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Palace Car Company

Pullman – Herrschaftlich unterwegs

Foto: Mercedes 25 Bilder

Pullman – der Name klingt weitaus besser als „Stretch-Limousine“, wie viele die verlängerten Fahrzeuge nennen. Seit fast 150 Jahren steht der Namenszusatz Pullman für die angenehmste Art zu reisen.

24.09.2008 Kai Klauder Powered by

Der Name geht zurück auf die luxuriösen Eisenbahnwagen der Pullman Palace Car Company. Treibende Kraft dahinter war George Mortimer Pullman, der seine Vorstellung von entspanntem Reisen in den von ihm entwickelten Reisewagen realisiert. 1863 meldet er seinen ersten Schlafwagen zum Patent an und gründet 1867 die Pullman Palace Car Company. 1880 lässt diese in der Nähe von Chicago die Industriestadt Pullman City entstehen, von wo aus die Reisewagen in die ganze Welt exportiert werden.

Die Pullman-Waggons sind damals die komfortabelste Möglichkeit, lange Strecken zurückzulegen. Außerdem besitzen sie jeglichen Komfort, der seinerzeit möglich war: Liege- und Schlafmöglichkeiten, mondäne Innenausstattung und ein aufwändiges Drehgestellfahrwerk lassen die Passagiere die oft tagelangen Fahrten genießen.

So verwundert es kaum, dass der Name Pullman bei der aufkommenden Motorisierung als Synonym für die luxuriösesten Automobile herangezogen wird. Die Bezeichnung Pullman-Limousine bürgert sich schnell ein und wird repräsentativen Fahrzeugen verliehen, die im Vergleich zu den Serienfahrzeugen, auf denen sie aufbauen, einen verlängerten Radstand besitzen, sowie mindestens vier Türen und sechs Sitzplätze, die meist im Fond vis-a-vis angeordnet sind.

Der größte Teil der aktuellen Pullman-Fahrzeuge ist gepanzert und besitzt eine geschlossene Bauform. Früher wurden jedoch auch Pullman-Cabriolets, Pullman-Cabriolimousinen und Pullman-Landaulets gefertigt.

Adenauer-Mercedes ohne Namenszusatz

Die Hersteller lieferten ab den 1920er-Jahren meist das Fahrgestell samt Antriebseinheit, Karosseriers stellten nach Kundenwunsch den Aufbau und die Karosserie her. Bereits das erste Mercedes-Benz-Sonderschutz-Fahrzeug von 1928 ist eine lange Pullman-Version des Typs 460 Nürburg (W 08). Ihm folgen der 770 K, der unter anderem dem japanischen Kaiser Hirohito standesgemäßen Schutz bietet.

Mit Mercedes und Borgward haben in den 1950er-Jahren zwei deutsche Hersteller Pullman-Limousinen im Programm. Während dem Borgward Hansa 2400 Pullman kein Erfolg beschieden war, schuf Mercedes mit dem Adenauer-Mercedes ein selbstbewusstes Monument im Nachkriegsdeutschland.

Die lange Pullman-Version des Mercedes Typ 300 (Baureihe W 186) entsteht 1956 auf Wunsch des Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Der Radstand wird um 10 Zentimeter verlängert, ein Schiebedach und eine Trennwand zwischen Fond und Fahrer sind weitere Merkmale des Repräsentationsfahrzeugs, das allerdings auf den Namenszusatz Pullman verzichten muss, obwohl der Mercedes 600 das Synonym für eine Pullman-Limousine ist.

Ab 1964 die Definition der Pullman-Limousine: W 100

Als 1964 der Mercedes 600 (W 100) vorgestellt wird, ist er das Maß der Dinge: Ein Radstand von 3,90 Meter und eine Gesamtlänge von mehr als 5,5 Meter bieten genügend Platz für politische Schwergewichte, Luftfederung, Automatikgetriebe, Servolenkung und nicht zuletzt der V8-Motor mit 250 PS sorgen für souveränes Fortkommen – wenn nötig mit einer Höchstgeschwindigkeit von 205 km/h.

Viele Prominente, Schauspieler und Unternehmer nutzen die Wirkung des herrschaftlichen Fahrzeugs. Elisabeth Taylor, John Lennon, Aristoteles Onassis, Herbert von Karajan, Coco Chanel, Udo Jürgens, Max Grundig, Elvs Presley, Ivan Rebroff, Mao Zedong oder Johannes von Thurn und Taxis – sie alle ließen sich in dem Mercedes 600 chauffieren, nur wenige fuhren ihn selbst.

Für Papst Paul VI. wird 1965 ein Landaulet angefertigt, in dessen Fond ein einzelner Sessel – eher ein Thron – installiert wird. Nach 20 Jahren Einsatz gibt es der Vatikan 1985 an Mercedes zurück. Heute ist das Pullman-Landaulet im Mercedes-Museum zu besichtigen.

Panzerung zieht in die Pullmans ein

Da die Pullman-Limousinen vornehmlich für Politiker zu Repräsentationszwecken genutzt wurden, kommt früh der Wunsch nach Sicherheitsaustattung auf. Im Mercedes 600 bringt die Panzerung rund zwei Tonnen auf die Waage – zusätzlich zum Leergewicht von rund 2,5 bis 3,3 Tonnen.

Die Nachfolger des Mercedes 600 werden auf Basis der Modellreihen W 109 und W126 in Einzelstücken gebaut. Serienmäßig kommt erst 1995 mit dem S 600 Pullman eine Langversion auf den Markt. Basis ist hier die S-Klasse der Baureihe W 140. Die gepanzerte Version wiegt 4,4 Tonnen und ist auf 160 km/h Höchstgeschwindigkeit beschränkt. Der Nachfolger (W 220) erscheint 2001 als Pullman-Variante, ab Ende 2008 wird der Mercedes S 600 Pullman Guard als Karosserie-Variante der W 221-S-Klasse verkauft.

Warum Pullman unter 50 Zentimeter Beton liegt

Übrigens: Die modern ausgestatteten Gebäude, Geschäfte und Freizeiteinrichtungen in der Industriestadt Pullman City waren Eigentum der Pullman Palace Car Company. Dies war ein moderner Ansatz, doch sorgte er für einen Streik mit gewalttätigen Auseinandersetzungen im Jahre 1894, als Pullman die Löhne um ein Viertel senkte, die Mietforderungen jedoch vollumfänglich aufrecht erhielt. Rund 25 Todesopfer, 60 verletzte und ein Sachschaden von 80 Millionen US-Dollar war zu beklagen. Pullman war spätestens seit dem Streik äußerst umstritten und sah sich massiven Bedrohungen ausgesetzt. Als Pullman 1897 starb, sicherte seine Familie das Grab mit einer fast 50 Zentimeter dicken Betondecke, um ihn vor Vandalismus zu schützen.

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