vorsichtige Navigieren in dem rauen Terrain an den französischen Kinoklassiker "Lohn der Angst" erinnert. Randvoll mit Nitroglyzerin beladen, würde einem jetzt ganz schön die Düse gehen, bei Bier und Nudeln als Fracht eher nicht, jegliche anfänglichen Bedenken haben sich längst in der klaren Bergluft verflüchtigt. Wenn wir könnten, oder besser: dürften - wir würden in diesem G die nächsten drei Wochen offroad durch die Alpen kreuzen.

Viel zu schnell taucht ein paar Kehren später die Wiesbadener Hütte auf, ein Lager für 200 Personen mit grandioser Aussicht. Obwohl die Eröffnung erst für morgen geplant ist, herrscht auf der Terrasse überraschend viel Betrieb. Das sei nichts gegen den Ansturm am Wochenende, erklärt Hüttenwirt Lorenz, und nimmt die Fracht in Empfang. Wie's aussieht, wird er dringend Nachschub brauchen. Der Puch und wir hätten nichts dagegen.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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